WOHNPROJEKT: Mit einem Bein im Kloster

Bernhard Wietlisbach (68) lebt teils im Kloster, teils bei seiner Frau. Wohnen zwischen zwei Welten: Das wird bald auch in einem Luzerner Kloster möglich sein.

Sylvia Stam und Barbara Ludwig
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Das Kloster Wesemlin Luzern wird zurzeit umgebaut. Ab Herbst 2015 werden die Kapuziner ihr Heim mit neuen Bewohnern teilen. (Bild Philipp Schmidli)

Das Kloster Wesemlin Luzern wird zurzeit umgebaut. Ab Herbst 2015 werden die Kapuziner ihr Heim mit neuen Bewohnern teilen. (Bild Philipp Schmidli)

Ein Montagvormittag im Kapuzinerkloster Rapperswil. Sechs Männer sitzen am Tisch, trinken Kaffee, essen Gipfeli. Alle sind über 60. Fünf sind Kapuziner, drei tragen eine braune Kutte. Einer ist Bernhard Wietlisbach (68), verheiratet seit 44 Jahren – ein Sohn, zwei Enkel. Der Aargauer hat sich ein Leben in zwei Welten eingerichtet. Ein paar Tage pro Woche lebt er bei den Kapuzinern, dann wieder ein paar Tage bei seiner Frau. Es begann mit einer Schnupperwoche. Doch «schon am zweiten Tag nahm es mir den Ärmel hinein», erzählt Bernhard Wietlisbach. «Ich spürte, ich brauche das.» Bernhard Wietlisbach wollte regelmässig im Kloster leben. Ohne seine Frau zu verlassen. Das Kloster, wo der «Sonderfall» in der Gemeinschaft diskutiert wurde, war schliesslich einverstanden – und seine Frau liess ihn ziehen. Auch sie habe gespürt, dass ihm der Aufenthalt im Kloster gut tue.

Günstige Miete in teurer Gegend

Was in Rapperswil möglich ist, soll bald auch in Luzern Realität werden: Im Kapuzinerkloster Wesemlin in der Stadt Luzern werden zurzeit mehrere Klosterzellen umgebaut. Einziehen sollen dort ab Herbst 2015 Frauen und Männer, die «mit einem Bein» im Kloster leben wollen. Der Mietpreis soll 700 bis 900 Franken betragen, Kosten für die Mahlzeiten ausgenommen. «Für dieses attraktive Wohnquartier ist das günstig», findet Fridolin Schwitter, Leiter der Spendenkampagne für das neue Wohnangebot und selber Bruder auf Zeit. Schwitter war bis 2009 Wirtschaftsförderer der Stadt Luzern, trat dann als erster «Bruder auf Zeit» ins Kloster Rapperswil ein und lebt noch heute bei den Kapuzinern – inzwischen im Wesemlin in Luzern.

Der Tagesablauf der künftigen Klosterbewohner ist bereits klar definiert: «Frühstück und Mittagessen können mit der Klostergemeinschaft eingenommen werden. Beim Abendessen bleibt diese unter sich, die Mitbewohner können das Abendessen aber in der Küche beziehen», erklärt Schwitter. Des Weiteren ist die Teilnahme an allen drei Tagzeitengebeten möglich. Eine Verpflichtung, an Gebeten oder Mahlzeiten teilzunehmen, bestehe jedoch nicht, sagt Schwitter, «wir erwarten aber eine grundsätzliche Bereitschaft, in einem klösterlichen Umfeld zu leben.» 31 Personen – 22 Männer und 9 Frauen – haben bislang ihr Interesse an einem Studio im Kloster Wesemlin bekundet. Sie sind zwischen 40 und 85 Jahre alt, die meisten stehen kurz vor der Pensionierung. «Die Studios werden nicht ausgeschrieben, noch entscheiden wir aufgrund der Reihenfolge der Anfragen», sagt Damian Keller, Projektleiter des Wohnprojekts. «Wir möchten gern Frauen und Männer aufnehmen, auch wünschen wir uns eine altersmässige Durchmischung», erklärt Fridolin Schwitter zwei wichtige Auswahlkriterien, «ferner legen wir Wert auf eine Identifikation mit dem Kloster.»

Um die Eignung zu prüfen, sollen Interessenten für eine oder zwei Wochen im Kapuzinerkloster Rapperswil mitleben. Ein strenges Selektionsverfahren also? «Wir Kapuziner gehen eine Verbindlichkeit ein, die über einen blossen Mietvertrag hinausgeht», rechtfertigt Keller das Vorgehen. Bereits jetzt zeigten einige Briefe, dass Menschen mit falschen Erwartungen an dieses Projekt herantreten. «Einige Interessenten hoffen, hier eine Form von betreutem Wohnen vorzufinden», sagt Keller, «diese Leistung können wir personell nicht erbringen. Die Mitbewohner müssen eigenständig sein.»

Helfen in Garten und Kirche

Die Kapuziner erhoffen sich von den Mitbewohnern auch ein gewisses freiwilliges Engagement im Kloster. Möglichkeiten hierfür gibt es viele: «Die Leute könnten beispielsweise im Garten mithelfen, im Hausdienst, beim Empfang an der Pforte. Denkbar sind aber auch Engagements im liturgischen Bereich: als Lektorin, Sakristan, Kantorin bis hin zum Anleiten von Gebeten», erläutert Schwitter.

Nicht nur von den neuen Bewohnern, auch von den Kapuzinern selber wird einiges erwartet: «Von den Brüdern, die hier leben, braucht es ein ‹Ja› für diese neue Form der Gemeinschaft», sagt Keller. Denn die neue Lebensform bringe Veränderungen auf verschiedenen Ebenen mit sich. So werde beispielsweise die Gebetssprache angepasst werden müssen, damit auch Aussenstehende einen Zugang dazu finden – eine Erfahrung, die man in Rapperswil gemacht hat. Dennoch gehöre gerade eine solche Offenheit für die Menschen zum Charisma der Kapuziner: «Früher gingen wir hinaus zu den Leuten, jetzt ist es umgekehrt: Die Leute kommen zu uns.» Wer zu diesen Veränderungen nicht bereit sei, müsse sich versetzen lassen. Das sei in Einzelfällen hart, es gehöre aber zur Tradition der Kapuziner, von Zeit zu Zeit in ein anderes Kloster versetzt zu werden, meint Keller. Aktuell wohnen 18 Brüder im Wesemlin.

«Ich fühle mich freier»

Die Zeit im Kloster habe ihn auch persönlich verändert, sagt Bernhard Wietlisbach: «Es braucht überhaupt nicht viel zum Leben», so seine Erkenntnis. Das einfache Leben der Brüder fasziniert ihn. «Ich lebe heute nur noch in der Gegenwart. Dadurch fühle ich mich viel freier.»

Dass einer wie er ins Kloster geht: Bekannte und Freunde staunten, schüttelten den Kopf. So kannte man Bernhard Wietlisbach nicht. Immer wieder musste er sich erklären. Mit seiner Euphorie habe er aber viele überzeugen können, «fast anstecken». «Heute sind manche Freunde und Bekannte fast eifersüchtig.»

Informationen über das Wohnprojekt im Kloster Wesemlin: www.klosterluzern.ch