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Interview

«Wir sind alle viele»: Der vorletzte Luzerner «Tatort» stammt von einer boxenden Regisseurin

Die Schweizer Regisseurin Katalin Gödrös boxt in Berlin und mag die Weltstadt Zürich. Sie definiert sich nicht nur übers Frausein, sondern auch über ihre ungarischen Wurzeln.
Interview: Susanne Holz
Delia Mayer als Liz Ritschard und Stefan Gubser als Reto Flückiger im Polizeirevier. Auf dem Monitor Tabea Buser als Entführte. (Bild: SRF)

Delia Mayer als Liz Ritschard und Stefan Gubser als Reto Flückiger im Polizeirevier. Auf dem Monitor Tabea Buser als Entführte. (Bild: SRF)

Reto Flückiger und Liz Ritschard haben bald ausgedient. Die ­aktuelle «Tatort»-Folge «Ausgezählt» zeigt das Luzerner Kommissaren-Duo, gespielt von Stefan Gubser und Delia Mayer, in seinem vorletzten Fall (siehe Kritik unten). Regie bei «Ausgezählt» führte die gebürtige Zürcherin Katalin Gödrös (49), die auch schon für «Der Bestatter» hinter der Kamera stand. Gödrös studierte an der Filmakademie Budapest – Schwerpunkt Produktion. Ihr zweiter Kinofilm, «Songs of Love and Hate», feierte 2010 am internationalen Filmfest Locarno Premiere. Seit 2012 unterrichtet sie an der Deutschen Film- und Fernseh-Akademie Berlin. Wir trafen die Wahl-Berlinerin in Luzern zum Gespräch.

Seit Sabine Boss vor drei Jahren hat mit Ihnen nun erstmals wieder eine Frau einen Schweizer «Tatort» inszeniert. SRF spricht von Ihrem «weiblichen Blick». ­ Ist das nicht sexistisch?

Katalin Gödrös: Natürlich ist mein Blick weiblich. Ich bin ja eine Frau und als solche geprägt durch die immer noch sehr sexistische Gesellschaft. Ob ich besonders weiblich inszeniere, weiss ich nicht. Ich weiss nur, wie ich inszeniere – jeder hat da seinen eigenen Stil. Werde ich für eine sogenannt sensible Regie angefragt, antworte ich schon mal boshaft: «Ich bin gar nicht sensibel.» Und frage mich: Ist mein Blick spezifisch feminin oder spezifisch Katalin? Natürlich bin ich eine Frau, aber ich habe auch einen Migrationshintergrund, bin fast 1.80 Meter gross, und kurzsichtig. Ich bin viele.

Sie sind als Tochter einer Luzernerin und eines Ungarn in der Schweiz aufgewachsen. Wie war das?

Den Schweizer Pass erhielt ich erst mit 15 Jahren – das macht viel aus. Als Kind bekam ich öfter Sachen zu hören wie: «Hier in der Schweiz isst man keine Knoblauchwurst zum Frühstück.» Doch ich bin gerne Schweizerin, weil die Schweiz ein Einwanderungsland ist – wir sind alle viele.

Und Berlin? Wie gefällt Ihnen die Stadt, in der Sie schon über 20 Jahre leben?

Berlin ist meine Familie. Vor Jahren gab es noch Freiräume, geistig wie räumlich, und filmisch eine Aufbruchstimmung, aber das hat sich verändert. Ich finde Zürich auch toll, es ist besser als sein Ruf. In Zürich leben so viele Kulturen miteinander: Insofern ist es eine Weltstadt. Aber die ­beobachtenden Nachbarn sind natürlich auch immer präsent …

Wie war der Dreh zu «Ausgezählt» in Luzern?

So ein Dreh ist immer intensiv. Man versucht, in konzentrierter Zeit das Beste aus den Schauspielern in möglichst atmosphärischen Bildern rauszuholen. Speziell war sicher der Boxkampf: die eine Darstellerin Laienschauspielerin, aber Profiboxerin, und die andere Profischauspielerin, aber Laienboxerin. Dann natürlich der Dreh in einem funktionierenden Gefängnis. Das war sehr inspirierend …

Stimmt es, dass Sie selber boxen?

Ich mache ein bisschen Boxtraining. Boxen finde ich sehr spannend, es ist viel psychologischer als man denkt: Man muss den anderen durchschauen und seine Stärken und Schwächen so gut kennen wie die eigenen.

Was sind die Stärken der «Tatort»-Folge «Ausgezählt»?

Wir haben versucht, eine sehr komplexe Geschichte möglichst visuell und atmosphärisch darzustellen, sodass es spannend bleibt und nicht zu viel an den Dialogen hängt. Speziell ist der Kniff, die Geisel auf einem grossen Screen Teil des Kommissariats werden zu lassen. So ist sie immer präsent, und die Kommissare können mit ihr in einen zumindest visuellen Dialog treten, wenn auch nur einseitig.

Wie war die Zusammenarbeit mit Delia Mayer und Stefan Gubser?

Bei «Ausgezählt» ist die Beziehung von Liz und Flücki wichtiger Bestandteil der Geschichte. Daher haben wir uns viel Zeit für die Vorbereitung genommen. Wir haben in der Vergangenheit der Figuren geforscht und ausgiebig geprobt. Obwohl die beiden als Schauspieler sehr unterschiedlich sind, gehen sie sehr achtsam miteinander um.

Könnten Sie sich einen Dreh mit den zwei neuen Schweizer «Tatort»- Kommissarinnen, Anna Pieri Zuercher und Carol Schuler, vorstellen?

Mit Carol Schuler hatte ich schon zweimal das Vergnügen, zu drehen, und bin ein grosser Fan. Ich freue mich sehr auf sie! Anna ­Pieri Zuercher ist auch eine sehr spannende Besetzung, und ich bin mir sicher, die zwei geben ein grossartiges Team ab. Da juckt es mich schon in den Fingern!

Schauen Sie selber «Tatort»? Haben Sie ein Lieblingsteam?

Ja, bei uns ist es ein bisschen Familientradition, Sonntagabend, chillen und Fernsehgucken. Natürlich gibt es Präferenzen, aber eigentlich freue ich mich immer, wenn ein «Tatort» gut gemacht ist. Die Figuren müssen mich packen, und das sind nicht immer nur die Kommissare.

Mögen und schauen Sie Serien?

Klar. Es ist eine grossartige Möglichkeit, Figuren über einen längeren Zeitraum zu erzählen, vielschichtiger und mit einem komplexeren Beziehungsgebilde. Serien lassen mehr Spielraum für Ambivalenzen.

Die Regisseurin Katalin Gödrös (Dritte von links) am 63. Filmfestival in Locarno. (Bild: KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Die Regisseurin Katalin Gödrös (Dritte von links) am 63. Filmfestival in Locarno. (Bild: KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Welche Filme lieben Sie?

Ich bin ein grosser Genrefilm-Liebhaber. Ein besonderes Faible habe ich für japanische Horrorfilme.

Um noch mal auf die sehr präsente Genderfrage zurückzukommen: Ist der Mensch nicht das, was er macht? Prägt ihn das nicht mehr, als das Geschlecht es tut?

Ich habe eine sehr politische Tochter: Sie redet nur von Menschen. Manchmal lächelt man darüber, aber eigentlich finde ich es toll. Wichtig finde ich, generell in der Arbeitswelt umzudenken. Und das Prinzip Geld gleich Erfolg hinter sich zu lassen – ich befürworte ein Grundeinkommen. Jeder soll gut von dem leben können, was er gerne macht. Weniger Lohn mit weniger Wert gleichzusetzen, geht für mich nicht in Ordnung.

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