WORLD BAND: Grosses Gefühlsbad im Purpur-Regen

Blasorchester als Allround-Coverband – das ist ein Erfolgsgeheimnis von Christoph Walters Entertainment-Galas. Der grösste Trumpf war diesmal ein Gast.

Urs Mattenberger
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Variété-Ambiance im KKL: das «Christoph Walter Orchestra» mit Sängerin Nelly Patty. (Bild Manuela Jans)

Variété-Ambiance im KKL: das «Christoph Walter Orchestra» mit Sängerin Nelly Patty. (Bild Manuela Jans)

Popmusik ist eng verknüpft mit den Interpreten und dem Sound ihrer Bands und Sänger. Sind sie tot oder ziehen sich aus dem Geschäft zurück, kann man ihren Hits nicht mehr im geliebten Original live begegnen. Also springen Coverbands in die Lücke. Aber das Problem betrifft mehr oder weniger die ganze Unterhaltungsmusik. «O mein Papa», «Lili Marleen» oder James Lasts «Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung» – solche Evergreens haben viele im Ohr. Aber wo kann man all das live noch – oder wieder – hören?

Premiere mit eigenem Orchester

An der Entertainment-Gala des World Band Festivals Luzern! Da beweist Bandleader Christoph Walter seit Jahren im ausverkauftem KKL-Konzertsaal, dass ein mit Streichern, Schlagzeug oder ­E-Gitarre ergänztes Blas-Unterhaltungsorchester im Grunde nichts anderes ist als eine stilistisch flexible Allround-Coverband. Der erste Auftritt am World Band Festival mit seinem eigenen, vor vier Jahren gegründeten «Christoph Walter Orchestra» bewies, dass dieses noch besser auf dieses Konzept zugeschnitten ist als die Swiss Army Concert Band, mit der Walter bisher am Festival auftrat.

Dazu gehört, dass sich Walter selber mehr Freiheiten herausnahm. Zu Beginn begrüsste er am Dienstag das Publikum gar als Sänger, wenn er aus der Begrüssung heraus plötzlich in die Melodie von «Nimm dir chli Zyt» einstimmte. Später steuert er mit dem Akkordeon ein sentimentales Intro zur Pop-Folklore von «Gang übers Mätteli» bei. Und mit seinen bübisch-jovialen Plaudereien mit dem Publikum macht er selbst den Moderator Leonhard von der Schweizer Musikwelle überflüssig.

Stubete mit Variété-Glanz

Das alles gibt dieser Gala über das Live-Erlebnis hinaus eine persönliche Note. Das gilt auch für die Projektionen auf die kreisförmige, von einem Lichterkranz umsäumte Grossleinwand. Diese strahlt zwar mondänen Variété-Glanz aus, holt aber auch einzelne Musiker (die «bezaubernde Harfenistin», Walters «Lieblingsschlagzeuger» und alle vorzüglichen Solisten) hautnah heran. Und wenn der Bandleader die Hand über die Augen hebt, um nach Komponist Martin Boettcher mitten im Parkett Ausschau zu halten, wirkt der grosse Konzertsaal heimelig wie eine Stubete-­Stube.

Ganz anders aber ist der je nach Stück durchaus passend mit viel Hall versehene Sound selber. Da zeigt das «grösste Unterhaltungsorchester der Schweiz» (Leonhard), dass es in der grossen Welt des Showbusiness und da in vielen Stilen zu Hause ist. James-Last-Schlagersound, treibende Latin-Rhythmen, Streicherschmelz wie im Kino, fetzige Big-Band-Bläsersätze, ein heiseres Saxofon, eine heulende Gitarre oder ein stupendes Flötensolo, das von perkussivem Spucken nahtlos in einen sämig fliessenden Flötenton wechselt: All dies setzt in den genannten und vielen anderen Titeln immer nah am Original doch eigene Akzente.

Authentisch wie das Original

Die Frage nach Cover und Original entscheidet sich allerdings auch hier vor allem an den Sängern. Und da gelang Walter mit dem Engagement des vielseitigen amerikanischen Gospel-Sängers Walter Belcher ein veritabler Coup. Belchers durchdringende Stimme, die vom aufgerauten Soulgesang bis ins weich und geschmeidig flötende Falsett alle Register zieht, bewies, dass das Cover eben mitunter mindestens so authentisch sein kann wie das Original selbst.

Ein hinreissender Höhepunkt war das Gefühlsbad in seiner ergreifenden, vom Orchester rockig und mit viel Druck begleiteten Interpretation von «Purple Rain», die das Publikum zum frenetischsten Applaus des ganzen Abends hinriss. Ein unvergessliches Konzerterlebnis, wie es Kilian Rosenberg in seiner Begrüssung gewünscht hatte? Hier war es.

Vorprogrammierte Höhepunkte waren da auch die Pop-Duette mit Nelly Patty («You Don’t Bring Me Flowers Any­more»). Da versuchte die französische Sängerin den Amerikaner auch mal an schwarzem Soul zu übertrumpfen («Thats Life!»), stand aber doch immer in seinem Schatten. Den Fall, dass das Cover im Schatten des Originals steht, zeigten ihr vorsichtig-verhaltenes «Lili Marleen» oder «O mein Papa», wo sie mit Lys Assias «Kinstler» zwar flirtete, aber trotz rhythmisch frei schwebender Phrasierung das Original nicht vergessen machen konnte. Erst in «Ne partez pas sans moi» sang sie sich gänzlich frei und liess ihre Stimme fliegen, als wäre sie Céline Dion.

Sinnliche Live-Akrobatik

Der Unterschied von Konserve und Live-Erlebnis ist aber auch bei instrumentalen Stücken enorm. Beispielhaft dafür war etwa die virtuose Hummelflug-Akrobatik von Gast- und Tonhalle-Trompeter Heinz Saurer in «Green Hornet». Und Walter verwies selbst darauf, als er zum Schluss den von der Musikwelle her bekannten «Trompetentraum» ankündigte: Am sinnlich-warmen und doch hell strahlenden Sound von sechs Trompeten konnte man sich tatsächlich nicht satthören. Tosender Applaus.