WORLD BAND: Das Festival hielt mit der Määs mit

20 000 Besucher am gestern zu Ende gegangenen Festival: Möglich macht den Erfolg eine Vielfalt, die dieses Wochen­ende auf die Spitze getrieben wurde.

Urs Mattenberger
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Brachte nach hochstehenden musikalischen Darbietungen Aktion auf die KKL-Bühne: Showband Corio Heerlen aus Holland. (Bild Pius Amrein)

Brachte nach hochstehenden musikalischen Darbietungen Aktion auf die KKL-Bühne: Showband Corio Heerlen aus Holland. (Bild Pius Amrein)

Wie vielfältig Blasmusik am World Band Festival ist, führte das Wochenende bis zur Gegensätzlichkeit vor. Vor dem liebenswürdigen Spott, mit dem Global-Kryner-Klarinettist Christof Spörk am Samstag das «sture» Schweizer Publikum aus der Reserve lockte, war selbst das Militär nicht sicher, das nebenan im Konzertsaal zur Tattoo-Parade aufmarschierte.

Spörks Androhung, dass die «Russen» demnächst mit Gewehren im Luzerner Saal aufkreuzen würden, überspannte zwar den Bogen, wie er selber einräumte. Aber die spontane Unverfrorenheit war typisch für dieses Abschiedskonzert der Global Kryner, die für ihre süffige Weltmusik im Oberkrainer Stil bekannt geworden ist. Die Truppe liess auch musikalisch die Rampensau raus, mit Stücken, die wild Ohrwürmer aus Schlager und Pop (für Sängerin Sabine Stieger: «Männer sind Schweine!») mit Oberkrainer Bläserschmelz, Balkanrhythmen und überraschend rockigem Sound collageartig vermengte: ein frenetisch bejubeltes, fulminantes Servus zur Auflösung der Truppe.

90 Prozent Auslastung

Den ernsten Gegenpol dazu bildete das WBF Lucerne Wind Ensemble gestern im akustisch etwas knalligen Hotel Schweizerhof. Hier entsprachen zwar Werke von Albert Benz mit ihrer gemässigten Moderne ganz den Erwartungen an kunstvolle sinfonische Blasmusik von Schweizer Komponisten. Aber dazwischen setzten die Musiker des Blasorchesters Stadtmusik Luzern unter Franz Schaffner überraschend moderne Akzente. In Peter Wettsteins Rhapsodie durch rhythmische Befreiungen aus aggressiven Klangstarren, in Thüring Bräms «Prospero» durch die Überlagerung unterschiedlicher Klangwelten. Ein Höhepunkt war Mani Planzers «Phönix», in dem sich aus Schreckensfanfaren eine skurrile Motorik löst, bis die Musik in ätherischen Höhen verglimmt.

Dass sich der breite Mix bewährt, bestätigen die Bilanzzahlen. Laut Intendant Werner Obrecht zählte das World Band Festival bei einer Auslastung von 90 Prozent knapp 20 000 Besucher. Das sind zwar etwas weniger als 2012 – aber bei einem Konzert weniger im Konzertsaal. Mit einer «roten Null» bleibt damit das Festival auf Erfolgskurs.

Das Tattoo drehte sich wie ein Chilbi-Karussell

Am Wochenende drehte sich nicht nur das Karussell vor dem KKL, sondern auch ein Rösschenspiel im Konzertsaal: Acht Musik- und Tanzformationen aus fünf verschiedenen Ländern mit insgesamt 300 Mitwirkenden inszenierten auf der KKL-Bühne einen bombastischen Zapfenstreich. Damit konnte das World Band Festival locker mit der Luzerner Määs mithalten, die mit dem «Flying Swinger» vors KKL lockte.
Musikalischer Höhepunkt von «Tattoo on Stage» war The Band of The Blues and Royals, die berittene Musikkapelle der britischen Armee. Sie beeindruckte auch ohne Rösser in allen Registern: Mit reinen Trompetenfanfaren, einem fünfstimmigen Posaunensatz oder leisen Holzbläserstellen, in denen selbst ein Fagott zu hören war.
Weniger differenziert, aber nicht minder beeindruckend waren die Dudelsack- und Trommelspieler der Stockbridge Pipe Band Edinburgh bei ihrem Einstand am World Band Festival. Ihr Klang war fest, intonationssicher und dabei geschmeidig rund – gerne liess man sich von ihm tragen. Majorin Euan Whitmore führte die Meisterschaft der Band auch mit dem Majorsstab vor, während die Schweizer Highland Dancers schottische Volkstänze zeigten.
Schweizer in Hochform
Auch Schweizer Bands waren in Hochform zu erleben. Mit eindrücklichen Choreografien huschten die Bläser und Trommler von Showband.CH über die Bühne, wobei dem die musikalische Qualität in nichts nachstand, gefolgt von den Tambouren der Swiss Army RS Drum Corps. Sie schlugen sich berauschend durch ein ganzes Arsenal an Perkussionsinstrumenten. Das heimische Publikum war hingerissen.
Nicht ganz so rund liefs bei der Showband Corio Heerlen aus Holland und den Lokalmatadoren, der Lucerne Marching Band. Die Wahl der beiden Bands wollte nicht ganz ins Konzept der Show passen: Statt europäischer Spitzenmusik gabs auf einmal ein Versteckspiel, Geräuscheffekte am Mikrofon und anderen Klamauk. Das Publikum schien sich aber davon nicht beirren zu lassen.
Dass ein Tattoo im 21. Jahrhundert längst nicht nur für steife Märsche
und Evolutionen steht, sondern auch für Swing und Tanz, scheint auch das Militärrepräsentationsorchester der Ehrengarde Moskau gedacht zu haben. Betont locker präsentierte sich die Ehrengarde an ihrer Premiere im KKL: Die Männer schunkelten zur Musik, ein Saxofonist trat improvisierend an den Bühnenrand, und ein volkstümlich gekleideter Akkordeonspieler schlich fröhlich um das Orchester herum. Er hätte auch draussen um das Karussell gehen können, aber im Konzertsaal war es unfreiwilliger Klamauk. Es wollte nicht zu den Bewegungen des jungen Dirigenten Konstantin Petrowitsch passen, der sein Orchester im Grunde nicht zu führen schien, sondern zusammen mit dem Orchester wie das Rädchen einer perfekt einstudierten Choreografie wirkte. Diese Choreografie ging nur im 2/4-Takt auf, dort aber umso besser.
Simon Bordier