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Tourismus: "Alles was die Unesco berührt stirbt"

Er ist zur umsatzstärksten Industrie geworden: Der Tourismus. Der Publizist Marco d’Eramo wirft einen ätzenden Blick auf ein Phänomen, das die Welt allmählich in eine Imbissbude und ein Museum verwandelt.
Hansruedi Kugler

Man muss unterdessen allerhand ignorieren, um die eigene Reiserei noch zu geniessen: Billigflüge, CO2-Bilanz, überrannte Altstädte unserer Lieblingsdestinationen. Man weiss es und fliegt trotzdem nach Barcelona, Amsterdam oder in die Karibik. So neu ist der Zwiespalt des Tourismus aber nicht. Schon 1902 schrieb der englische Autor A. I. Shand über die Schweiz: «Die Sommerfrische Europas ist überschwemmt mit Sightseeing-Touristen. Die heiligen Stätten sind entweiht und vulgär geworden.» Die Schweiz – ein vermeintliches Idyll und ein beliebtes Reiseziel britischer Touristen. Zwanzig Jahre zuvor hatte er den irischen Nationalpark Killarney als «Touristenfalle» bezeichnet.

Man sieht: Arroganter Spott und Entrüstung über den Massentourismus sind nichts Neues. Der französische Schriftsteller Stendhal rümpfte bereits 1817 die Nase: Florenz sei «verstopft von sechshundert Russen oder Engländern. Florenz ist ein Museum voller Ausländer, die ihre Gepflogenheiten dorthin verpflanzen.» Die Ironie dabei: Stendhal war selbst Ausländer, hielt sich aber für etwas Besseres, für einen, der ein grösseres Verständnis für die Kunstschätze in Florenz habe alsAABB22die Touristenhorden, welche selbst ihre Pasta auf Englisch oder Deutsch bestellen.

Unsere Doppelmoral als Touristen

Seien wir ehrlich: Eine Spur solcher Hochnäsigkeit hat man selbst auch schon gefühlt. Aber der Hochmut über unentwegt Selfies produzierende Chinesen oder Bildungsreisende, die ihre Nase nie von ihrem Kunstführer lösen, ist billig und verlogen. Denn wer so etwas denkt oder sagt, war schliesslich selbst dort: als Tourist. Als einer, der durch seine Anwesenheit Städte in seelenlose Themenparks verwandelt, Einheimische mit Airbnb vertreibt und schliesslich als Zitrone betrachtet wird, aus der es möglichst viele Euros zu pressen gilt. Man kann sich darin durchaus unwohl fühlen. Es ist ein klassischer Fall von Doppelmoral, der nach tieferer Erklärung verlangt.

Gruselige Beobachtungen einer Musealisierung

In diesen Zwiespalt leuchtet der italienische Publizist Marco d’Eramo in «Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters». Mit imposanter Faktenkenntnis beschreibt er den Massentourismus mit ätzender Kritik und am Ende mit versöhnlicher Selbstironie. Warum ist der «Tourismus zur wichtigsten Industrie unseres Jahrhunderts geworden»? Weil gegen Ende des 19. Jahrhunderts bezahlte Ferien auch für Angestellte eingeführt werden; weil einen erst Eisenbahn und bald Flug­zeuge in kurzer Zeit weit weg befördern können; weil der Wohlstand im Nachkriegseuropa eine Demokratisierung des ehemals Luxuriösen erlaubt. Die Rastlosigkeit des Touristen erklärt er mit der These, dass die unteren Schichten das Verhalten der oberen imitiere, und mit altlinker Ideologiekritik:

«Tourismus ist eine einzige Fluchtbewegung aus der Wirklichkeit»

Hans Magnus Enzensberger

Im sichtbaren Resultat ist Marco d’Eramos Befund niederschmetternd: Die Aufholjagd der unteren Klassen führt zu zubetonierten Küsten, zur Verwandlung von Altstädten in riesige Imbissbuden, zu quälenden Warteschlangen und zu einer Lawine von Kitschsouvenirs. Das lässt sich mit Zahlen belegen: 160 Milliarden Euro nimmt Frankreich aus dem Tourismus ein. In Spanien trägt der Tourismus 14 Prozent zum Bruttoinlandprodukt bei. Venedig zählt Jahr für Jahr rund 10 Millionen Touristen. Als Italiener hat d’Eramo die Folgen genau vor Augen: Venedig, Florenz, ja selbst Rom hätten sich zu Touristenstädten verwandelt, in deren Kern man nur noch Touristen antreffe und die sich komplett den Bedürfnissen der Touristen angepasst hätten. Sie seien zu «Mumien» geworden, stöhnt d’Elamo.

In der Altstadt von San Gimignano, einem Hotspot bei Italienreisenden, wohne kein einziger Einheimischer mehr, die Stadt sei abends tot.

Deshalb sein radikaler Tipp: Hände weg von der Unesco. «Die Berührung mit der Unesco ist tödlich: Wo immer sie ihr Etikett Weltkulturerbe aufklebt, stirbt die Stadt und endet buchstäblich als Präparat.» Gut gemeinter Selbstmord, so nennt es d’Eramo. Was verloren geht: die Originalität, das Authentische. Kaum klebt das Label, darf sich nichts mehr verändern – ausser, dass die Städte zu Imbissbuden werden.

Die Städte sind selbst schuld

Die Sehnsucht nach diesem ­Authentischen aber treibt die Touristen zu immer neuen Entdeckungen an. So entstehe ein Tourismus-Strudel. Die Städte sind allerdings selbst schuld. So hat Venedig nach dem wirtschaftlichen Niedergang im späten 15.Jahrhundert angefangen, seinen Karneval als Besuchermagnet zu bewerben. Und hat so ­einen Touristenstrom angezogen, der in den letzten Jahrzehnten die Stadt fast erstickt hat. Wenn man die allmähliche Verwandlung von Paris und New York in Touristenstädte verfolgt hat, muss man befürchten, dass diese Weltmetropolen zu gigantischen Venedigs des 22. Jahrhunderts werden.

Party-, Sex- und Sterbetourismus

Die moralische Selbstgeisselung kann man aber getrost relativieren. Und das tut denn d’Eramo auch – nachdem er den Leser über 200 Seiten hinweg das Gruseln gelehrt hat, ihn über Mark Twains touristische Besuche des Pariser Leichenschauhauses, über modernen Party-, Sex- und Sterbetourismus informiert hat. Denn das Phänomen ist alt. Die mittelalterliche Pilgerreise und die Grand Tour der Adligen im 18.Jahrhundert gelten als Vorläufer des heutigen Tourismus.

Das berauschende Gefühle, die Welt gehöre uns

Interessant sind zwei seiner Thesen: So stellt d’Eramo fest, Tourismus folge einer expansiven Ökonomie, die den Keim der eigenen Zerstörung in sich trägt. Wir kommen als Konsumenten auch in der Freizeit aus dem ­kapitalistischen Tauschhandel nicht heraus. Hinzu kommt eine seelische Ebene: Hauptmotiv des Tourismus sei das berauschende Gefühl, die Welt stehe uns zur Verfügung. Ja mehr noch, die Türen stünden uns offen. Man findet auch leicht Beispiele dafür: Auf Safari kann man heute gefahrlos Löwen beobachten, in Rom den Petersdom besuchen, Gemälde anschauen und in Parks spazieren – beides war noch vor gut 200 Jahren nur dem Adel zugänglich. Die Welt hat sich den Massen geöffnet. Wer wollte dagegen etwas einwenden?

Die Schuld am modernen Tourismus müsste man wohl Mark Twain geben.

Sein Bericht über eine Mittelmeer-Kreuzfahrt (1869) war in den USA ein Bestseller. Mit ihm kommt der moderne, gesteuerte Tourist nach Europa: einer, der jene berühmten Stätten real besuchen will, die er vorher auf Zeichnungen oder Fotos gesehen hat. Er sammelt also gleichsam Abziehbildchen. Das mag zwar als Erklärung etwas nüchtern tönen. Aber es kommt wohl der Antwort auf die Frage nahe, weshalb der Tourismus zur umsatzstärksten Industrie geworden ist. Vielleicht liegt ja d’Eramos unausgesprochene Lösung darin, den nächsten Urlaub im künstlichen Industrie-Tourismus von Las Vegas zu verbringen – und die «heiligen Stätten in Europa» in Ruhe zu lassen.

Buchtipp:

Marco d’Eramo: «Die Welt im Selfie.

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