«Wir sind eine Demokratie»

Wer sie im Radio hört, singt unweigerlich mit. Der Drummer und der Gitarrist von 77 Bombay Street, Esra und Joe, über Ohrwürmer, ihre fünf Geschwister und Peinlichkeiten der Jugendzeit.

Interview Annette Wirthlin
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Als 77 Bombay Street kreieren sie Ohrwürmer am Laufmeter: Joe, Esra, Simri und Matt (von links), fotografiert anlässlich eines Konzerts in Kerns im Dezember 2012. (Bild: Roger Zbinden  / Neue LZ)

Als 77 Bombay Street kreieren sie Ohrwürmer am Laufmeter: Joe, Esra, Simri und Matt (von links), fotografiert anlässlich eines Konzerts in Kerns im Dezember 2012. (Bild: Roger Zbinden / Neue LZ)

Eure zwei Brüder und Bandkollegen sind heute verhindert. Jetzt müsst ihr das Interview zu zweit bestreiten. Fühlt ihr euch «amputiert» ohne sie?

Esra Buchli: Nein, nein. Für die Promotour unseres zweiten Albums hatten wir uns sogar bewusst in zwei Teams aufgeteilt, denn so ist man effizienter.

Ihr hättet jetzt die Gelegenheit, mal allen Frust über den Ältesten und den Jüngsten in der Gruppe loszuwerden.

Esra: Den werden wir auch los, wenn sie anwesend sind. (lacht) Wir stacheln uns in Interviews gerne gegenseitig etwas an.

Ach ja?

Joe Buchli: Wir sind doch vier individuelle Personen, und jeder hat seine eigenen Ansichten. Da gibt es schon mal Meinungsverschiedenheiten. Aber sich gegenseitig auf den Grind geben, das würden wir nicht.

Wie unterscheidet ihr euch denn charakterlich?

Joe: Simri, der Jüngste, ist immer aufgestellt, und er hat eine laute Stimme. Wenn ihm was nicht passt, sagt er es geradeheraus. Matt ist ein bisschen der «Stresskopf», er managt gerne und ist deshalb der Antreiber der Band. Ich bin der Organisierteste von allen und somit der Finanzmeister. Esra ist eher der Gemütliche, der die Dinge nicht so genau nimmt, der ruhende Pol. Doch schlussendlich ziehen alle vier am gleichen Strang. Unsere Charaktere ergänzen sich gut.

Habt ihr auch mal die Schnauze voll voneinander?

Joe: Auf jeden Fall.
Ersa: Ich mag eigentlich gerade gar nicht mit Joe reden. (lacht)
Joe: Was meinst du, weshalb ich hier gerade ein Bier trinke? Nein, im Ernst: Es ist enorm wichtig, dass man zwischendurch etwas Abstand hat voneinander und jedem den Freiraum gibt, den er braucht.

Von den Medien vernimmt man immer wieder, dass ihr euch in den Anfängen der Band im Chalet eurer Grosseltern zu viert ein Zimmer geteilt habt. Was glaubt ihr, weshalb ist das so eine beliebte Geschichte?

Esra: Vermutlich, weil das sonst in der Schweiz niemand machen würde. Als wir uns entschieden, nur noch Musik zu machen, hatten wir noch kein Geld. Ich studierte an der Jazzschule, Matt an der ETH, Simri war noch in der Lehre. Wir mussten auf extrem vieles verzichten, aber darauf sind wir bewusst eingegangen. Kollegen von mir hätten niemals mit über 20 noch ein Zimmer mit dem Bruder geteilt.

Seid ihr mitunter auch deshalb so schnell zum Erfolg gekommen?

Ersa: Weil wir ein Zimmer geteilt haben?

Nein, wegen der Story über die vier Brüder, die trotz einfachster Startbedingungen zur erfolgreichen Pop-Band aufsteigen.

Joe: Das macht uns sicher interessanter. Vier junge Burschen, die Tag und Nacht auf engstem Raum aufeinanderhocken und Musik machen. Das macht die Leute neugierig. Sie fragen sich: Was sind das für komische Vögel?

Ihr seid in einer neunköpfigen Familie aufgewachsen. Wer gehörte denn noch dazu?

Esra: Astrid ist unsere älteste Schwester, und dann gibt es noch die Zwillinge Seth und Sem.

Aber die wurden keine Musiker?

Esra: Einer der Zwillinge war am Anfang noch als Pianist dabei, fand dann aber kurz vor dem ersten grossen Auftritt, vor Publikum zu spielen sei nichts für ihn, und stieg aus.

Eure Vornamen sind recht speziell ...

Esra: Ja. Unsere Eltern gaben uns recht «abgespacete» Namen. Die ersten drei sind ja noch normal, aber die Namen der vier Jüngeren ... Ich, Seth und Sem haben hebräische Namen, die Eltern sind damals auch viel durch Israel gereist. Bei Simri bin ich mir nicht sicher.
Joe: Er heisst eigentlich Simri-Ramon, Der hintere Teil ist also eher spanisch. Hmmm  …
Esra: Es sind jedenfalls biblische Namen; wir wurden ja auch christlich erzogen.

Wie wurde der christliche Glaube bei euch zu Hause gelebt?

Esra: Unsere Eltern haben uns nie zu irgendetwas gezwungen, alles war immer freiwillig. Nur am Sonntagabend sassen wir jeweils zusammen, redeten über den Glauben und lasen ein bisschen aus der Bibel. Heute glauben nicht mehr alle Geschwister an Gott.

Bei der Übergabe des Swiss Award am 12. Januar im Schweizer Fernsehen kamen auch eure Eltern mit auf die Bühne. Das sah nicht nach einer Schweizer Durchschnittsfamilie aus.

Joe: Du meinst wahrscheinlich den gewissen Hippie-Touch. Das hatten wir schon immer. Der Bappe ist halt sehr extraoriginell …
Esra: (lacht) Du meinst extravagant ...
Joe: Ob wir wollen oder nicht, wir haben sehr viel vom Bappe übernommen. In Italien nennt man unseren Musikstil Hippie-Pop.

Euer Vater war ja fast der Star des Abends. Wie war das für euch?

Esra: Überraschend! Er hat ja nicht mehr aufgehört zu reden.
Joe: Ich fands super, kam er auf die Bühne und brachte etwas Lockerheit rein. Wir sind so, wie wir sind, wir müssen uns nicht verstellen. Ich finde es schön, dass unsere Eltern mit uns den Preis in Empfang genommen haben, denn schliesslich ist es auch ihr Verdienst. Sie machten mit uns Musik, seit wir Kleinkinder waren.

Eure Liftboy-artigen Uniformen werfen auch immer wieder Fragen auf. Erzählt doch mal zur Abwechslung, wie ihr privat gekleidet seid. Für eure Fans seid ihr nämlich ohne Uniformen kaum erkennbar.

Esra: Ich glaube, wir sind modemässig gut integriert. Wenn wir im Trämli hocken, fallen wir nicht speziell auf. Wir ziehen uns nicht an wie Musiker. Wir ziehen das an, was x-tausend andere Leute auch anziehen.
Joe: Das hat auch mit unserer Erziehung zu tun. Wir legten nie viel Wert auf Kleidung. Es war auch nie genug Geld da, um jeden tipptopp einzukleiden. Die Hose hat jeweils den Anfang bei Matt gemacht, und dann wanderte sie weiter, bis sie dem Jüngsten zu eng wurde.

Ihr wart schon immer eine musikalische Familie, habt sogar gemeinsam Strassenmusik gemacht. War euch das als Teenies nie peinlich?

Esra: Ja, schon. In Basel, wo uns die Schulkollegen sehen konnten, das war megapeinlich. Aber es war eine gute Schule. Im Nachhinein denke ich, wir wurden dadurch abgehärtet. Das braucht es, um im Showbusiness zu bestehen.

Irgendwie erinnert ihr mich an die Kelly Family. War diese musizierende, rothaarige Grossfamilie, die in den 90ern ganze Stadien füllte, ein Vorbild?

Esra: Als Familienband waren die schon ein gewisses Vorbild für uns. Die waren glaub noch mehr Kinder als wir. Was die alles durchgezogen haben, das ist extrem. Also Hut ab! Als Musiker muss ich sagen, die haben einen super Job gemacht. Ich belächle die nicht, so wie viele andere das getan haben.

Wie muss man sich das Leben der Familie Buchli an der 77 Bombay Street vorstellen, als ihr zwei Jahre in Australien gelebt habt?

Esra: Es braucht ja eine Weile, bis man sich in einem fremden Land zu Hause fühlt. Doch in Adelaide an der Bombay Street ging das ruckzuck. Wir hatten einen grossen Park vor der Haustür, super Verbindungen in die Stadt, das Meer war nicht weit weg. Viele Freunde waren in der Nähe und nahmen uns sehr positiv auf. Jeder von uns konnte sich dort super verwirklichen, Matt kaufte sich ein kleines Segelboot, ich nahm Flugstunden, wir machten viel Musik zusammen. Das alles hat uns sehr geprägt.

In Bombay selber wart ihr noch nie?

Esra: Nein. Heute heisst es ja Mumbai.
Joe: Aber ich würde gerne mal hingehen. Wir hätten sicher viele neugierige Besucher an unserem Konzert. (lacht)

Mir fällt gerade auf, dass ihr einen seltsam vermischten Dialekt sprecht.

Joe: Der Älteste hat einen starken Basler-, der Jüngste einen starken Bündnerakzent – weil sie an den jeweiligen Orten am längsten gelebt haben. Wir beiden Mittleren können je nach Bedarf hin- und herswitchen.
Esra: Jä! (lacht)

Aber alle sind Bündner im Herzen?

Esra: Im Fussball sind wir Basler, aber sonst schon, ja.
Joe: Ich bin dort zu Hause, wo ich mich wohl fühle. Wir sind ja rund 50 Prozent der Zeit irgendwo im Ausland. Und es ist natürlich immer wieder schön, dorthin zu kommen, wo meine Frau ist.
Esra: Ooooh, das hast du schön gesagt!

Wer ist eigentlich der Musikalischste unter euch?

Esra: Joe! Du bist eine Maschine.
Joe: Ach was! Jeder hat seine Stärken. Der eine hat ein besseres Taktgefühl, der ist dann der Schlagzeuger, einer ein gutes Musikgehör, der ist dann der Gitarrist (lacht) ... Wieder ein anderer kann besser texten. Bei uns bringt jeder Inputs, so funktioniert bei uns das Songwriting.
Esra: Wir sind eine Demokratie. Wir stimmen immer ab.
Joe: Bei «Up In The Sky» etwa hat Matt den Text gemacht und Esra die Melodie.
Esra: Nein, es war so: Ich schrieb zuerst ein Lied mit Text. Aber alle sagten: «Scheisse». Dann nahm Matt die Melodie und machte dazu einen neuen Text. Also damit aus einer Songidee ein guter Song wird, braucht es alle vier.

Eure Songs sind sehr eingängig. Was ist das Geheimnis hinter der Komposition eines Ohrwurms?

Esra: Wenn wir das wüssten, würden wir einen Hit nach dem anderen schreiben! Klar spürt man sofort, wenn ein Song gut ist. Wenn er Emotionen auslöst, nämlich. Aber für einen Hit gibt es kein Rezept.Irgendwie haben wir einen Nerv getroffen.
Joe: Wir hatten einfach das Glück, dass das, was uns gefallen hat, auch vielen anderen Leuten gefallen hat. Unsere Songs haben einen klaren Aufbau, das haben wir wohl von der Mamme gelernt. Sie ist eine megacoole Songwriterin. Sie hat unzählige schweizerdeutsche Lieder komponiert, die auch sehr eingängig sind.

Wir treffen uns 10 Tage nach der Verleihung des Swiss Award. Habt ihr euch schon wieder etwas «beruhigt» von der Aufregung?

Esra: Also ich bin schon an der Afterparty wieder runtergekommen!
Joe: Wo ist eigentlich der Pokal hingekommen? Ist der bei Simri?
Esra: Pssst … (flüstert) Es hatte eben eine supergute Armbanduhr drin.
Joe: Da müssen wir dann noch drüber reden!

Wenn man euren Terminkalender ansieht, erübrigt sich fast die Frage «Was macht ihr neben der Musik?». Ich stelle sie trotzdem.

Esra: Das ist eine berechtigte Frage. Ich gehe im Winter viel Ski fahren, denn ich habe ja drei grosse Skigebiete vor der Hütte. Sonst schwimme ich gerne, spiele Squash und mache mit Kollegen auf ein Bierchen ab.

Ich habe gelesen, mit Sport habt ihr es nicht so …

Esra: Ich sage ja nicht, ich sei eine Sportskanone. Einen Kilometer schwimmen, das kann ja nun jeder!
Joe: Also ich kanns nicht. Ich trainiere dafür die Muskulatur meiner Finger mit dem Zehnfingersystem. Es fällt zurzeit viel Administratives an. Aber zum Abschalten gehe ich sehr gerne ein paar Stunden in der Natur spazieren.

Was ist für euch der nächste grosse Meilenstein, der euch erwartet?

Joe: Jetzt gerade freuen wir uns riesig auf die anstehenden Ausland-Shows: Paris, Holland, Italien, Frankreich ... das ist immer ein Riesengaudi.

Was würde aus den vier Buchli-Brüdern werden, wenn die Rakete, mit der ihr den Schweizer Pophimmel erobert habt, ebenso schnell wieder ins Land der Vergessenheit abstürzen würde?

Joe: Realistisch gesehen, würde das wohl bedeuten, dass man irgendwo arbeiten müsste.
Esra: Brötchen verdienen. Ich müsste wohl den Abschluss an der Jazzschule nachholen. Aber so weit darf es nicht kommen.
Joe: Wir sind uns sehr bewusst, dass es jeden Moment zu Ende sein kann, und wir geniessen jede Sekunde.
Esra: In der Schweiz wollen immer alle auf Nummer sicher gehen. Ich sage nicht, dass das schlecht ist. Aber wir ticken anders. Wir wollen Abenteuer. Momentan setzen wir nur auf die Karte Musik. Wenn man nicht ständig denkt: «Was wäre, wenn ...?», hat man einen ganz anderen Ansporn zum Überleben.

Bombay-Bündner

wia. Esra (26, Drummer) und Joe (28, Gitarrist) Buchli gründeten mit ihren Brüdern Matt (30, Gesang) und Simri-Ramon (22, Bass) im Jahr 2007 die Folk- und Indie-Rockband 77 Bombay Street. Zusammen mit weiteren drei Geschwistern wuchsen die Jungs in Basel auf. 2001 zog die musikalische Familie für eine zweijährige Auszeit nach Adelaide (genauer an die Bombay Street Nummer 77), wo sie unter dem Namen Swiss Family Singers Strassenmusik machte. Zurück in der Schweiz, lebten die vier Brüder zuerst im Bündner Chalet ihrer Grosseltern. Heute bewohnen Esra und Simri gemeinsam eine WG in Chur; Matt, dessen 5-jähriger Sohn in Basel lebt, hat ebenfalls eine Wohnung in Chur; und Joe wohnt mit seiner Frau in Scharans.

Der Song «Up In The Sky» aus dem gleichnamigen, mit Doppel-Platin ausgezeichneten Debut-Album hält sich seit bald zwei Jahren nonstop in den Top 60 der Schweizer Hitparade. Im Oktober 2012 erschien das zweite Album, «Oko Town», mit dem das Quartett zurzeit auf Europa-Tournee ist. Am 12. Januar dieses Jahres wurde die Band mit dem Swiss Award 2012 im Bereich Show ausgezeichnet.

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