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Interview

Die zwei neuen Direktorinnen des Kunstzeughauses Rapperswil sagen: «Wir sind keine Troubleshooterinnen»

Seit Januar sind Céline Gaillard und Simone Kobler Co-Direktorinnen des Kunstzeughauses Rapperswil. Die jungen Frauen sprechen über knappe Mittel, tiefe Besucherzahlen und schwärmen von den Vorteilen einer gemeinsamen Leitung.
Interview: Christina Genova
Co-Direktorinnen, Rapperswilerinnen, Freundinnen: Céline Gaillard und Simone Kobler. (Bild: Manuela Matt,Rapperswil, 21. September 2018)

Co-Direktorinnen, Rapperswilerinnen, Freundinnen: Céline Gaillard und Simone Kobler. (Bild: Manuela Matt,Rapperswil, 21. September 2018)

Seit bald sechs Monaten hat das Kunstzeughaus Rapperswil mit Céline Gaillard und Simone Kobler zwei neue, junge Chefinnen. Es ist Céline Gaillards freier Tag. Trotzdem ist sie zum Interview gekommen, ihre Tochter, die 14 Monate alte Jaëlle, ist mit dabei. Im Kunstzeughaus fühlt sich das quicklebendige Mädchen offensichtlich zu Hause. Sie plappert fröhlich, quengelt auch mal, räumt die Stifte aus dem Etui der Schreibenden aus und wird von der Praktikantin unterhalten. Zwischendurch klettert sie Simone Kobler ebenso selbstverständlich auf den Schoss wie ihrer Mutter.

Sie sind als Co-Direktorinnen angestellt worden. Dachte man, dass zwei Frauen als Troubleshooterinnen mehr bewirken können als eine alleine?

Simone Kobler: Ich möchte betonen: Wir sind keine Troubleshooterinnen. Wir haben von Peter Stohler ein professionell geführtes Haus übernommen. Er hat eine unglaubliche Aufbauarbeit geleistet in diesem Museum, das erst seit gut zehn Jahren existiert. Als Co-Direktorinnen haben wir den Vorteil, dass wir ein doppeltes Netzwerk mitbringen.

Céline Gaillard: Einen Bonus hatten wir sicher, weil wir beide Rapperswilerinnen sind. Und tatsächlich sind wir von der Bevölkerung enorm herzlich und warm empfangen worden.

Es ist aber schon eine Herausforderung, ein Haus an dieser Lage zu führen. Mit relativ grosser Ausstellungsfläche, nahe am grossen Angebot Zürichs und ziemlich weit vom Rest des Kantons St. Gallen entfernt.

Kobler: Wir sehen Rapperswil als einen attraktiven Standort, auch um schnell an vielen Orten zu sein. Darum wohnen wir auch hier. Natürlich ist Rapperswil von der Stadt St. Gallen aus gesehen ziemlich weit weg.

Manchmal lachen wir über den Ricken: Er ist ein bisschen unser Röstihügel.

Das Kunstzeughaus wurde in den Medien für seine tiefen Besucherzahlen kritisiert. Wie sehr stehen Sie unter Druck, diese zu steigern?

Kobler: Wir müssen die Besucherzahlen nicht steigern, wir wollen sie steigern! Den Druck machen wir uns selbst.

Gaillard: Uns geht es weniger um Zahlen, sondern hauptsächlich darum, dass wir schweizweit mehr ausstrahlen. Und wir wollen auch, dass die Rapperswiler über das Kunstzeughaus Bescheid wissen, es gerne besuchen und stolz darauf sind, dass sie ein Museum für Schweizer Gegenwartskunst haben.

Wie wollen Sie dies erreichen?

Kobler: Das geht nur mit qualitativ guten Ausstellungen, mit Künstlern, hinter denen wir stehen können.

Verfügen Sie dafür überhaupt über das nötige Budget?

Gaillard: Tatsächlich ist unser Budget knapp bemessen für ein hervorstechendes attraktives Ausstellungsprogramm, bei welchem man zum Beispiel den Künstlern Produktionsbeiträge zahlt, damit vor Ort etwas entstehen kann. Dazu helfen uns aber auch kleine Beiträge. Gute Erfahrungen haben wir in der Zusammenarbeit mit Handwerkern gemacht: Ein Maler streicht uns die Wände und gibt uns einen Kulturrabatt oder wird unser Gönner.

Kobler: Zwar werden wir von Stadt und Kanton wesentlich unterstützt, dies deckt aber nur knapp mehr als die Hälfte unserer Kosten. Für jede Ausstellung müssen wir deshalb Geld bei Stiftungen beantragen.

Mindestens 20 Prozent unserer Arbeit ist Fundraising: Wir schreiben Antrag um Antrag.

Seit kurzem steht Ihr erstes, eigenes Programm für 2020 fest. Wie sieht es aus?

Kobler: Wir wollen in Zukunft je eine monografische und eine thematische Ausstellung pro Jahr machen. 2020 stellt die Luzernerin Anna-Sabina Zürrer aus. Bei der thematischen Ausstellung geht es um das Teilen. Wir arbeiten mit dem Begriff «Sharity», der sich aus «share» und «care» zusammensetzt.

Gaillard: Das ist eine Neuerung insofern, als dass in der Vergangenheit zwei parallele Ausstellungen sich den Hauptraum teilten. Der Raum ist sensationell, und wir möchten ihn ganz nutzen. Er war mit ein Grund für unsere Bewerbung.

Céline Gaillard, erleichtert das Jobsharing-Modell Ihr Leben als arbeitende Mutter?

Ganz klar ja. Ich ziehe in jeder Hinsicht eine positive Bilanz. Ich kann für meine Tochter da sein und gleichzeitig einen Job ausüben, der mich extrem erfüllt. Am Anfang war es zwar ein grösserer Zeitaufwand, weil wir gewisse Termine doppelt wahrnehmen mussten. Aber das bringt längerfristig einen Mehrwert.

Welche Vorteile hat das Co-Direktorium für Sie, Simone Kobler?

Ich schätze es sehr, dass ich mich mit Céline jederzeit austauschen kann. Sie kann mir zu jeder Idee ein unmittelbares Feedback geben. Ein solches Jobmodell funktioniert aber nicht mit jedem. Es ist eine intensive, nahe Zusammenarbeit, man sieht sich sehr oft. Auch in unserer Freizeit tauschen wir uns häufig aus.

Gaillard: Wir haben den Vorteil, dass wir uns schon lange kennen und befreundet sind. Deshalb haben wir uns auch gemeinsam auf diese Stelle beworben. Es besteht ein Vertrauensverhältnis, sodass man bei gewissen Entscheidungen nicht immer einbezogen werden muss, weil man die Haltung der anderen kennt.

Planen Sie, Frauen speziell zu fördern?

Gaillard: Eine Künstlerin nur aufgrund ihres Geschlechts auszuwählen, ist für uns nicht interessant. Die Qualität steht immer im Vordergrund.

Kobler: Durch unser Jobsharing sind wir aber darauf sensibilisiert, dass es auch als Mutter möglich sein muss, sowohl als Künstlerin als auch als Mitarbeiterin ­einer Kunstinstitution tätig zu sein.

Werden Sie am 14. Juni streiken?

Gaillard: Mit unserem fortschrittlichen Jobmodell würde es ein falsches Signal aussenden, wenn wir streiken würden. Wir solidarisieren uns aber mit allen, die das machen.

Kobler: Es gibt aber Themen, die wirklich wichtig sind an diesem Frauenstreik: längerer Vaterschaftsurlaub oder gleich viele Jobs mit Teilzeitpensen für Männer und für Frauen.

Kurzbiografien

Céline Gaillard und Simone Kobler besuchten beide die Kantonsschule Wattwil und stammen ursprünglich aus Jona. Während des Studiums der Kunstgeschichte und Geschichte an der Universität Zürich trafen sie sich wieder und wurden Freundinnen.
Die 32-jährige Céline Gaillard arbeitete sieben Jahre am Kunstmuseum
St. Gallen.
Die 33-jährige Simone Kobler arbeitete drei Jahre für das Vögele-Kulturzentrum in Pfäffikon und zuvor am Kunstmuseum Chur. 2018 ist ihr erstes gemeinsames Projekt, eine Monografie über den Künstler Piero Del Bondio, erschienen. (gen)

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