Festivals
Blue Balls kann Vorverkauf nicht starten – Direktor erachtet höchstens noch stark reduziertes Festival als realistisch

Der Ticket-Vorverkauf für das Festival ist gemäss Organisatoren unmöglich. Dies wegen anhaltender Planungsunsicherheit aufgrund zu wenig klarer Ansagen durch die Politik. Direktor Urs Leierer schätzt, dass das Blue Balls nur in reduzierter Form stattfinden kann. Derweil stellt der Dachverband der Festivals weitere Absagen in Aussicht.

Arno Renggli
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Gibt sich skeptisch und kämpferisch zugleich: Urs Leierer, fotografiert in seinen Büroräumlichkeiten in Zürich.

Gibt sich skeptisch und kämpferisch zugleich: Urs Leierer, fotografiert in seinen Büroräumlichkeiten in Zürich.

Bild: Pius Amrein (Zürich, 17. Dezember 2020)

Auf Anfrage unserer Zeitung spricht Blue-Balls-Direktor Urs Leierer darüber, was im Sommer noch möglich sein könnte. Im Moment sei es sinnlos, Tickets für die geplanten Konzerte im KKL verkaufen zu wollen, sagt Leierer. In der aktuellen Situation könnten keine Veranstaltungen geplant werden, weil dies zu grosse Aufwände und Mehrkosten verursachen würde. Erst wenn seitens der Behörden verbindliche Ansagen auch für den Sommer gemacht werden, könne man sagen, in welcher Form das Festival, eigentlich geplant vom 23. bis zum 31. Juli, überhaupt stattfinden kann.

Vielleicht einige Konzerte mit nationalen Acts

Im Gespräch mit unserer Zeitung bringt Urs Leierer die aktuelle Misere auf den Punkt: «Die Salamitaktik bei den bundesrätlichen Ansagen ermöglicht für grosse Veranstaltungen keinerlei Planungssicherheit. Es wäre für uns besser, wenn man endlich sagen würde, dass bis Ende Jahr keine Festivals mehr möglich sein werden.»

Für das Blue Balls selber, das noch nicht offiziell abgesagt worden ist, sieht er Auftritte von internationalen Acts als nicht mehr realistisch an. Zumal diese die Tourneen, in deren Rahmen dann die Blue-Balls-Auftritte jeweils möglich sind, bereits mehrheitlich abgesagt hätten. «Vorstellbar sind vielleicht noch einige Konzerte von nationalen Künstlerinnen und Künstlern», sagt er. Und ergänzt mit einem Augenzwinkern:

«Falls ich die Möglichkeit sehe, dann irgendwo am See einen Bratwurststand aufzustellen, werde ich das natürlich tun.»

Sein Hauptfokus aber gilt bereits dem Blue Balls 2022, das dann hoffentlich wieder in voller Grösse stattfinden kann. Und mit möglichst vielen der Acts, die eigentlich für letztes und dann auch für dieses Jahr vorgesehen gewesen wären. «Ab Oktober muss ich wieder Personal einstellen, damit wir für nächstes Jahr bereit sind.» Nur schon dies sei ein unternehmerisches Risiko. Zwar seien die Beiträge von Stadt und Kanton Luzern für ihn wertvoll und überlebenswichtig. «Aber nur schon, ob das Covid-Gesetz eine Volksabstimmung überstehen wird, sorgt für weitere Unsicherheit bei uns und in der ganzen Branche.»

Montreux, Frauenfeld und Blue Balls mit nächsten Absagen?

Seitens dieser Branche hat die Swiss Music Promoters Association (SMPA) erneut in scharfen Worten die Politik kritisiert. Und aufgelistet, welche Festivals bereits abgesagt respektive ins nächste Jahr verschoben worden seien. Darunter sind das Zermatt unplugged, das Greenfield Festival, das Open Air St.Gallen, das Gurtenfestival, die Thunerseespiele, das Paléo Festival und die Baloise Session. Unter unmittelbarem Zugwang – was bedeutet, dass Absagen nächstens bevorstehen – seien unter anderem das Montreux Jazz Festival, das Open Air Frauenfeld, das Basel Tattoo und eben auch das Blue Balls Festival. Zu weiteren Festivals wie etwa dem Heiteren Zofingen stünden Grundsatzentscheide bis Ende April an.

Planung auf drei Monate hinaus und 100-prozentige Entschädigungen

In der SMPA-Mitteilung heisst es weiter: «Veranstaltende stehen nach wie vor ohnmächtig im luftleeren Raum. Weder für die ursprüngliche Planung noch für alternative Formate gibt es Rahmenbedingungen und Bewilligungskriterien. Zudem ist unklar, welche Entschädigung Veranstaltende erhalten, wenn die Planung fortgeführt und die Veranstaltung später doch abgesagt werden muss oder nur eingeschränkt durchgeführt werden kann.»

Es laufe auf die Grundsatzfrage hinaus, ob man die kulturelle Vielfalt langfristig erhalten wolle.

«Kommt es gar gelegen, wenn die Veranstaltenden von sich aus absagen? Will behördenseitig niemand Verantwortung übernehmen?»

Gefordert wird, dass Öffnungsschritte schweizweit bis zum Normalbetrieb monatlich immer auf drei Monate hinaus festgelegt werden. «Parallel dazu braucht es jetzt die Zusage für Ausfallentschädigungen über 100 Prozent des angefallenen Schadens und ohne wettbewerbsverzerrende kantonale Plafonierungen.»

Offenbar soll morgen Freitag eine gesamtschweizerische Videokonferenz der Festivalverantwortlichen stattfinden. Weitere Neuigkeiten sind also demnächst zu erwarten.