Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

ZENTRALSCHWEIZ: Rückzug in die fremden vier Wände

Kulturkonsumenten entdecken die Häuslichkeit. Gegessen wird an fremden Tischen, Konzerte und Lesungen finden in Wohnungen statt, und ein Luzerner Start-up bietet kuratierte Kunstausstellungen fürs Heim.
Julia Stephan
Sofalesung in einer privaten Wohnung in der Zentralschweiz. Das Publikum schätzt die Unmittelbarkeit. (Bild: sofalesungen.ch/PD)

Sofalesung in einer privaten Wohnung in der Zentralschweiz. Das Publikum schätzt die Unmittelbarkeit. (Bild: sofalesungen.ch/PD)

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Kunst im Coiffeursalon, Oper im Wohnzimmerformat oder der heimische Herd als Restaurantküche. Dass Kultur – die Esskultur eingeschlossen – gerne ausufert, neue Räume erobert und sich zuweilen auch mal ins Private zurückzieht, hat man in manchem Jahrzehnt schon erlebt. Die deutsche Band Die Toten Hosen praktiziert das seit Jahrzehnten mit viel Blut, Schweiss und Tränen auf ihren Wohnzimmer-Konzerttourneen.

Neu sind der Grad der Professionalisierung und die Breitenwirkung von Formaten, die seit wenigen Jahren auf Expansionskurs sind. Das Portal «Margr.it» lädt kochmüde, gestresste Städter dazu ein, sich über Mittag bei Hobbyköchen in deren Wohnung zu verpflegen. Formate wie «Sofa­lesungen» und «Sofaconcerts» holen Literaten und Bands in private Wohnzimmer. Das Luzerner Start-up Network of Arts (siehe Box) bietet kuratierte Ausstellungen für mittelständische Unternehmen, aber auch für Privatleute, die sich ihre Wohnung verschönern wollen – Aufbau und Vernissage inklusive.

Institutionen nutzen private Räume

Längst ist der Kreis der Nutzer dieser Angebote nicht mehr so eng gezirkelt wie noch zu Zeiten der literarischen Salons und der Hauskonzerte des Biedermeiers: Die richteten sich an ein bürgerliches Publikum und lebten vom Engagement einzelner Personen. Heute haben auch grössere Institutionen erkannt, dass man dank der Zusammenarbeit mit verschiedenen privaten Gastgebern für die eigene Marke ganz neue Besuchergruppen erschliessen kann. Die Zeiten, als ausschliesslich private Kulturvereine und Einzelpersonen ihre Kulturveranstaltungen in ihrer Freizeit in Wohnungen ausrichteten, sind vorbei.

Dieser Trend kann Mariann Bühler, Gründerin der «Sofalesungen», bestätigen. Die Veranstaltungsreihe bringt Lesungen in private Wohnzimmer – auch in der Zentralschweiz. Bühler hatte das Konzept noch als Programmmitarbeiterin für das Literaturhaus Basel entwickelt – als Vorbild diente ihr ein Konzept aus Süddeutschland. Das Projekt erhält vom Förderfonds Enga­gement Migros Unterstützungsgelder und ist schweizweit zur Marke geworden. «An diesen Lesungen sind alle Altersgruppen vertreten», sagt Bühler. Ähnlich wie bei der Salonkultur des Biedermeiers steht auch hier der Fördergedanke im Zentrum: «Bei uns lesen viele Debütanten aus ihren Erstlingen, aber längst nicht nur.»

Werbung über Online-Plattformen

Eine solche Entwicklung wäre ohne die neuen Medien nicht möglich gewesen. Wo ältere Generationen vor Jahrzehnten noch mit Mundpropaganda aus ihrem Umfeld einen Zuschauerkreis für ihr Hauskonzert rekrutieren mussten, lassen sich solche Nischenveranstaltungen heute dank Internet global bewerben. Das erklärt auch deren Professionalisierung. Von Subkultur lässt sich nicht mehr reden. Weder bei den Sofalesungen noch bei Margr.it und Network of Arts, hinter denen Jungunter­nehmer stehen.

«Der Zuwachs dieser Plattformen geht einher mit dem Trend zur Sharing Community», sagt Bühler. Ob Auto, Wohnung oder eine Konzerterfahrung: Der Mensch des 21. Jahrhunderts teilt gerne, was er besitzt. Und gemeinsam geteilte Erfahrungen sind nun mal besonders schön, vor allem, wenn so viel Intimität zugelassen wird wie bei den Sofa­lesungen. Weshalb Bücher viel schneller über den Büchertisch gehen als am Merchandising-Tisch. Man kommt mit den Autoren ins Gespräch.

«Diese Formate vermitteln Authentizität. Das wiederum passt in unseren Zeitgeist», sagt der österreichische Kulturmanager Josef Kirchner, der eine Studie über unabhängige zeitgenössische Literaturformate veröffentlicht hat. Bühler sieht in ihrer Lesereihe auch ein Gegengewicht zur digitalen Welt. «Die Veranstaltungen sind analog, persönlich und intim.»

Manchmal sind aber auch strukturelle Gründe ausschlag­gebend für das Entstehen neuer Formate. So hat es die Lyrik im Literaturbetrieb generell etwas schwerer. Wie der Lyriker Max Czollek in einem Essay herausgearbeitet hat, bilden die kleinen, privat organisierten Lyrikformate Netzwerke und damit ihre eigenen Diskurse aus. Sie erschaffen damit eine Öffentlichkeit für sich, die es vorher nicht gab.

Ein Ausweg aus dem Galeriesterben

Auch in der Kunstszene ist die Ökonomie der Aufmerksamkeit ungleich verteilt. Die kleineren Galerien sterben weg. Wer als junger Künstler in einem Off-Space genannten unabhängigen Kunstraum seine Werke zeigt, muss die Ausstellung selbst berappen und organisieren. Der Künstler und Unternehmer Florian Paul Koenig kennt die klammen Verhältnisse im Kunstbetrieb aus eigener Erfahrung. Mit seinem Team sucht er nach neuen Wegen der Kunstvermittlung, nämlich alternative Off-Spaces, in denen Künstler gegen Honorar ausstellen können. Auf der Plattform Network of Arts können sich Künstler mit Exponaten bewerben. Das Team hat nach einer Startphase mit professionell kuratierten Ausstellungen in Privatwohnungen und Künstlerateliers seinen Fokus auf KMU verlegt. Auch, weil Privatleute ihre Wohnung zwar gerne für eine Lesung öffnen, aber nur ungern für mehrmonatige Ausstellungen. Hotels, Spitäler und öffentliche Einrichtungen sind mögliche Expansionsfelder. Den Miró- und Picasso-Kunstdrucken in den Arztpraxen könnte es längerfristig an den Kragen gehen.

Hinweis

Sofalesungen: www.sofalesungen.ch; Margrit: www.margr.it

Network of Arts:

https://networkofarts.com

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.