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Woerdz-Festival in Luzern: Wortstarke Geschichten aus dem Leben

Die Sprache der Zukunft ist noch nicht erfunden. Doch heutige Wort- und Soundbeiträge sind noch erhellend genug. Das Festival Woerdz im Südpol Luzern ging am Sonntag zu Ende. Und zeigte, wohin der Trend geht.
Pirmin Bossart
Saul Williams am Woerdz Festival. (Bild: Franca Pedrazzetti, 20. Oktober 2018)

Saul Williams am Woerdz Festival. (Bild: Franca Pedrazzetti, 20. Oktober 2018)

Fünf Tage lang hat das alle zwei Jahre stattfindende Festival ­Woerdz auf die Bühne gebracht, was sich derzeit im fantastischen Wort-Aquarium der Spoken-Word-Künstler tummelt. Gegen 1000 Personen haben die Veranstaltungen besucht. Zum Auftakt wurde ein Abend der Urform Poetry Slam gewidmet. Ein unterhaltsamer Wettbewerb, der sich nach unschuldigen Underground-Zeiten längst etabliert hat.

In einer ersten Runde kam der Nachwuchs aus den Kantonsschulen Alpenquai Luzern und Sursee zu Wort: Aufgeweckte Jungs und Girls, die ihren (post-)pubertären Alltag verhandelten, was nicht verwundert, aber performerisch erstaunlich viel Selbstbewusstsein und Frische versprühte. Form wird Inhalt, das wissen wir im aktuellen Selfie- und Posing-Verhalten nur zu gut.

Gabriel Vetter schnappte sich die Whiskey-Flasche

Im zweiten Teil massen sich bekannte Namen und Routiniers wie Patty Basler, Gabriel Vetter, Susanne Zahnd oder Christoph Simon um die obligate Flasche Whiskey. Mit einem hauchdünnen Applaus-Vorsprung sicherte sich Vetter vor Basler den Sieg. Die Texte haben sich seit den Anfängen der Slams verändert. Wir hörten weniger im Singsang vorgetragene Flash-in-your-Face-Elaborate, als fast schon konventionellere Storys und Skizzen, die wie mündliche Blogs wirken.

Star des Abends war Mode­ratorin Hazel Brugger, deren Schlagfertigkeit und Coolness man neidlos bewundern darf, da sie die Gürtellinie des feinen Geschmacks auch dann meistert, wenn sie über dünnstes Eis geht. Den roten Faden bildete ihr schon fast empathischer Flirt mit dem Brummbären des Abends, Musiker Cello Inferno. Seine trashigen Interventionen mit selbst gebastelten Gitarren und der feuerzüngelnden Kaffeekanne verliehen dem Bühnengebaren, was ihm noch fehlte: ein Gefühl vom (wirklichen) Leben draussen.

Michael Stauffer am Woerdz Festival. (Bild: Franca Pedrazzetti, 20. Oktober 2018)

Michael Stauffer am Woerdz Festival. (Bild: Franca Pedrazzetti, 20. Oktober 2018)

Die Steinzeit der Robotersprachen

In drei Staffeln zeigte Woerdz eine Werkschau der Spoken-Word-Szene Schweiz sowie drei Werkaufträge, die sich an den experimentelleren Kanten bewegten und manchmal auch scheiterten. So am Samstagabend mit dem Auftritt der Autorin und Performerin Raych Jackson und dem Medienkünstler Urs Hofer. Unter dem Motto «Zukunft der Sprache – Sprache der Zukunft» programmierte Hofer 12 «Bots» (automatisierte Kommunikationsapplikationen), die über 12 Lautsprecher mit der Performerin und unter sich in Beziehung hätten treten sollen. Das taten sie aber nur sehr rudimentär und nicht nachvollziehbar. Dass auch die Robotersprachen eine Steinzeit haben: Das war hier zu erleben.

Die Werkschau am Samstag gab Anlass zur Vermutung, dass der konventionell gewobene Sprach- und Erzähleppich noch längst kein Verfallsdatum hat. Vor allem, wenn er so trashig gescheit und unverfroren abhebt wie bei Michael Stauffer. Der Ostschweizer improvisierte sich durch ein krudes Konglomerat aus Klangmalerei, Wortsalven und Kabarett: rabiat aus dem Alltag geschnitten und furchtlos serviert.

Pedro Lenz am Woerdz Festival. (Bild: Franca Pedrazzetti, 20. Oktober 2018)

Pedro Lenz am Woerdz Festival. (Bild: Franca Pedrazzetti, 20. Oktober 2018)

Mit Pedro Lenz trat der Schweizer-Spoken-Word-Star mit der Büezer-Seele auf die Bühne. Seine Stimme, sein Duktus, sein Flow sind bezwingend und schon fast anheimelnd, und seine Menschenfreundlichkeit geht uns alle etwas an. Lenz poetisiert den Schweizer Alltag. Er arbeitet mit dem Banalen und Unspektakulären, mit Repetition und Rhythmus. Man meint, liebenswürdige Geschichten zu hören, aber sie haben kein Gartenhägli. In seinen Texten ist ein kritischer Blick auf gesellschaftspolitische Phänomene immer inbegriffen. Dennoch berühren und erheitern sie.

Protagonist mit mysteriösem Klangteppich an Worten

US-Poet Saul Williams war das internationale Aushängeschild des Festivals. Nach einem Soloauftritt am Freitag kehrte er am Samstag mit dem David Murray Quartet auf die Bühne zurück. Die Musik wurzelte entfernt im Blues und im Hardbop, war strukturiert und hatte Melodie. Zunehmend gewann sie an Drive und Dringlichkeit. Murray solierte in impulsiven Saxofonkaskaden. Saul Williams packte mit seinem mysteriösen Klangteppich an Worten. Er rezitierte, sang und trieb einem das Feeling der globalen Verunsicherung und des Widerstands unter die Haut, auch wenn man längst nicht alles verstand.

Den passenden Rahmen gab das Festival, um Verleger Matthias Burki zu feiern, der dieses Jahr den Preis der Landis & Gyr Stiftung in der Höhe von 100 000 Franken gewonnen hat. Ohne Burki gäbe es kein Luzern als Hauptstadt der Schweizer Spoken-Word-Szene. «Er wird geehrt für seinen untrüglichen Sinn für gute Texte, ebenso wie für seine unternehmerische Liebenswürdigkeit und seine selbst ausbeuterische Grosszügigkeit.» würdigte ihn der Literaturnetzwerker Beat Mazenauer in der Laudatio. Das alles habe – nicht nur in der Schweiz – Spuren hinterlassen. «Die Schweizer Literatur wäre heute eine ganz andere ohne die Leidenschaft von Matthias Burki.»

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