«Wir Übersetzer sind Diener und Herrscher»

Mitherausgeber und Lyriker Jan Wagnerüber die Kunst und die Bandbreite der Übertragungen von Minnesang-Lyrik.

Jan Wagner, Sie nennen das Buch «Unmögliche Liebe» im Untertitel «Die Kunst des Minnesangs in deren Übertragungen». Sprechen Sie absichtlich nicht von Übersetzungen?

Übertragungen war am neutralsten und schien uns angemessen zu sein angesichts der Bandbreite, die es gibt an Herangehensweisen der Übertragung in unsere Zeit. Und die reicht eben vom treuen Nachbilden von Strophenbau, Reimschema, Klangstruktur bis zu den radikalen Unterwanderungen, die man auch als Hommagen oder liebevolle Umstürze bezeichnen könnte.

Bei diesen «radikalen Unterwanderungen» merkt man deutlich, wer übersetzt hat, aber weniger, wen er übersetzt hat.

Es gibt Dichter, die ihre eigene Poetik miteinbringen und ganz stark mitklingen lassen. Aber es gibt ja auch Übersetzer, die sich zurücknehmen und dem grossen Meister den Vortritt lassen. Sie sind sehr treu – wie immer man auch Treue definieren will – und vermitteln einen sehr klaren Eindruck dessen, was im Original geschieht. Beides ist gleichermassen legitim. Denn weil das Original danebensteht, wird deutlich, was die Folie war, auf der das Spiel der Radikalübersetzung stattfindet. Sonst würde man in der Tat keinen Eindruck bekommen, jedenfalls nicht bei diesen extremen Beispielen.

Sie schreiben im Vorwort «Ein übersetztes Gedicht muss vor allem ein Gedicht sein». Was meinen Sie genau damit?

Mein Ideal wäre, dass ein übersetztes Gedicht auch in der Zielsprache ein Gedicht sein soll. Das schliesst ein, dass auch die klangliche Ebene eine Rolle spielt, schliesslich liegt beim Gedicht auch die Bedeutung im Klang- lichen.

Würden Sie selbst so radikal übersetzen?

Nein, würde ich nicht. Wir Übersetzer sind ja Diener und Herrscher. Ich möchte meine Stimme aber in den Dienst der anderen Stimme stellen, als Übersetzer unsichtbar werden. Mein eigener Stil, meine eigene Poetik spielen dabei keine Rolle. Im Idealfall stelle ich dem Original eine Fassung an die Seite, die so klingt, als würden die Originaldichter so schreiben, als wenn sie meine Sprache beherrschen würden. Das ist mein Ideal von Übersetzung. Aber ich kann alles andere goutieren und habe Spass an allen anderen Verfahren. (vhe)

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