Essay

Das Schönste am Reisen sind unsere Erinnerungen daran – davon können wir besonders in diesen Wochen profitieren

Würden Sie eine Traumreise machen, wenn Sie sich danach an keines Ihrer Erlebnisse erinnern könnten?

Samuel Schumacher
Drucken
Teilen
An die Wand dieses Leuchtturms an der korsischen Westküste hat ein Reisender Charles Baudelaires wunderbares Zitat hingekritzelt: «Der wahre Reisende bricht auf um des Aufbruchs Willens. Sein Herz ist wie ein Ballon, getragen vom Wind.»

An die Wand dieses Leuchtturms an der korsischen Westküste hat ein Reisender Charles Baudelaires wunderbares Zitat hingekritzelt: «Der wahre Reisende bricht auf um des Aufbruchs Willens. Sein Herz ist wie ein Ballon, getragen vom Wind.»

Bild: Samuel Schumacher

Kaum ein Mensch weiss so viel über die Bedeutung unserer Erinnerungen wie Daniel Kahneman. Für seine Forschung hat der israelische Psychologe den ­Nobelpreis erhalten. Und er hat für seine Untersuchungen eine faszinierende Frage formuliert: Stellen Sie sich vor, Sie erhielten eine Traumreise geschenkt. Würden Sie die Reise machen, wenn Sie sich danach an keines der Reiseerlebnisse erinnern könnten?

Die Frage treibt mich in diesen Tagen um. Reisen, hatte ich in einem Katalog einmal gelesen, sei die zukünftige Erinnerung an sich selbst. Das leuchtet ein. Auf Reisen lernt man sich kennen, lebt intensiver, saugt viel Faszinierendes und zuweilen Erschreckendes auf. Das unmittelbare Erleben ist aber nur ein Teil dessen, was einem das Reisen gibt. Genauso wichtig sind die Erinnerungen, die man mit nach Hause trägt.

Das merken wir jetzt, wo uns das Recht aufs Reisen verwehrt ist. Was uns bleibt, ist einzig das Abdriften in die angesammelten Reiseerinnerungen. Und wenn ich an all die magischen Reisemomente zurückdenke, frage ich mich: Kann man die Magie eines Moments überhaupt je in dem Moment selbst ­erfassen? Oder braucht es nicht sowieso immer eine zeitliche Distanz? Anders gefragt: Sind die Erinnerungen an unsere Reisen vielleicht eindrücklicher als die Reisen selbst?

Wie stark wir uns von unseren Erinnerungen täuschen lassen, hat die Psychologin Kimberley Wade untersucht. Sie hat es in einem Experiment geschafft, Menschen eine Erinnerung an einen Ballonausflug einzupflanzen, den diese gar nie gemacht haben. Alles, was sie dazu brauchte, waren ein paar Fotomontagen, auf denen die Studienteilnehmer als Kinder in einem Heissluftballon standen. Schon «erinnerten» sich Wades Probanden und erzählten ihr plötzlich von der Angst und der Freude, die sie auf dem Ausflug verspürt hatten. Das erinnert an den Film «Total Recall», in dem sich Arnold Schwarzenegger von einer Firma künstliche Erinnerungen an eine Mars-Reise einpflanzen lässt.

Nun: Auf dem Mars war ich nie. Dafür in Albanien. Da habe ich einen taubstummen Coiffeur getroffen, der neben meinem Parkplatz stand und mir gestikulierend erklärte, dass er während meiner Abwesenheit auf mein Auto aufgepasst habe und dass alles in Ordnung sei. Ich habe den Mann zu einem Bier eingeladen. Er hat mir mit seinen Händen und Augen seine Lebensgeschichte erzählt. Er hat mir seinen Salon gezeigt und mich mit seiner herzlichen Art sehr berührt.

Der taubstumme Coiffeur im albanischen Dorf Berat: eine eindrückliche Begegnung.

Der taubstumme Coiffeur im albanischen Dorf Berat: eine eindrückliche Begegnung.

Bild: Samuel Schumacher

Den Mann gab’s wirklich. Ich habe Fotos von ihm. Und ich habe Dutzenden Menschen von dieser Begegnung im albanischen Hinterland erzählt – oft viel zu überschwänglich (sorry!). Und ich bin mir sicher, dass meine Erinnerung an den taubstummen Coiffeur dadurch viel eindrücklicher geworden ist, als es die Begegnung damals war.

Doch spielt das überhaupt eine ­Rolle? Nein, glaubt der Neuropsychologe Lutz Jäncke. Er schrieb einmal:

«Wir sind das, was wir über uns erinnern.»

Gerade Reiseerinnerungen seien ein Pfeiler unserer Persönlichkeit. Einer Studie der Fluggesellschaft Swiss zufolge halten 56 Prozent der Menschen ihre Reisen auf Fotos fest. Auch das zeigt, wie wichtig uns die Erinne­rungen an unsere Reisen – also an uns selbst – sind.

Mir kommt in diesen Tagen immer wieder der Schriftsteller Charles Baudelaire in den Sinn, dessen Spruch ich mal an der Wand eines korsischen Leuchtturms entdeckt habe:

Bild: Samuel Schumacher

Der wahre Reisende sei der, schrieb Baudelaire, der um des Aufbruchs willen aufbreche, dessen Herz sich treiben lasse wie ein Ballon, getragen vom Wind. Doch wer sagt schon, dass man fürs Reisen wirklich aufbrechen muss? Vielleicht reicht es ja, sich in Gedanken durch die vergangenen Reisen treiben zu lassen, getragen von den Erinnerungen.

Wenn Daniel Kahneman jetzt käme und mir die Gratis-Traumreise ohne Erin­nerungen anböte: Ich würde dankend ablehnen.

Weitere Essays aus der Schweiz am Wochenende finden Sie hier: