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Elektro-Pionier Jean-Michel Jarre:
«Wir galten als Aliens»

Der Vorreiter der elektronischen Musik feierte kürzlich seinen 70. Geburtstag. Zudem zelebriert er ein halbes Jahrhundert seines Schaffens auf der Zusammenstellung «Planet Jarre – 50 Years Of Music».
Steffen Rüth
Jean-Michel Jarre bei einem Auftritt in Frankreich (Bild: EPA/Hugo Marie)

Jean-Michel Jarre bei einem Auftritt in Frankreich (Bild: EPA/Hugo Marie)

Jarre, ein Mann der deutlich jünger aussieht, als er ist, liebt alles, was mit dem Weltall zusammenhängt. Und so spielen auch seine Vergleiche gern im Orbit. «Ich bin als Musiker permanent unterwegs zu neuen Galaxien», sagt er etwa. Er habe das Glück gehabt, sehr früh an der Entwicklung der elektronischen Musik teilzuhaben. Damals seien die Territorien «wild und jungfräulich» gewesen, man konnte noch viele Türen öffnen. Eigentlich habe sich aber gar nicht so viel geändert:

«Damals wie heute fliege ich
mit meiner kleinen Rakete los und lande auf den verschiedensten Planeten.»

Als wir mit Jean-Michel Jarre telefonieren, ist dieser gerade in seinem Hotelzimmer in Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens. Ein ungewöhnlicher Ort? Für alle ­anderen vielleicht, für Jarre ist die Reise in den Mittleren Osten Routine. «Als Sonderbotschafter der Unesco kümmere ich mich hier um eine Stiftung für die Bildung der Jugend», erklärt er. Und er ist beeindruckt. Das gesamte Land verändere sich momentan in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit. «Ich finde das wundervoll. Mich erinnert das an die Entwicklungssprünge von Tokio in den Achtzigern oder Schanghai zu Beginn dieses Jahrtausends. Alles bewegt sich in einer Megageschwindigkeit ins 21. Jahrhundert.»

Er hat das Abenteuer-Gen

Jarre war im Laufe seiner Karriere nicht selten der Erste, der sich in ein neues Land traute, dieses Entdecker- und Abenteurer-Gen ist ihm seit jeher zu eigen. So war der Musiker, der ohnehin auch berühmt dafür ist, gigantische Freiluftkonzerte zu veranstalten, 1981 der erste westliche Musiker, der nach dem Tod Maos in China spielte. Etwa 500 Millionen Menschen sollen seinen Auftritt damals an den Fernseh- und Radiogeräten mitverfolgt haben.

Länder, Kulturen und Religionen faszinieren ihn. «Seien wir ehrlich: Im Grunde sind wir doch alle gleich. Wir sollten nicht immer so viel auf unseren Unterschieden herumreiten, letztendlich sind die viel unbedeutender als unsere Gemeinsamkeiten», sagt er. «Und meine Musik ist meine friedliche Waffe, mein ­pazifistisches Werkzeug, mit dem ich helfen möchte, Entwicklungen anzustossen.» Von Boykotten hält der Elektromeister entsprechend wenig. «Du musst erst recht dort hingehen, wo die Menschen sind, die eine gewisse kulturelle Offenheit dringender brauchen als etwa in deinem oder in meinem Heimatland. Mit ­Musik, mit Filmen, mit Büchern schaffst du Verbindungen.»

Konzerte für Wüsten, Meere und die Nasa

Auch, dass sein Album «Planet Jarre» heisst, ergibt Sinn. Er hat Konzerte für die Weltraumbehörde Nasa gespielt, ein Album dem Unterwasserforscher Jacques-Yves Cousteau gewidmet und ist in Wüsten aufgetreten. Die Natur und ihre Bewahrung ist ein grosses Anliegen von Jean-Michel ­Jarre. «Ich habe es immer geliebt, meine Musik mit Raum, Zeit und Universum zu verlinken. Umweltthemen sind Teil meines ­Lebens, spätestens seit ‹Oxy­gène›, das 1976 rauskam.» Mit dem Album schaffte der gebürtige Lyoner und der Sohn des bekannten Hollywood-Komponisten Maurice Jarre den Durchbruch und begründete seinen Ruf. Bis zum heutigen Tag zählt «Oxygène» zu den wichtigsten Electronic-Music-Alben aller Zeiten. «Damals war ich sehr früh mit der Warnung, dass wir so nicht weitermachen können, ohne unsere Lebensgrundlagen zu zerstören.»

«Planet Jarre» ist ein pralles ­Album, eine richtige Werkschau. Es setzt sich aus 41 Stücken, unterteilt in vier Abschnitte, zusammen. Was steckt hinter der Aufteilung in «Soundscapes», «Themes», «Sequences» und «Explorations & Early Works»? Jarre: «Ich bin kein Freund von Greatest-Hits-Zusammenstellungen, also habe ich mich dieser Platte auf etwas anderem Wege genähert.» Er habe realisiert, dass er Musik in diesen vier verschiedenen Herangehensweisen komponiere – Teil eins ist von seinem visuellen Ansatz abgeleitet, im zweiten Teil geht es in erster Linie um die Melodien, in Teil drei, der für ihn das Herzstück der Platte ist, legt er die DNA der elektronischen Musik frei und zeichnet Klangmuster nach. Im letzten Teil schliesslich arbeitet er mit rohen Sounds, die er beispielsweise auf der Strasse aufgenommen hat. «Hypnose», das noch nie zuvor veröffentlicht wurde, ist dabei ein sehr früher Versuch, klassische Experimentalmusik mit Pop zu kombinieren.

«Ein bisschen wie Gutenberg»

«Ich fühle mich sehr privilegiert», sagt Jarre, «dass ich zu einer Zeit dabei war, in der ich neues Terrain entdecken konnte. Wir waren damals so ein bisschen wie Gutenberg, der Jahrhunderte zuvor den Buchdruck erfunden hatte.» Auch jetzt sei wieder eine Phase der Entwicklungssprünge. «Das Internet bietet uns faszi­nierende Möglichkeiten, die Menschheit nach vorne zu bringen. Wir müssen unsere Chancen nur nutzen.» Mit seinem kommenden Album ist Jarre auch hier wieder vorne mit dabei. Er beschäftigt sich darin mit künstlicher Intelligenz.

Das Genre der elektronischen Musik, populärer als je zuvor, entscheidend von ihm beeinflusst und inspiriert und weit populärer als je von Jean-Michel Jarre vorausgeahnt, ermüdet den 70-Jährigen auch nach einem halben Jahrhundert nicht. «Meine Seele ist bei jedem neuen Projekt noch genauso aufgekratzt wie zu ­Beginn meiner Karriere. Vor ­fünfzig Jahren hielt man uns für eine Horde verrückter Kids. Für Aliens, die mit komischen Maschinen herumhampelten und komische Musik machten.» Rock war damals schon etabliert in den späten Sechzigern, und für ihn, der von den Pariser Studentenprotesten fasziniert und begeistert war, war Musik von Anfang an eine Form der Rebellion. «Wir waren unschuldig, wir sind die Sachen anders angegangen, wir hatten im Gegensatz zu den Rockmusikern praktisch keine Vorbilder, an denen wir uns orientieren konnten», sagt Jean-Michel Jarre.

«Heute kann ich wohl sagen, dass wir verrückten Träumer die Musik revolutioniert haben.»

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