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ZEITKRITIK: Fröhlicher Papst der Ungläubigen

Atheistisch werde die Menschheit glücklich, schrieb der Arzt und Philosoph Julien Offray de La Mettrie. Eine neue Biografie weist auf die Sprengkraft dieses Enfant terrible hin, der Menschen als Naturmaschinen sah.
Hansruedi Kugler
Julien Offray de La Mettrie 1750, in einem Stich von Georg Friedrich Schmidt. (Bild: Alamy)

Julien Offray de La Mettrie 1750, in einem Stich von Georg Friedrich Schmidt. (Bild: Alamy)

Hansruedi Kugler

Das Bild zeigt ihn als fröhlichen Philosophen mit lausbübischem Grinsen. So sah sich Julien Offray de La Mettrie selbst am liebsten: Als lustigen Kerl, vielleicht getarnt als Narr. Tarnung war im 18. Jahrhundert überlebensnotwendig. Die scharfzüngige Kritik am Feudalismus, an verknöcherter Wissenschaft und an der allmächtigen Kirche musste anonym erscheinen. Ihre Autoren flüchteten zuhauf ins Exil – in die liberalen Niederlande und zu Friedrich II. nach Potsdam. Der bekannteste Flüchtling hiess Voltaire. La Mettrie, gehasster Rivale, radikaler Materialist und Atheist, wurde Leibarzt des Preussenkönigs, ging nach seinem Tod 1751 aber vergessen, nicht zuletzt, weil ihn seine Philosophenkollegen als sittenlosen Querulanten verleumdeten. Das einzige überlieferte Bild bekam von Zeitgenossen den Beinamen «der lachende Demokrit». Das hat La Mettrie wohl gefallen. Schliesslich reiht er sich in die Galerie der Nachfahren des griechischen Denkers Demokrit ein, der die Welt als Ansammlung von Atomen im leeren Raum beschrieb.

«Keine Kriege mehr wegen der Religion»

Bernd Schuchters Biografie fügt de La Mettries Lebensgang lebhaft in die blutige europäische Zeitgeschichte ein und bringt dessen Provokationen in einen Zusammenhang mit aktuellen Entwicklungen. Dabei nimmt Schuchter eindeutig Partei für La Mettrie, den er zwar als ungestümen, aber aufrichtigen, radikalen, verleumdeten Aufklärer darstellt. Der im ehemaligen Piratennest Saint-Malo geborene La Mettrie wurde selbst zu einer Art Pirat auf dem Feld der Zeitkritik. Als Militärarzt sah er das sinnlosen Gemetzel der Habsburgischen Erbfolgekriege, was ihn in seiner radikalen Kritik bestärkte. Er verspottete auch seine Arztkollegen als universitäre Stubenhocker, die lieber hohle Phrasen dreschen, statt die Patienten untersuchen und setzte dem eine konsequent empirische Wissenschaft entgegen: Wahrnehmung und Erfahrung sollten die Medizin leiten. Seine Verachtung für die Religion resultiert aus derselben Haltung: Religion führe zu Vorurteilen und Fanatismus, nicht zu Wahrheit und Humanismus. Denn Religion sei reine Fantasterei: «Wenn der Atheismus allgemein verbreitet wäre, wäre die Religion vernichtet: keine Kriege mehr wegen ihr. Die Natur, zuvor verseucht vom Gift des Heiligen, hätte ihr Recht und ihre Reinheit wieder erlangt.» Es ist vor allem diese Haltung, die zur Verbrennung seiner Bücher führte. Seinen Spott legte La Mettrie aus Angst vor Zensur vorsichtshalber einem fingierten «entsetzlichen Menschen» in den Mund.

Mensch als Naturmaschine weist in die Gegenwart

Auch wenn man sich vor der aktuellen Renaissance der Religionen im Islamismus oder in der Umarmung Putins durch die Orthodoxe Kirche zu Recht fürchten sollte, ist diese Argumentation so naiv wie Rousseaus berühmt gewordene Naturverehrung. Beide funktionieren als Hebel der Kritik an feudalen Zuständen, unterschlagen jedoch die zivilisierende Wirkung von Religionen und bringen sich selbst ins moralische Zwielicht: Das absolute Vorrecht der Natur beinhaltet nämlich auch das Recht der Triebe, sich schrankenlos egoistisch auszuleben. Das Werk des Marquis de Sade gibt davon einige Jahre später den zynischen Beweis. Anderseits: In La Mettries Kritik an der Triebunterdrückung ist die moderne Theorie der Über-Ich-Bildung mit dem zwiespältigen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung angelegt. Diese nötige Diskussion führt Bernd Schuchter leider zu wenig.

La Mettrie ist trotzdem einer jener Denker, der über die Aufklärung hinaus Anstösse für die Gegenwart gibt. Einer, der den Menschen radikal materialistisch als Naturmaschine, als «l’homme machine» bezeichnete und die Seele lediglich als komplizierten körperlichen Reflex interpretierte, eignet sich hervorragend als Prophet für heutige Bioniker, vor allem für Ingenieure menschenähnlicher Roboter. Eine Parallele mag diesen zupass kommen. Bereits zu La Mettries Zeiten gehörten Automaten zu beliebten Spektakeln in Europas Grossstädten. Jacques de Vaucanson konstruierte 1738 eine mechanische Ente, die mit den Flügeln schlagen, schnattern und Wasser trinken konnte. Allerdings ging es La Mettrie nicht um den Nachbau des Menschen als Automaten, sondern um ein Verständnis des Menschen als Naturwesen im Gleichgewicht. Auf jeden Fall ein anregender Denker.

Bernd Schuchter: Herr Maschine. Braumüller, 176 S., Fr. 30.–

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