WORLD BAND: Volksmusik-Stubete blieb streng im Takt

«Live» heisst nicht immer auch spontan. Darüber konnte die Swiss-Folkmusic-Gala selbst mit vielen solistischen Höhepunkten nicht hinwegtäuschen.

Urs Mattenberger
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Volksmusik verbindet Generationen: die Engadiner Ländlerfründe mit dem 17-jährigen Alphorn-Nachwuchsstar Lisa Stoll. (Bild Corinne Glanzmann)

Volksmusik verbindet Generationen: die Engadiner Ländlerfründe mit dem 17-jährigen Alphorn-Nachwuchsstar Lisa Stoll. (Bild Corinne Glanzmann)

Trotz des vom Moderator angekündigten «schummrigen Striptease» im Konzertsaal musste die Polizei am Freitag nicht vor das KKL einrücken. Jedenfalls nicht so, wie es der sympathisch moderierende Hackbrettvirtuose Nicolas Senn in einer Anekdote über das ­Lublaska-Blasorchester zum Besten gab. Die Luzerner Blaskapelle hatte nämlich vor neun Jahren ihren üblichen Spitzenrang an einem europäischen Blasmusikwettbewerb mit einer «Stubete» bis tief in die Morgenstunden hinein gefeiert. Und das so ausgiebig, dass am Schluss die Polizei aufkreuzen musste, um dem lustigen Treiben ein Ende zu machen.

Bodyguard-Figur als Spielleiter

Der Gegensatz zur Swiss-Folkmusic- Gala des World-Band-Festivals Luzern war eklatant. An dieser nämlich war Polizeistunde unüblich früh, nach gut zwei Stunden bereits um 21.40 Uhr. Für das Schlussstück «Im Örgelihus» waren zwar alle Musiker des Abends erstmals gemeinsam auf der Bühne versammelt – neben der Lublaska-Blaskapelle die ­Engadiner Ländlerfründe sowie die ­Solisten Lisa Stoll (Alphorn), Markus Kühnis-Rivera (Orgel), Vlado Kumpan (Trompete) und Nicolas Senn am Hackbrett. Aber sie liessen sich selbst durch den johlenden Applaus des begeisterten Publikums nicht zu einer Zugabe bewegen.

«Live» fördert eben nicht immer die Spontaneität, sondern schliesst sie manchmal geradezu aus. Wie in diesem Konzert, das vom Schweizer Radio aufgenommen und direkt auf der «Musikwelle» ausgestrahlt wurde. Dieses nämlich diktierte auf Schritt und Tritt das Geschehen auf der Bühne. Nicolas Senn machte aus der Not eine Tugend, indem er mit witzigen Klatschritualen das Publikum auf seine Rolle als akustische Hintergrundkulisse bei dieser Liveübertragung einstimmte. Aber der Aufnahmeleiter, der sich wie ein Bodyguard auf der Bühne diskret im Hintergrund hielt, war der wahre Spielleiter und gab mit der Minutage in der Hand den Takt an. Und da war um 21.40 unweigerlich (Sende-)Schluss.

Folgenloser Klarinetten-Strip

Klar, der Effekt der einzelnen Darbietungen wurde dadurch nicht geschmälert. Aber er engte den Spielraum ein. Am spürbarsten war das im Fall der Engadiner Ländlerfründe. Sie hatten sich in der ersten Konzerthälfte mit ein paar Stücken gerade mal warm gespielt. Aber erst nach der Pause rissen sie das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin: mit dem erwähnten «Klarinetten-Strip», bei dem Domenic Janett sein Instrument Stück um Stück demontierte, bis zum Spielen nur noch ein flötender Mundstück-Stummel übrig blieb. Oder mit dem «Güggel-Walzer», in dem Janett frei im Takt «gaggernde» Klangtupfer in eine wohlig fliessende Walzermelodie überführte.

Bei einer wirklichen Live-Stubete würden Musiker da wohl ungebremst nachlegen. Genau dafür blieb an dieser Gala aber kein Raum. Entschädigt wurde man dafür durch die Vielfalt an Darbietungen. Die Lublaska-Kapelle, zu Beginn vermischt mit dem Ländlerswing der Engadiner, spielte nicht nur lautstark auf, sondern bot auch klanglich stimmungsvoll abgemischte Blasmusik – vom sinnlich-dunklen «Malojawind» über «Hey Jude» bis zu knackigen Polkas, wobei sich die warmen Tenorhörner, orgelmässig registrierte Holzbläser und der Glanz der Trompeten immer wieder neu verbanden. Und sie begleitete druckvoll und rhythmisch treibend den Gasttrompeter Vlado Kumpan, der in Stücken wie «One Moment In Time» mit stupenden Soli in höchsten Lagen brillierte – mit einem Ton, der an Glanz noch seine weiss lackierten Schuhe übertraf.

Solistische Höhepunkte

Höhepunkte waren auch die weiteren solistischen Beiträge. Nicolas Senn steigerte am Hackbrett Carlo Brunners «Feuer und Flamme» zu einem Schlusstaumel in Höchstgeschwindigkeit. Lisa Stoll lieh den Ländlerfründen die Majestätik ihres Alphorntons, Markus Kühnis entfaltete in der «Schanfigger Bauernhochzeit» den Klang der KKL-Orgel über ein veritables Trompetensolo hinweg zu voller Pracht.

Durch und durch live

Schade, dass es da nicht zu mehr Kombinationen kam und sich der «Crossover» (Senn) in engen Grenzen hielt. Dieser nämlich wäre gerade im Rahmen einer generalstabsmässig organisierten Live-Übertragung planbar. Und dass der KKL-Konzertsaal dafür beste Voraussetzungen bot, bewies seine akustische Eignung für alle Besetzungen an diesem Abend. In dieser Hinsicht wenigstens war dieses (unverstärkte) Konzert, trotz der vielen Mikrofone am Bühnenrand, durch und durch live.