Die Luzernerin Gabriela Gyr hat für ihre filmische Geschichte der Vertreibung die ideale Protagonistin gefunden: Die alevitische Kurdin Zeliha kämpft in der türkischen Provinz Dersim um ihr Land

«Zelihas Hütte» ist ein politischer und wichtiger Dokumentarfilm, bei dem mit Andreas Stäuble von Filmonauten und dem Musiker Albin Brun noch weitere Luzerner mittun.

Regina Grüter
Drucken
Teilen
Die Enkelin führt den Widerstand fort: Zeliha mit einer Fotografie ihrer Grossvaters Seyit Riza.

Die Enkelin führt den Widerstand fort: Zeliha mit einer Fotografie ihrer Grossvaters Seyit Riza.

Bild: Filmstill (www.zelihashuette.com)

Zeliha fegt den Platz vor ihrer Hütte. Sie holt Wasser am Brunnen, wäscht sich Arme und Gesicht, sie bessert das Dach aus. Hier, in der türkischen Provinz Dersim in Ostanatolien, sagen sich nicht Fuchs und Hase gute Nacht, sondern Bär und Wildschwein. Unbesiedelte Natur so weit das Auge reicht.

Dersim, nur schon der Name ist politisiert und emotional aufgeladen. 1937 offiziell in Tunceli umbenannt, leben in der Region die meisten Personen alevitischen Glaubens in der Türkei. Und nennen das Gebiet beim alten, kurdischen Namen. Im Jahr 2000 gibt die damals 44-jährige Zeliha ihr Leben in der Stadt auf und zieht nach Agdat zurück, in den Weiler, wo sie geboren wurde. Sie hat sich in der kargen Berglandschaft eine bescheidene Hütte errichtet. Sie kam, um zu bleiben.

Dreharbeiten eingestellt, Projekt neu aufgestellt

Dersim ist ursprüngliches Stammesland. Zeliha spricht von einer Wiederholung der Ereignisse von 1938 in neuer Form. Damals wurden allein 40 Mitglieder aus Zelihas Familie exekutiert, darunter ihr Grossvater Seyit Riza, von türkischen Kurden bis heute als Anführer des Widerstands verehrt. Die Überlebenden wurden nach Izmir ins Exil geschickt. Das traumatische Erlebnis hat die Gemeinschaft bis heute nicht überwunden und ist immer wieder mit Versuchen der türkischen Regierung konfrontiert, sie zu vertreiben oder ihnen ihr rohstoffreiches Land abzuerkennen. Heute befindet sich Zeliha in einem Rechtsstreit, der seit 2015 andauert.

Ursprünglich als langer Dokumentarfilm über die Vertreibung einer Minderheitskultur angelegt, musste die Luzerner Filmemacherin Gabriela Gyr die Dreharbeiten einstellen: 2016 wurde in Dersim erneut der Ausnahmezustand verhängt. Gyr wollte das Projekt nicht aufgeben und erzählt nun das Grosse im Kleinen und in 45 Minuten, mit einer Protagonistin, die nicht besser gewählt sein könnte. Mit Andreas Stäuble von der in Emmenbrücke angesiedelten Firma Filmonauten hat sie nicht nur ideelle und finanzielle Unterstützung erhalten. Stäuble hat sie als Co-Kameramann auch zu den Dreharbeiten nach Dersim begleitet. Mit dem Musiker Albin Brun ist ein weiterer Luzerner am Werk. Zur Fahrt Zelihas in die Stadt etwa erklingt kein Klagelied, sondern in einer Mischung aus traditionellen und modernen Elementen fröhlichere, optimistischere Klänge.

«Zelihas Hütte» ist ein höchst politischer Film. Auch wenn wunderbare Landschaftsaufnahmen und die Beobachtung der Protagonistin bei alltäglichen Verrichtungen die Bilder dominieren, eröffnet sich auf der Tonspur die Geschichte eines vertriebenen Volkes, sei es durch Erzählungen Zelihas selber oder die weibliche Kommentarstimme. Während diese von Zelihas Grossvater berichtet, schwenkt die Kamera übers Land. Die titelgebende Hütte ist Symbol für so viel mehr. In ihr spiegeln sich der Widerstand, die Geschichte und das kulturelle Gedächtnis der kurdischen Aleviten. Berge, Wasser, Erde: Ein Leben im Einklang mit der Natur steht im Zentrum des alevitischen Glaubens.

Der stete Kampf hat sie müde gemacht

Sie sei alt geworden, sagt Zeliha gegen Ende des Films. Sie wirkt nicht alt, doch der stete Kampf hat sie müde gemacht, wohl vor allem emotional. Das merkt man daran, wie sehr sie die Auseinandersetzung mit den Männern, die widerrechtlich auf ihrem Land nach einer Quelle graben, aus dem Gleichgewicht bringt. Sie ist völlig aufgelöst. Zeliha, 1956 geboren, möchte es noch etwas ordentlicher haben, wie sie sagt. Das Dach erneuern; das Haus fertig bauen. Ein Symbol des Widerstands in ihrer Heimat Dersim.

«Zelihas Hütte»: Sonntag, 25. Oktober, und Sonntag, 1. November, jeweils 11 Uhr, Stattkino, Luzern; anschliessend Gespräch mit Regie, Produktion und dem Korrespondenten Andreas Zumach; Reservation erforderlich: Tel.0414103060, info@ stattkino.ch. Freitag, 23. Oktober, 20 Uhr, auch in Basel (Union) und Samstag, 24. Oktober, 11 Uhr, in Zürich (Kosmos). Alle Infos: www.zelihashuette.com.