ZAUBERSEE: Orchester und Chor waren die Stars

Grosse russische Opernkunst boten das Luzerner Sinfonieorchester und der Staatliche Chor Lettland unter der Leitung von James Gaffigan. Dargeboten wurde Tschaikowskys «Pique Dame» halbszenisch und konzertant.

Fritz Schaub
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Eine starke Larissa Diadkova als Gräfin, derweil sich Kristian Benedikt als Hermann steigerte. Rechts James Gaffigan. (Bild: Ingo Hoehn/PD (26. Mai 2017))

Eine starke Larissa Diadkova als Gräfin, derweil sich Kristian Benedikt als Hermann steigerte. Rechts James Gaffigan. (Bild: Ingo Hoehn/PD (26. Mai 2017))

Fritz Schaub

kultur@luzernerzeitung.ch

17 Jahre nach der konzertanten Aufführung von Peter Tschaikowskys Oper «Pique Dame» im Rahmen des Lucerne Festival kam es am Freitagabend im KKL zu einer weiteren Aufführung – wiederum im Rahmen eines Festivals, nämlich «Zaubersee». Diesmal jedoch mit Luzerner Beteiligung und in einem halbszenischen Rahmen, zu dem auch die auf eine Leinwand projizierte deutsche und englische Übersetzung des russischen, frei nach der Erzählung Alexander Puschkins verfassten Librettos gehörte.

Ganz auf Beleuchtung und Kostüme musste auch die konzertante Aufführung nicht verzichten: Vor allem bei der gespenstischen Vision Hermanns, in der ihm der Geist der verstorbenen Gräfin (im Nachtkleid hinter dem Orchester sitzend) erscheint und ihm endlich das Geheimnis der drei Spielkarten preisgibt, war durchaus auch Lichtregie im Spiel. Und die Kostüme verlegten das im 18. Jahrhundert spielende Geschehen in eine nicht streng lokalisierte Gegenwart.

Alte Gräfin als Schlüsselfigur

Je weiter die Selbstzerfleischung des der Spielsucht verfallenen Hermann voranschritt, desto mehr konzentrierte sich das Geschehen auf einen einzigen Raum und gewann die Aufführung an szenischer Vergegenwärtigung. Dies war umso notwendiger, als bei den Sängern selbst nur bedingt innere Beteiligung zur menschlichen Vergegenwärtigung der Figuren zu spüren war.

Die grosse Ausnahme bildete die alte Gräfin, die von der gleichen Singschauspielerin wie in der konzertanten Aufführung unter Valery Gergiev am Lucerne Festival verkörpert wurde, der Russin Larissa Diadkova, langjähriges Mitglied des Mariinsky-Theaters in St. Petersburg.

Wer erwartet hatte, man würde einer Altersruine als Gräfin begegnen, sah sich aufs Angenehmste überrascht. Die Russin verfügt noch immer über eine intakte Stimme, die sie in der Szene, in der sie von den längst vergangenen Zeiten schwärmt und ein französisches Couplet singt, höchst differenziert bis zu einem wohlklingenden Piano einsetzte.

Ein Glück, dass auch der litauische Tenor Kristian Benedikt als Hermann sich nach nervösem Beginn auffing und an darstellerischer und stimmlicher Präsenz gewann. Wie er die angebetete Lisa (die bulgarische Sopranistin Svetla Vassileva) bekniete und um ihre Liebe bettelte, ergriff, wie er nach der Begegnung mit der alten Gräfin immer weiter ins Verderben stürzte, war realistisches Operntheater schlechthin.

Rein stimmlich sündigte allerdings auch er wie die meisten des um ihn versammelten, der russischen Sprache durchwegs mächtigen Ensembles durch angestrengt wirkende Höhe und eine Lautstärke, die durch Intensität nur ungenügend kompensiert wurde.

Freilich hatten es die vor dem Orchester agierenden Sänger auch nicht eben leicht neben einem Klangkörper, der unter seinem Chefdirigenten James Gaffigan in dieser exponierten Stellung derart auftrumpfte wie das Luzerner Sinfonieorchester. Allein die Körpersprache zeigte, wie hoch gespannt es dem Dirigenten folgte. Wo man bei den Sängern gerade an den Höhepunkten die Stimmschönheit oftmals vermisste, verwöhnte das Orchester mit Schmelz und runder Tongebung.

Gaffigans Orchester mit geballter Dramatik

Dabei umspannte Gaffigan das Orchester mit weiten Bögen und lud sie mit höchster Konzentration und geballter Dramatik auf. Auf gleicher Höhe sangen und agierten die Frauen und Männer des Staatlichen Chors Lettland. Agieren deshalb, weil der ganze Chor oder die Männer und die Frauen jeweils getrennt je nach Szene immer wieder die Stellung wechselten, bald auf der Empore, bald direkt hinter dem Orchester sangen – berührend klangschön im Piano, homogen, kompakt und kraftvoll im Fortissimo.

Der Luzerner Mädchenchor und die Luzerner Sängerknaben (Einstudierung: Eberhard Rex) waren in der Handlungsfähigkeit wegen der Raumknappheit eingeschränkt, gefielen aber dennoch durch die klangliche Frische und Homogenität, wobei der Kinderkommandant durch seine unbekümmerte Keckheit besonders auffiel.

Hinweis

Das Zaubersee-Festival endet mit dem heutigen Schlusskonzert um 18.30 Uhr im «Schweizerhof». Infos: www.zaubersee.ch