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WILLISAU: Jazz Festival: Die hohe Kunst der Verflüssigung

Das 42. Jazz Festival Willisau ist glänzend gestartet: mit einem Kontrastprogramm aus swingendem Jazz und freier Energy-Music.
Pirmin Bossart
Peter Schärli hat seine Rebellion gegen das Genormte in eine innere Läuterung transformiert. (Bild: Keystone/Alexandra Wey)

Peter Schärli hat seine Rebellion gegen das Genormte in eine innere Läuterung transformiert. (Bild: Keystone/Alexandra Wey)

Pirmin Bossart

So viel Publikum am Auftaktabend hat das Festival in den letzten Jahren nicht mehr erlebt. Die Festhalle war locker voll, die Stimmung köchelte erwartungsvoll. Mit dem Trompeter Peter Schärli und seinem Trio Featuring Glenn Ferris eröffnete ein Musiker das Festival, der aus der Region stammt und dessen inzwischen fast 40 Jahre lange musikalische Karriere wesentlich von Jazz in Willisau geprägt worden ist.

Aus einem Guss

Dieser Schärli, der in früheren Jahren als exzessiver Bläser durch sein persönliches Feuer des Free Jazz ging, hat sich musikalisch zu einem Musiker geläutert, für den andere Parameter wichtig geworden sind: Klarheit des Spielens, Reduktion, Sound. Das hat er am Mittwochabend eindrücklich über die Bühne gebracht. Zwar blitzte die wilde Energie in den Melodien und den Harmoniegefügen seiner klar strukturierten Musik nach wie vor auf. Doch ist sie nicht mehr ungezügelte Expression a discrétion als vielmehr das vitale Grundrauschen in einem neuen Topos der Ruhe.

Der entschlackte Schärli hat seine Rebellion gegen das Genormte in eine innere Läuterung transformiert. Statt mit Überschalljazz konventionelle Mauern einzureissen, verweist er mit seiner formidablen Band auf die Kunst der Reduktion, die ebenfalls Gewohnheiten sprengt, und seien es die eigenen Bretter vor dem Kopf. So zugänglich und schön die Musik von Schärli heute klingen mag, so schnörkellos auf den Punkt gespielt hat er sie noch selten. Mit Thomas Dürst und Glenn Ferris spielt Schärli schon über 30 Jahre regelmässig zusammen, auch mit dem Pianisten Hans Peter Pfammatter verbindet ihn eine längere Zusammenarbeit. Das Quartett funktioniert denn auch wie aus einem Guss. Da sitzen jeder Ton und jede Nuance, was umso herausfordernder ist, als in diesem transparent-akustischen Kontext ohne Schlagzeug jede Abweichung und jedes Zaudern sofort hörbar wird.

Jazzhitparade

Umso eindrucksvoller wurde einem die Basisarbeit von Bassist Thomas Dürst bewusst. Sein melodiöser Groove grundiert zusammen mit den sensiblen Pianofiguren von Pfammatter die rhythmischen und harmonischen Eckpunkte. In diese Texturen weben sich die beiden Bläser ein, die unisono und mehrstimmig einander ablösen oder umtänzeln und auch mit Dirty Sounds nicht geizen. Wie Posaunist Glenn Ferris mit seinem himmlisch-weichen Sound gleitet und schwebt, swingt und schmelzt, ist eine Klasse für sich. Und Schärli mit seiner zugespitzten Transparenz nicht minder.

Die Band intonierte neben ein paar älteren Stücken mehrere Kompositionen der aktuellen CD «Purge». Darunter eine grandiose Version von «Obrigado Meu Amor». Sie wurde von einem berührenden Pfammatter-Rezital eingeleitet und offenbarte das lyrische Potenzial dieser Band in aller Emotionalität. Umgekehrt würde ein Stück wie «Bahia Mood (Sugar Lady)» mit Sicherheit die Jazzhitparade aufmischen, sofern es denn eine gäbe.

Energetischer Sog

In einer Jazzhitparade der anderen Art fungiert der amerikanische Saxofonist Roscoe Mitchell, der mit seinem Trio den zweiten Teil des Eröffnungsabends bestritt. Er ist das Urgestein einer Black Music, die neben dem Energetischen auch die Abstraktion und die Klangforschung einbezieht. Seit Mitchell 1966 mit seinem Debütalbum «Sound» ein Statement des freien Jazz setzte, ist dieser Professor des Saxofons daran, nur noch tiefgreifender zu werden – und dabei kompromisslos und demütig zu bleiben. Schon vor 40 Jahren stand der 76-jährige Mitchell mit dem Art Ensemble of Chicago auf der Festivalbühne von Willisau. Am Mittwoch spielte er mit zwei jüngeren Vertretern der zeitgenössischen Chicago-Szene, dem Bassisten Junius Paul und dem Schlagzeuger Mike Reed. Was dieses Trio in knapp einer Stunde von der Bühne haute, war nach dem harmonischen Swing der Schärli-Truppe so verstörend wie befreiend. Diesen energetischen Jazz musste man einfach in sich eindringen lassen, ohne Vorstellung, ohne Denken, bis er sukzessive wie eine «heimlifeisse» Droge seine Wirkung machtvoll entfaltete.

Klangmaschine

Flankiert von einem Bassisten, der einen dunklen Donnerboden legt, und einem ideenreich und transparent spielenden Schlagzeuger, entwickelt Mitchell seinen Soundstrom. Da steigt er ein, mit einem einzigen Klang, der ein Motiv wird, das sich weiterverzweigt, um dann mit der Zirkularatmung in immer neue Umlaufbahnen getrieben zu werden. Wo Schärli vom potenziell Vollen zur Reduktion strebt, geht Mitchell den Weg vom Spröden und Elementaren zur Verflüssigung. Was anfänglich und im Einzelnen noch vertrackt und quer klingt, wird mit der Zeit immer klarer, schärfer, umfassender, grenzenloser.

Zu diesem Zeitpunkt ist sein Saxofon längst eine Klangmaschine geworden, in der sich überblasene, verschliffene und zirkulierende Klänge tummeln und gemeinsam mit Bass und Schlagzeug tranceähnliche Zustände entstehen. Im Gegensatz zu andern Klangforschern und Saxofon-Maniacs bleibt Mitchell stets in hohem Mass elementar und geerdet und lässt eine archaische Tradition durchklingen, wie sie von reinen Technikern und Kunstmusikern in dieser Ausstrahlung nie erreicht werden kann. Auch das war «purge» (Läuterung) – aber auf der dunklen Seite des Mondes.

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