Wortspiele, Freestyle und böse Hotdogs

Reeto von Gunten, die schöne Sonntagmorgenstimme aus dem Radio, tourt als Kabarettist durchs Land. Der Berner verzettelt sich teilweise in seinem Programm «Single». Und wundert sich, dass nach der Pause noch alle da sind.

Melissa Müller
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Radiomann Reeto von Gunten wurde auch schon als «Hohepriester der Hipster» bezeichnet. (Bild: PD)

Radiomann Reeto von Gunten wurde auch schon als «Hohepriester der Hipster» bezeichnet. (Bild: PD)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Reeto von Guntens Trumpf ist seine Stimme. Es ist die tiefe, warme Stimme des Sonntagmorgens auf SRF 3. Ganz auf sein sanftes Stimmorgan vertraut er auch auf der spartanisch eingerichteten Bühne im Winterthurer Salzhaus. Und auf Understatement: schwarze Brille, schwarzer Rolli, schwarze Hose, Glatze, Bart. Der «Man in black» lässt an einen Zen-Mönch denken, aber auch an Steve Jobs oder eine Architektenkluft.

Mit seinem Programm «Single» tourt der 54-Jährige derzeit durch die Kleinkunstbühnen. Laut Ankündigung soll «einer der renommiertesten Musikliebhaber des Landes» einen eigenwilligen Blick in die Welt der Musik werfen. Wer nun erwartet, etwas über von Guntens musikalische Biografie zu erfahren – Popstars, die ihn prägten, Songs, die ihn trösten, Musik, die er beim Autofahren laut aufdreht –, der täuscht sich. Statt dessen spielt der «Hohepriester der Hipster» (NZZ) Kuhglockengebimmel, Regen­geräusche und Flugzeuglärm ab Band. Und fordert das gesetzte Publikum auf, die Augen zu schliessen. Weil man dann «alles besser sieht». Das sagten seine Kinder, wenn sie der Gutenachtgeschichte lauschen, erzählt er schmunzelnd.

«Wir suchen einen Rassisten für unsere Band»

Statt Demotapes, wie Bands sie einst auf Kassetten aufnahmen, hat Reeto von Gunten seine «Demopapes» mitgebracht. Eine Schachtel voller kleiner Zettel, bunt gemischt, auf die er kreative Einfälle notiert. So macht er sich einen Spass daraus, bei Wörtern Buchstaben auszutauschen. Dann heisst es plötzlich: «Er ist leidender Angestellter», oder: «Wir suchen noch einen Rassisten für unsere Band, oder wie heisst der, der Rassel spielt?» Das sind hübsche Häppchen, nur wird man davon nicht satt.

Reeto von Gunten weist darauf hin, dass im Wort «Kommentarschreiber» der «Arsch» auch schon enthalten ist. Auch sein pubertierender Sohn habe «poetische Schübe». Und weil es den «Musenalp Express», das Magazin für pubertäre Ergüsse, nicht mehr gibt, steuert sein Junior Demopapes bei. Sein Gedicht: «Immer, wenn ich mit offenem Mund auf dem Velo unterwegs bin/stirbt etwas in mir.» Solche Aperçus sind amüsant, aber ebenso wenig abendfüllend wie Anekdoten über seine Kinder, von denen er immer wieder erzählt.

Auch die Flüchtlingskrise beschäftigt von Gunten. Der ehemalige Lehrer liest eine Kurzgeschichte über einen Eritreer vor. Der Flüchtling sitzt auf einem Baum im Garten eines bünzligen Schweizer Ehepaars. Bis das biedere Ehepaar seine Vorurteile abgebaut hat und sich mit dem Mann anfreundet, dauert es arg lang. Die Story ist nicht ganz frei von Sozialkitsch. Am Ende schaut Reeto von Gunten ernst ins Publikum und lässt das Lied «Wer Nicht Schwimmen Kann Der Taucht» von Faber laufen: «Ich bin bestimmt kein Rassist/und gegen Ausländer habe ich nichts/aber ich schaue Schlauchbooten beim Kentern zu.» Ein starker Song.

Eine Nacht bei Ikea

Nach der Pause gibt sich der Entertainer erstaunt. Er freut sich, dass noch alle da sind. «Das ist nicht selbstverständlich.» Aber vielleicht, meint er, wolle man einfach bleiben, weil man Eintritt bezahlt hat. «Genau das habe ich mir gedacht», sagt eine Zuschauerin unverblümt. Das Bleiben lohnt sich dann aber. Der Radiomann trägt Kurzgeschichten vor, die er auch als Buch veröffentlicht hat. Er liest bedächtig vor, baut Spannung auf und kostet die Pointe aus. Eine Geschichte handelt von einem Mann, der in einem schwedischen Möbelhaus einschläft und eingesperrt wird. Zwischen Sofas und Billy-Regalen bekommt er es mit Bambusschlingpflanzen und mon­strösen Hotdogs zu tun.

Vergnüglich ist auch der Monolog eines Vaters, der den Sohn davon überzeugen will, Gitarre zu lernen – weil ein Gitarrist bessere Chancen bei Frauen habe als ein Klavierspieler. Da läuft von Gunten zur Hochform auf. Schade, dass sein Programm keinen roten Faden hat. «Je länger eine Tournee dauert, desto mehr werden meine Auftritte Freestyle», sagte er der WoZ. «Es wäre der Horror, immer genau das Gleiche zu erzählen.»

Weitere Vorstellungen:
8.11., Diogenes-Theater, Altstätten
6.12., Militärkantine, St. Gallen