WILLISAU: Alte Jazzgeister in die Gegenwart geholt

Es ist abwechslungsreich und herausfordernd geblieben: Das Jazz Festival ist am Sonntag mit einem tollen Frauensextett zu Ende gegangen. Aber auch andere Formationen sorgten für Kontraste und Überraschungen.

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String Blö am Jazz Festival Willisau. (Bild: Philipp Schmidli)

String Blö am Jazz Festival Willisau. (Bild: Philipp Schmidli)

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Es war nicht das einschläfernde und wenig inspirierte Set des grossen Drummers Andrew Cyrille, das vom Schlusspunkt in der Festhalle in Erinnerung bleiben wird. Es waren die sechs Musikerinnen des Anna-Högberg-Sextetts, die mit ihrem erfrischenden, leidenschaftlichen Auftritt zuvor das Publikum beglückten. Die kreischenden Sax-Sätze und das wache Freeplay-Gewusel der jungen Schwedinnen brachten die alten Jazzgeister ins Hier und Heute. Wunderbar tief und berührend war der hymnische Track «The Family», der wie ein nordischer Volkslied-Blues die Herzen wärmt.

«Ich bin sehr zufrieden, wie alles gelaufen ist», kommentierte Festivalleiter Arno Troxler am Sonntag. Er hatte dieses Jahr ein Menü angerichtet, das nicht eben mit grossen Namen protzte, wiederum mehreren einheimischen Formationen eine Plattform gab und den Fokus betont auf alle vier Bühnen richtete. «Für uns sind die Intimities, der Late Spot und das Zelt nicht einfach Rahmenprogramm, sondern musikalisch gleichwertige Angebote wie die Festhalle. Alle diese Bühnen haben Aufmerksamkeit verdient.»

Der Publikumsaufmarsch gab ihm recht. Der diesjährige Besucheraufmarsch war laut Troxler gleich gross wie im letzten, sehr erfolgreichen Jahr. Genauere Zahlen werden wie immer nicht kommuniziert. Die Festhalle war durchgehend gut ausgelastet. Trotz des zumeist garstigen Regenwetters gab es keinen einzigen Durchhänger. Auch die Rathausbühne, die Zeltkonzerte und die mitternächtlichen Gigs am Wochenende waren sehr gut besucht. Die Konzerte mit den einheimischen Bands oder der Abend mit dem amerikanischen Folk- und Countryjazzer Sam Amidon brachten vermehrt junge Leute nach Willisau.

Ein Orchester aus unabhängigen Zellen

Für einen Höhepunkt an geballter musikalischer Stringenz sorgte am Samstag der New Yorker Trompeter Peter Evans, ein musikalischer Abenteurer der Extraklasse. Keine Gratwanderung scheint ihm Mühe zu bereiten. Über Stock und Stein und in den kühnsten Lagen findet er sich zurecht. Entsprechend vielfältig und anspruchsvoll sind seine Projekte. Das Set seines jüngsten Ensembles, das einen beeindruckenden Instrumentenpark auf die Bühne brachte, bestand aus einer Folge von ineinander fliessenden Episoden, die episch wie dramatisch angerichtet wurden. Mit melodisch quirligen Interventionen und scharfen Phrasen kanalisierte Evans die Energie und gab ihr eine Richtung.

Das Sextett entpuppte sich als hochmotoriges Kleinorchester. Die einzelnen Sektionen laborierten wie unabhängige Zellen pausenlos an musikalischen Details, die sich permanent zu einem grösseren Ganzen formten. Das war nicht eine Klangmaschine, sondern ein Organismus. Akustische und elektronische Texturen schoben sich ineinander und amalgierten zu einer zeitgenössisch-urbanen Skulptur aus Sound und Bewegung.

Der Groove-Faktor war hoch, selbst wenn er von komplexen Linien und harmonischen Chaosgefügen überlagert wurde. Die Strukturen und formalen Eckpunkte liefen quasi unterirdisch mit, bis sie unvermutet auftauchten und die einzelnen Stränge präzise zusammenführten.

Zu den auffallenden Instrumentalisten gehörten neben Peter Evans der Pianist Ron Stabinsky und der grandiose Perkussionist Levy Lorenzo, der sein umfangreiches Schlagwerk-Arsenal wie ein alchemistischer Kampfkünstler in Aktion setzte.

Minimal-Präzision und Rockenergie

Neben Le String Blö, die das Festival eröffneten, hat Arno Troxler am Samstagabend einer weiteren einheimischen Formation (Luzern/Zürich) prominenten Raum gegeben: Kali nutzten die Gunst der Stunde und setzten eine klanglich und rhythmisch ausgeklügelte Musik in Gang, die sich mit ruhiger Akribie auf Stimmungen und Texturen fokussierte.

Im Spannungsfeld von Minimal-Music-Präzision und Rockenergie fügten sie repetitive Patterns, präparierte Tastensounds und vertrackte Rhythmik zu dynamischen Zyklen. Mit dem ersten Track, der zum intensiven Crescendo wurde, setzten Raphael Loher (p), Urs Müller (g) und Nicolas Stocker (dr) einen Pegel an Dringlichkeit und Bündelung der Ideen, wie er später nicht mehr ganz erreicht wurde.

Nach dem eher ruhigen und harmonischen Set der US-Pianistinnen Kris Davis und Angelica Sanchez im «Duopoly» an zwei Flügeln kontrastierte das mit dem vital mitmischenden Analog-Elektroniker Thomas Lehn erweiterte Trio Jacques De­mierre (p), Urs Leimgruber (saxes) und Barre Phillips (b) mit einem Set von aufregender totaler Improvisation.

Obwohl der Fokus auf Impulsivität gerichtet war, wirkten die Interaktionen geerdet. Ätherische Soundgewebe an den Randzonen des Hörbaren wechselten mit monumentalen Noise-Flächen, die reichlich ausgekostet wurden. Wie schon BassDrumBone zu Beginn des Festivals zeigten diese erfahrenen Musiker, wie die Früchte des Unvorhergesehenen schmecken können, wenn man sie reifen lässt.