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Irre Romanze: Wüstenpflanze trifft Meermann

Die Amerikanerin Melissa Broder twittert über ihre Essstörungen, Suizidgedanken und romantische Obsession. In ihrem derben Debutroman «Fische» erlebt eine depressive Frau mit einem Fischmann ihr sexuelles Wunder.
Melissa Müller
Sich in eine männliche Sirene zu verlieben, ist nicht ungefährlich. (Bild: Yuri Arcurs/Getty)

Sich in eine männliche Sirene zu verlieben, ist nicht ungefährlich. (Bild: Yuri Arcurs/Getty)

Schon viele Männer sind in der Literatur ins Meer gegangen und aus Verliebtheit in eine Sirene ertrunken. Die Amerikanerin Melissa Broder dreht in ihrem hochgelobten ersten Roman «Fische» den Spiess um – und lässt ihre Antiheldin Lucy auf einen Meermann treffen. Am Tiefpunkt ihres Lebens angelangt, begegnet die neurotische Singlefrau einem mythischen Wesen: Einem schönen jungen Mann mit Fischschwanz. Die Beziehung zwischen Mensch und Wasserwesen endet aber selten glücklich. Die kleine Meerjungfrau bei Hans Christian Andersen löst sich am Ende in Schaum auf.

In den USA gilt Autorin Melissa Broder, 38, als Ikone des «traurigen Feminismus» – eine neue Bewegung namens «Sad Girl Theory». Deren traurige und leidende Anhängerinnen wollen sich abgrenzen von den Erwartungen und dem Leistungsdruck der anderen Feministinnen. Dauernd gut aussehen, sexuell befreit und kämpferisch drauf, dazu noch schlau und reflektiert, das sei ihnen zu viel, findet die bekannteste Anhängerin Audrey Wollen. Man solle «Mädchen nicht dauernd zwingen, sich selbst zu lieben und optimistisch zu sein», fordert sie.

Sie kehrt das Peinliche gegen aussen

Melissa Broder verweigert sich diesen Ansprüchen radikal. Ob auf Twitter oder in ihrem Buch: Sie kehrt das Intimste, Peinlichste, Jämmerlichste gegen aussen. So schreibt sie über ihre Essstörung, ihr verzerrtes Körperbild und dass sie sich über ihre asymmetrischen Schamlippen wundert. Die Amerikanerin leidet an Depressionen, Angststörungen und Suizidgedanken. Ihr Leid giesst sie in Einzeiler wie: «Du bist perfekt für mich, weil du mich nicht willst», oder: «Nie zu genügen, ist ein Lifestyle.»

Wenn nur die Hälfte dieser Entblössungen stimme, würde er es keine Woche mit dieser Frau aushalten, notierte ein Journalist. Dabei ist Broder, die mit Mann und Hund in Los Angeles lebt, seit 13 Jahren verheiratet, ein paar Jahre davon in offener Ehe. Über 650 000 Fans folgen ihrem Twitter-Account «So Sad Today», darunter Hollywood-Stars wie Miley Cyrus, Katy Perry und Feministin Lena Dunham. Wegen ihres Erfolgs im Netz bissen einige Verlage an und boten Broder viel Geld an für Traurigkeit.

In der Selbsthilfegruppe für ­Beziehungsgestörte

Das Buch «Fische» beginnt mit einer Trennung. Heiraten wollte Lucy ihren Freund Jamie sowieso nie. Und sie nervt sich über «seine Selbstzufriedenheit, sein mehrfach gepolstertes Kinn».Dann aber steht sie am Abgrund. Sie dröhnt sich zu und verprasst ihr Geld bei Hellseherinnen, promoviert über griechische Dichtung, kommt aber nicht vom Fleck. Nach einem Selbstmordversuch hat ihre reiche Schwester Erbarmen. Lucy soll ihre zugemüllte Wohnung in Arizona einen Sommer lang mit ihrer Villa in Venice Beach in Los Angeles tauschen. Einzige Bedingung: Lucy muss den Hund hüten.

Da Lucy ihrem Ex das Nasenbein gebrochen hat, muss sie zudem in eine Therapiegruppe für beziehungsgestörte Frauen. Dort trifft sie Nymphomaninnen, Schönheits-OP-Süchtige und lebensmüde Mütter. Statt den Rat zu befolgen, sich von Männern fern zu halten, verabredet sich Lucy via Tinder mit Typen, die entweder hässlich sind oder sie auf Hoteltoiletten auf schäbige Art ausbeuten. Ähnlich wie Charlotte Roche in «Feuchtgebiete» lässt Broder bei der Beschreibung von schlechtem Sex keine Details aus.

Trotz derber Sprache ist «Fische» kein trivialer Sexroman. Vielmehr geht es um Lucys Flucht vor der inneren Leere. Sie stürzt sich in einen Reigen von Enttäuschungen, süchtig nach Bestätigung: «Anscheinend kam jeder für den Job in Frage, ein Liebhaber, eine neue Bekanntschaft, ein Hund.» Glücklicherweise kippt die Geschichte dann ins Magische. Bei einem Nachtspaziergang am Meer lernt die Enddreissigerin den jungen Schwimmer Theo kennen, der aus den Fluten des Pazifiks auftaucht. Nur sein Oberkörper ragt aus dem Wasser, an Land kommt der geheimnisvolle Theo nicht. Nach mehreren Treffen offenbart er sich: Er hat einen Fischschwanz.

Wie zieht man einen ­Meeresbewohner an Land?

Mit dem Meermann wird Sex auf einmal zu etwas, was Lucy noch nie gespürt hat. Allerdings eine umständliche Sache: An Land ist Theo hilflos, Lucy muss den Fischmenschen mit einer Schubkarre ins Haus schieben. Und den knurrenden Hund mit Schlafmittel betäuben. So kann es natürlich nicht ewig weitergehen zwischen der Wüstenpflanze und dem Meeresbewohner. Theo stellt Lucy vor eine schwierige Wahl.

Broder gelingt das Kunststück, ein lustiges Buch über eine Depression zu schreiben. «Ich habe schon immer schwarzen Humor als Bewältigungsstrategie genutzt», sagt die Schriftstellerin, die keine Angst vor Blösse hat. Und genau diese Ehrlichkeit ist befreiend.

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