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ZAUBERN: «Ich bin ein Prinzipienreiter»

Schwindeln, vorgaukeln und manipulieren: der Comedian Michel Gammenthaler (41) über sein Talent, andere über den Tisch zu ziehen – und wie seine Frau ihn mit einer Quietschente rumgebracht hat.
Interview Robert Bossart
Eine Faxe für die Fotografin muss bei Michel Gammenthaler sein: Er zaubert und bringt dabei die Zuschauer zum Lachen bringen. «Es ist unglaublich, wie viel Täuschung nur über das Verbale stattfindet.» (Bild Nadia Schärli)

Eine Faxe für die Fotografin muss bei Michel Gammenthaler sein: Er zaubert und bringt dabei die Zuschauer zum Lachen bringen. «Es ist unglaublich, wie viel Täuschung nur über das Verbale stattfindet.» (Bild Nadia Schärli)

In Ihrem neuen Programm sind Sie ein Schwätzer und Schwindler – sind Sie privat auch so?

Michel Gammenthaler: Eigentlich nicht, obwohl wir heute ja alle ein wenig Gambler sind. Wir müssen so viele Sachen gleichzeitig unter einen Hut bringen – da muss man darauf achten, wann man welche Karte spielt.

Wie haben Sie es mit richtigen Schwindlern, wie etwa Uli Hoeness, der Millionen an Steuern hinterzogen hat? Haben Sie Verständnis für Leute, die mit gezinkten Karten spielen?

Gammenthaler: Bei mir kommen eher die Leute vor, die mit dem Übernatürlichen und Übersinnlichen herumwerkeln. Manche haben sogar das Gefühl, mein Programm sei ein «Esotherik-Bashing».

Ist es das?

Gammenthaler: Nein, ich weiss nicht, ob es übersinnliche Phänomene gibt oder nicht. Wie die meisten Menschen habe auch ich eine gewisse Sehnsucht nach Spirituellem oder Übersinnlichem. Was ich aber nicht mag, ist, wenn gewisse Menschen, die nicht über übersinnliche Fähigkeiten verfügen, aber so tun als ob, damit den Leuten das Fell über die Ohren ziehen. Das finde ich verwerflich – und gleichzeitig ist es faszinierend, weil diese Leute im Grunde nur einen Steinwurf vom Zauberkünstler entfernt sind. Sie benutzen verwandte Techniken – das ist schon fast schräg.

Warum schräg?

Gammenthaler: Wenn ich über das, was ich auf der Bühne mache, ein Glaubenskonstrukt legen und irgendwelche Workshops auf einer Alp anbieten würde, könnte ich mir eine Glaubensgemeinschaft heranzüchten. Die Gammenthalersche Religion gewissermassen (lacht).

Diese Zaubertricks sind für Laien verblüffend. Irgendwie kommt man einfach nicht dahinter. Was ist der Witz, der Trick dahinter?

Gammenthaler: Es gibt immer wieder Leute, die mir die Hand auf die Schulter legen und sagen: Nicht wahr, das ist einfach Fingerfertigkeit. Andere sagen, die Ablenkung mache es aus. Die ganz Originellen sagen: Es ist der Trick, auf den komme es an.

Und was ist die richtige Antwort?

Gammenthaler: Es ist wohl eine Kombination von allem. In meinem neuen Programm erkläre ich den Leuten den ganzen Abend, was alles nicht möglich ist – um es dann doch zu machen. Das finde ich sehr reizvoll. Gute Zauberei ist vielschichtig, sie hat nicht ein Geheimnis, sondern mehrere. Sie ist wie ein Labyrinth.

Wie schwer ist es, gut zu zaubern?

Gammenthaler: Sackschwer. Oft stecken simple Tricks dahinter, ja. Schwer ist es, diese so zu verpacken, dass sie nicht mehr simpel wirken. Der Interpret und die Geschichte, die er um einen Trick konstruiert, ist wichtiger als das Geheimnis selber. Es ist unglaublich, wie viel Täuschung nur über das Verbale stattfindet.

Man fällt auf Sie herein?

Gammenthaler: Absolut, ja. Man kann den Menschen falsche Erinnerungen einpflanzen, was ich sehr faszinierend finde.

Machen Sie privat auch von diesem Talent Gebrauch?

Gammenthaler: Ich kann manipulieren. Das tönt so negativ, ist es aber gar nicht unbedingt. Ein dreijähriges Kind zum Beispiel manipuliert seine Eltern ständig.

Wer manipuliert mehr, Sie oder Ihre Frau?

Gammenthaler: Beide machen es auf Teufel komm raus (lacht). Es ist eine Art «social skill», eine Fähigkeit, die man im zwischenmenschlichen Umgang braucht.

Früher haben Sie immer wieder Rollen gespielt auf der Bühne, einen Besoffenen etwa oder das Frauchen Hedi. Nun verzichten Sie darauf. Ist das nicht schade?

Gammenthaler: Die Figuren haben mir viel gegeben und mich Sachen machen lassen auf der Bühne, die ich als Gammenthaler vielleicht nicht gemacht hätte. Eine Figur ist aber auch ein Versteck, ein Filter, der zwischen mir und dem Publikum steht. Ich glaube, dass ich jetzt die Fähigkeit habe, einfach mich selber zu sein. Das ist eine Last, aber vor allem eine Befreiung.

Wer sagt Ihnen, was lustig ist und was nicht, wenn Sie ein neues Programm erarbeiten? Ihre Regisseurin oder Ihre Frau?

Gammenthaler: Beide. Ich merke aber oft selber, was funktioniert. Es gibt Mechanismen und Gesetzmässigkeiten. Comedy funktioniert nach bestimmten Gesetzen, mit denen man spielen kann.

Was haben Sie am liebsten? Wenn sich das Publikum vor Lachen auf die Schenkel klopft?

Gammenthaler: Nein, am tollsten finde ich es, wenn die Leute am Schluss und nach der Vorführung noch lange über das Gesehene und Gehörte nachdenken und darüber diskutieren. Ich habe nichts gegen Schenkel-Klopf-Humor, aber ich mache ihn nicht gern, es ist nicht mein Ding. Mir gefällt es, wenn das Hirn eingeschaltet bleibt.

Dennoch müssen Sie vor allem eines: unterhalten. Gibt es nicht die Angst, dass es plötzlich niemand mehr lustig findet, was Sie machen?

Gammenthaler: Natürlich, ich glaube, die Leute können sich nicht vorstellen, was für eine Achterbahn dieser Beruf ist. Einmal bist du der Grösste, dann ist es mal suboptimal, und schliesslich gibt es Tage, wo man sich fragt, ob man überhaupt noch weitermachen soll.

Wie hält man das aus?

Gammenthaler: Indem man weder dem Triumph noch der Niederlage zu viel Gewicht beimisst.

Wie steht es mit Lampenfieber?

Gammenthaler: Ich habe irgendwann aufgehört, nervös zu sein.

Tönt so einfach, ist es wohl aber nicht.

Gammenthaler: Ich kann einfach nicht vor jedem Auftritt durchdrehen, sonst würde mir das 120-mal im Jahr passieren, das geht nicht. Obwohl ich weiss, dass es Berufskollegen gibt, die jedes Mal 1000 Tode sterben.

Am Anfang Ihrer Karriere mussten Sie unten durch und konnten kaum Ihre Miete bezahlen. Wie haben Sie durchgehalten?

Gammenthaler: Ich habe verschiedene Leitsprüche – ich bin ein ziemlicher Prinzipienreiter, nebenbei gesagt –, einer heisst, dass es keine Schande ist umzufallen, aber eine, nicht wieder aufzustehen. Sehr amerikanisch, ich weiss. Und sehr leicht gesagt, wenns einem gut geht. Die Kunst ist es, dieses Prinzip zu leben, wenn man unten ist. Aufstehen, Dreck abwischen und weitergehen. Das ist im Showbusiness das, worauf es ankommt.

Themenwechsel: Kann man bei Ihnen in der ersten Reihe sitzen, ohne dass man ins Programm einbezogen wird und sogar auf die Bühne muss?

Gammenthaler: Das gibt es bei mir nicht. Ich finde nichts schlimmer, als wenn das Publikum verwendet wird, um Lacher zu generieren.

Es gibt andere Comedians, die aber genau das machen.

Gammenthaler: Ich finde das verwerflich.

Und die Sache mit der Gürtellinie?

Gammenthaler: Es ist nicht per se schlecht, unter die Gürtellinie zu gehen. Ich habe schon Künstler erlebt, die einfach eine vulgäre Sprache benutzen, weil sie das Gefühl haben, dass das Lacher bringt, wenn sie «Schwanz» sagen (lacht). Wenn aber jemand unter die Gürtellinie geht, weil er damit in die Abgründe der Gesellschaft vordringen möchte und uns einen kabarettistischen Spiegel vorhalten will, dann soll er das bitte tun, und zwar konsequent und so gut wie möglich. Bei dem, was ich mache, ergibt das keinen Sinn, darum habe ich mich entschieden, relativ hart oberhalb der Gürtellinie zu bremsen (lacht).

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Gammenthaler: Man muss sich schon ein dickes Fell zulegen. Wie oft hörte ich schon, wie jemand sagte: Gammenthaler? Den kann ich nicht ausstehen. Aber wie oft habe ich das schon über andere gehört. Es ist unmöglich, dass dich alle lustig finden. Damit muss man leben.

Ihre Eltern wollten, dass Sie erst das KV machen, bevor Sie Künstler wurden. Eine gute Idee?

Gammenthaler: Ja, so habe ich auch die «echte» Welt kennen gelernt. Wenn man nur in Künstlerkreisen verkehrt, bekommt man gewisse Sachen gar nicht mit, etwa, jeden Morgen um halb acht im Büro zu sein, in überfüllten Zügen zu sitzen usw.

Wie sieht denn Ihr Alltag aus?

Gammenthaler: Meist wache ich um sieben, halb acht auf, auch wenn ich bis um drei in der Nacht gearbeitet habe. Aber ich stehe nicht gleich auf, sondern trinke zusammen mit meiner Frau einen Kaffee im Bett. Sie bringt ihn, falls Sie das fragen wollten.?

Danke. Haushalten Sie auch?

Gammenthaler: Ja, ich mache viel, kümmere mich oft um die Kinder, wenn ich zu Hause bin. Aber ich bin auch viel unterwegs und arbeite generell sehr viel.

Was machen Sie sonst gern im Leben?

Gammenthaler: Etwas vom besten, was es gibt, ist, einfach in der Natur zu sein. Ich bin extrem gern im Wald. Und ich liebe es, nachts den Sternenhimmel zu betrachten. Zudem koche ich sehr gern.

Ihr Bravour-Gericht?

Gammenthaler: Paella. Das ist so richtig aufwendig. So mag ich es.

Und wie stehts mit Freunden?

Gammenthaler: Habe ich, klar. Es ist nur so, dass irgendwie alle um mich herum so zwischen 35 und 45 sind, und alle haben 27 000 Projekte am Laufen und Familie – ich muss mir manchmal wahnsinnig Mühe geben, um den Kontakt aufrechtzuhalten.

Finden Ihre zwei Kinder Sie lustig?

Gammenthaler: Sehr, aber nicht auf der Bühne, sondern zu Hause.

Sind Sie die Ulknudel am Küchentisch?

Gammenthaler: Das sind wir alle ein wenig, wir haben es oft sehr lustig.

Wie sind Sie als Vater?

Gammenthaler: Streng, sehr streng.

Wie denn?

Gammenthaler: Manchmal ist es halt gar nicht lustig, dann etwa, wenn es gilt, etwas durchzusetzen. Meine Kinder können dafür zwei Stunden still sitzen, wenn wir auf Besuch sind. Weil wir das so wollen und das auch fordern.

Stimmt es, dass Ihre Frau Sie, als Sie sich kennen lernten, mit einer Quietschente köderte?

Gammenthaler: Das war ein Symbol.

Für was?

Gammenthaler: Wir sind beide Badewannen-Aficionados, und die Ente war so etwas wie eine Einladung – die ich sehr gerne angenommen habe.

Dann sind Sie, kaum haben Sie sich kennen gelernt, miteinander in die Wanne gestiegen?

Gammenthaler: Genau (lacht). Ich bin froh, dass sie so forsch war. Vor ihr war ich eigentlich der Meinung, dass ich nie Familie haben werde.

Sie ist schuld, dass Sie zwei Kinder haben?

Gammenthaler: Ja, aber die Familie gibt mir Stabilität, Antrieb, es ist mir wahnsinnig wichtig, dass es meinen Kindern gut geht. Es ist eine interessante Balance: Einerseits muss man sich als Künstler entwickeln und gleichzeitig darauf schauen, dass der Laden – damit meine ich die Familie – läuft.

Sie haben sehr viele Auftritte – wird man davon sehr reich?

Gammenthaler: Das nicht, aber unterdessen würde ich meinen Verdienst so im mittleren Kader ansiedeln. Das ist gut.

Sie spielen die nächsten Tage sieben Mal in Luzern. Sind Sie gerne in der Gegend?

Gammenthaler: Extrem, die Surseer Comedy-Tage sind super. Ich hoffe, dass die Stadt sich bewusst ist, was für einen Schatz sie hat. Schreiben Sie das bitte!

Mach ich. Das Luzerner Publikum?

Gammenthaler: Da sehe ich nicht so grosse regionale Unterschiede, es kommt vielmehr auf die Wochentage an.

Wochentage?

Gammenthaler: Ja, der Freitag ist der beste Tag, der Samstag der schlechteste. Am Freitag sind alle noch im Schuss und freuen sich aufs Wochenende, am Samstag haben alle schon einen Tag frei gehabt, das Auto gewaschen und sind schon zu stark «runtergefahren». Dann liegt es an mir, das Publikum auf Betriebstemperatur zu bringen (lacht).

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