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Wo Stimmen die Menschen vereinen

Totenstille vor dem brandenden Applaus – die Singfrauen Winterthur haben am Muttertag das bisher wohl stärkste Konzert am Klangfestival Toggenburg gegeben. Aber sie waren nicht allein.
Dieter Langhart
Frauenpower am Muttertag: Victoria Hanna mit den Singfrauen Winterthur und dem Jodelterzett Anuschka, Kathrin und Heidi. (Bild: Daniel Ammann)

Frauenpower am Muttertag: Victoria Hanna mit den Singfrauen Winterthur und dem Jodelterzett Anuschka, Kathrin und Heidi. (Bild: Daniel Ammann)

«Hammer!» Die Frau rechts von mir sagt nur dies eine Wort, der Mann neben ihr ergreift ihre Hand, Tränen in den Augen. So sieht Ergriffenheit aus, bevor der Applaus aus den harten Kirchenbänken nach vorn auf die Bühne brandet. Da haben die Sing­frauen Winterthur Lieder von den Rändern Europas gesungen, aus Karelien und Georgien, aber auch aus dem Muotatal. Sie haben sich über die Bühne bewegt und sechshundert Herzen aufgetan, haben bewiesen, dass der Gesang die stärkste, die unmittelbarste Kraft auf Erden ist.

Und die fünfundvierzig Singfrauen waren nicht allein in der katholischen Kirche in Alt St. Johann. Frauenpower am Muttertag hatte Nadja Räss versprochen, die künstlerische Leiterin des Klangfestivals Naturstimmen im Toggenburg. Sie hatte nicht zu viel versprochen.

Die Kraft der Stimme ­überwindet jede Grenze

Die Israelin Victoria Hanna im langen blauen Kleid singt uns das hebräische Alphabet vor, lässt uns mitsingen und auf die Brust klopfen: Aleph und Mem und Schin. Victoria Hanna kennt als Tochter eines ­orthodoxen Rabbi die Gesangstradition ihres Volkes. Sie erlaubt sich, Texte aus dem Alten Testament zu vertonen und sie in un­sere Zeit zu heben. Enorm ist ihr Stimm- und Gestaltungsumfang, er reicht bis zum Rap, an dem sich das Publikum perkussiv beteiligt. Bis auf wenige Zuhörer, denen Victoria Hannas freier Umgang mit Überlieferung und Singstimme zu gewagt scheinen mag.

Doch solches ist gewollt am Naturstimmen-Festival. Es blickt bewusst über den Talerschwingrand hinaus. Es zeigt mit Stimmen und Klängen aus der halben Welt auf, wie sich Gesangstraditionen zwar unterscheiden, aber dennoch etwas Gemeinsames haben: die unglaubliche Kraft der ­Stimme, die die Herzen jener berührt und vereint, die sich darauf einlassen. Und keiner kann sich dieser Kraft entziehen, der zwischen Auffahrt und Pfingsten nach Alt St. Johann reist. Der zwischen den Konzerten aus dem Tal hinaufsteigt und dem Klangweg entlang wandert und all die raffinierten Skulpturen und Schellen und Löcher im Fels zum Tönen bringt. Der sich die Ausstellung in der Klangschmiede anschaut oder für einen Kurs anmeldet.

Das Naturstimmen-Festival verbindet auf wunderbare Weise Überliefertes mit der Moderne, Brauchtum mit Exotischem. Und zum Schluss jedes Konzertes ­vereinen sich die Sängerinnen und Sänger auf der Bühne und werden zu einer grossen Stimme. Am Muttertag gehörte auch das Jodelterzett Anuschka, Kathrin und Heidi dazu und vertrat die Tradition des Toggenburgs: ­Anuschka Bösch, Kathrin Zürcher, Heidi Bollhalder, jede auch in anderen Projekten unterwegs. Drei herrliche Stimmen, drei Stimmlagen, absolut stilsicher im Jodellied wie im Naturjodel.

Naturjodel, Joik und ­gesungene Geschichten

Noch reicher an Kontrasten war der Samstag. Da dominierten die Männer vom Jodlerklub Bergfründ Ennetbühl, Neulinge am Naturstimmen, und von Halau Ha’a Kea o Kinohi aus Hawaii, dieAABB22mit Gesang und Tänzen das Klischee von Hula gänzlich widerlegten. Doch Berit Alette Mienna aus der Finnmark drang mit ihren Joiks bis in die hinterste Ecke der Kirche. Beim gemeinsamen Auftritt hatte der eine oder andere Jodler ein Lächeln auf dem Gesicht. Die Hände aber, die blieben im Hosensack.

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