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Renommierte Soziologin sagt: «Wir schreiten auf kürzere Beziehungen zu»

Eine Soziologin beantwortet die Frage, warum Liebe oft endet. Etwa weil Macht ungleich verteilt ist. Am Dienstag referiert sie in Luzern
Interview: Susanne Holz
Die gebürtige Marokkanerin Eva Illou (58). (Bild: PD)

Die gebürtige Marokkanerin Eva Illou (58). (Bild: PD)

Zu Gast an der Uni Luzern: Soziologin Eva Illouz, 2009 von «Die Zeit» unter zwölf Intellektuelle gelistet, die wohl das Denken der Zukunft verändern werden. Wir sprachen mit Illouz über negative Beziehungen und darüber, wieso Liebe endet.

Sie denken, dass sich das Privileg sexueller Freiheit speziell an männlichen Bedürfnissen ausrichtet?

Eva Illouz: Würden sich Frauen in männlicher Art und Weise neu definieren – ungebunden und nicht verantwortlich für die Fortpflanzung – gäbe es kein Problem. Aber zurzeit wird die Hauptlast der Fortpflanzung, die eine bedeutsame Aufgabe jeder Gesellschaft ist, zumeist von Frauen getragen. Dies führt dazu, dass sie in ungleiche Gefühlsbindungen gegenüber Männern gesteckt werden.

Ist die Gleichstellung der Geschlechter also Utopie?

Wir sind sehr, sehr weit weg von einer Gleichstellung der Geschlechter, ja, absolut. Dies heisst jedoch nicht, dass wir aufhören sollten, dafür zu kämpfen. Im Gegenteil.

Lief bei der sexuellen Befreiung irgendetwas falsch?

Die sexuelle Befreiung ermöglichte es Männern und Frauen, Sex zu haben, wann immer sie es wollen und wie sie es wollen, ohne Kontrolle durch Kirche oder Gemeinschaft. Jedoch erlaubte die sexuelle Befreiung den Männern aufgrund ihrer immensen Macht, Frauen als rein sexuelle Wesen zu behandeln und ihre sexualisierten Körper zu beanspruchen.

Die Männer wieder mal zu mächtig?

Freiheit ohne Gleichheit ist oft eine Leerstelle, welche es den Mächtigen erlaubt, ihre Macht auszuüben. Männer haben die sexuelle Befreiung dazu benutzt, Frauen einem sexualisierten Körper zuzuordnen. In der Vergangenheit wurden Frauen wegen ihrer Fortpflanzungsfähigkeit geschätzt. Jetzt werden sie als sexualisierte Wesen geschätzt. Dies spielt in die Hände von sowohl Männern wie auch etwas, das ich skopischen Kapitalismus nenne: eine stark visuell orientierte ökonomische Ordnung.

Wie spielen sich Kapitalismus und emotionale Unverbindlichkeit in die Hand?

Die Idee der Unverbindlichkeit legt nahe, alleinig nacktes Eigeninteresse menschliches Handeln bestimmen zu lassen.

Erwartet uns nun eine Kehrtwende zurück zu mehr Bindung und Exklusivität?

Ich denke, wir schreiten auf kürzere Beziehungen und längere Zeiten des Singledaseins zu.

Wann darf Liebe enden? Wann darf Verantwortung für den anderen enden? Hat man diese Verantwortung in Beziehungen überhaupt?

Ich besitze keine allgemein gültige Weisheit. Ich versuche nur, unser Bewusstsein zu stärken für das gewaltige soziale Leiden, das durch Trennungen und das Enden von Beziehungen verursacht wird. Dies ist keine Privatangelegenheit. Es ist ein öffentliches und soziales Thema, das diskutiert werden muss.

Dienstag, 24. September, um 18.15 Uhr, hält die renommierte Soziologieprofessorin Eva Illouz (Jerusalem/Paris) an der Uni Luzern (Hörsaal 1) einen öffentlichen Vortrag in englischer Sprache ab. Darin spürt sie den Paradoxien der Verbindung von Kapitalismus und Emotion nach.

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