WILLISAU: Bluegrass im «mountain valley, outside of Willisau»

Banjos und Fiddles, Gitarren und Mandolinen – und das in speziellem Ambiente: Das Spring Bluegrass Festival Willisau wird 15. Ein Gespräch mit Organisator Bruno Steffen.

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Die Headliner: The Karl Shiflett & Big Country Show.Bilder PD (Bild: PD)

Die Headliner: The Karl Shiflett & Big Country Show.Bilder PD (Bild: PD)

Bruno Steffen, viele Leute meinen, Bluegrass habe etwas mit Blues zu tun.

Bruno Steffen: Blues ist in der schwarzen Sklavenbevölkerung im Süden der USA entstanden, Blue-grass ist die Musik der europäischen Einwanderer. In den 1940erJahren begann der Mandolinen- spieler Bill Monroe verschiedene Elemente der Oldtime Music, des Blues, der Kirchengesänge und der Hillbilly Music zu verschmelzen. Der Sound wurde geprägt vom jungen Banjospieler Earl Scruggs. Die Band nannte sich Bill Monroe & his Bluegrass Boys. Darauf geht die Stilbezeichnung zurück.

Was sind die Merkmale des Bluegrass?

Steffen: Die Bands spielen rein akustische Instrumente, wie sie die irischen und deutschen Einwanderer in die USA gebracht haben: Banjo, Fiddle (Violine), Mandoline, Gitarre und Kontrabass. Dazu kommt auch Gesang, oft mehrstimmig. Bluegrass ist in den Appalachen entstanden, in Staaten wie Kentucky, Virginia, West Virginia, Tennessee und North Carolina.

Wo das Gras blau ist?

Steffen: Der eigentliche Blue-­grass-State ist Kentucky. Dort soll das Gras abends im Gegenlicht bläulich schimmern. Darauf geht der Name zurück.

Wie populär ist Bluegrass in der Schweiz? Wie gross ist die Anhängerschaft?

Steffen: Seit 20 Jahren gibt es die Swiss Bluegrass Music Associa­tion. Der Dachverband zählt 300 Mitglieder. Es ist eine kleine Szene. Wahrscheinlich sind es kaum 2000 Leute, die in der Schweiz regelmässig Bluegrass hören.

Trotzdem organisieren Sie ein Festival, das bereits seit 15 Jahren bestens funktioniert. Wie kam das?

Steffen: Ich hatte schon früher gelegentlich ein Bluegrass-Konzert in Willisau veranstaltet. 2000 hörten wir von einer tollen Band, die gerade auf Europa-Tournee war. Wir hatten aber schon eine Band gebucht. Also sagte ich mir: Dann nehmen wir noch eine Band dazu und machen ein kleines Festival. Dieses ging 2000 in der ehemaligen Landwirtschaftlichen Schule Willisau über die Bühne. Mit vier Bands, 15 Sponsoren, 20 Helfern und 150 Besuchern. Seitdem legen wir jedes Jahr ein wenig zu. Heute haben wir acht Bands und 600 Besucher.

Das Spring Bluegrass Festival Willisau ist das grösste der Schweiz.

Steffen: Nun ja, das grösste, ich weiss nicht. Darum ging es nie. Es gibt auch in Stetten AG, Lommis TG und Thun Bluegrass-Festivals, die zum Teil noch älter sind. Wir haben seinerzeit beschlossen, das Festival im Mai durchzuführen, wenn jeweils in Holland das europäische Bluegrass-Treffen stattfindet. Das hat uns auch finanziell ermöglicht, immer wieder Bands aus den USA, die auf Europa-Tournee waren, zu engagieren. So haben wir uns sicher einen guten Namen gemacht.

Was sind das für Leute, die Bluegrass hören? Sind sie eher ländlich und konservativ?

Steffen: Das hat sicher etwas. Aber es gibt auch moderne Blue-grass-Formen mit Country- oder Singer-Songwriter-Einflüssen, die auch ein alternatives oder jüngeres Publikum ansprechen. Das typische Bluegrass-Publikum ist eher älter. Es will nicht Partys oder laute Events, sondern in konzertantem Rahmen Musik hören. Unsere Besucher kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten, vom Strassenarbeiter bis zum Banker.

Was ist die Attraktion der diesjährigen Jubiläumsausgabe?

Steffen: Mit The Karl Shiflett & Big Country Show fliegen wir erstmals exklusiv eine US-Band aus Texas ein, die noch nie in Europa aufgetreten ist. Mit der Foghorn Stringband ist ein junges Quartett da, das sich explizit dem Old- Time-Stil der 1920er- und 1930er-Jahre verpflichtet. Es ist ein frischer Sound mit Drive. Diese Band ist gerade auf Europa-Tournee, und wir haben sie gerne ins Programm genommen.

Mit Zydeco Annie & Swamp Cats ist erstmals eine Zydeco-Band zu hören. Was ist hier die Verbindung zum Bluegrass?

Steffen: Zydeco oder Cajun ist die Musik, wie sie sich bei den französisch sprechenden Siedlern in Louisiana entwickelt hat. Das Örgeli ist das zentrale Instrument. Bei dieser Band kommen aber mit Fiddle, Gitarre und Mandoline typische Bluegrass-Instrumente dazu.

Wie finanziert ihr das Festival?

Steffen: Neben den Eintritten und den Einnahmen aus der Festwirtschaft vor allem durch die Beiträge von Sponsoren und dem Bluegrass-Gönner-Club Willisau. Das geht vom Gewerbler bis zur Bank, vom grösseren Unternehmen bis zur Versicherung. Wir haben viele treue Sponsoren, was auch damit zu tun hat, dass wir sie kennen und eine persönliche Beziehung pflegen.

Was bietet das Festival nebst Konzerten?

Steffen: Es gibt ein paar Stände, wo CDs und Musikinstrumente angeboten werden. Auf dem Gelände befindet sich ein Planwagen, dort kann man einen Cowboy-Coffee trinken. Unsere kulinarische Spezialität sind grillierte Poulets. Letztes Jahr kommentierte ein US-Musiker: «The best chickens in the world.» Schliesslich macht uns auch das spezielle Ambiente zu einem besonderen Festival.

Das Festival findet seit 2006 im Schweizerischen Agrarmuseum Burgrain in Alberswil statt. Wie muss man sich das vorstellen?

Steffen: Wir müssen nicht gross dekorieren, um eine passende Atmosphäre zu schaffen. Die Bands spielen in einer Halle, wo alte landwirtschaftliche Maschinen und Geräte herumstehen. Dort sitzen auch die Zuschauer, und es hat Bänke und Tische. Bei schönem Wetter ist man draussen unter der Linde.

Wie gefällt das den Musikern? Haben Sie spezielle Feedbacks erhalten?

Steffen: Im Jahr 2011 hatten The Crooked Brothers aus Kanada am Festival gespielt. Sie haben auf ihrer Homepage eine schöne Würdigung über den Auftritt bei uns hinterlassen. Sie hätten in einem «mountain valley outside of the town of Willisau» gespielt, heisst es da, inmitten von 200 Jahre alten Farmer-Utensilien, während draussen vom Hügel her die Kuhglocken klangen. «A sound I will never forget, a sound that fills the soul.»

Interview Pirmin Bossart