Luzerner Kantorei
Gemeinsames Singen: 400 Kinder und ihre Gspänli füllen das KKL wie ein Stadion

20 Schulklassen aus Luzern beteiligen sich am Projekt «Singendes Klassenzimmer» der Luzerner Kantorei. Ihr Auftritt mit Band im Konzertsaal des KKL überträgt Musikvermittlung in eine neue Dimension. Selbst die Initianten Eberhard Rex und Tabea Schöll waren vom Erfolg überrascht.

Urs Mattenberger
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Die 4. Klasse des Wuerzenbach Schulhauses probt für den grossen Auftritt im KKL-Konzertsaal.

Die 4. Klasse des Wuerzenbach Schulhauses probt für den grossen Auftritt im KKL-Konzertsaal.

Nadia Schaerli / Lz

In einer Veranstaltung der Stadt Luzern zur «Kulturagenda 2030» beklagten Kulturschaffende und Veranstalter, dass in vielen Kulturveranstaltungen junge Menschen krass untervertreten seien. Um ein Kulturpublikum in der Zukunft sicherzustellen, wurden etwa eine Aufwertung der kulturellen Bildung oder mehr Vermittlungsprojekte für junge Menschen gefordert.

Die aber finden meist im kleinen Rahmen statt und erreichen vor allem Kinder von kulturinteressierten Eltern. Und selbst wenn Kinder da miteinbezogen werden, stehen sie kaum je aktiv auf der Bühne im Zentrum.

Kultur von und für Kinder mit der Giesskanne

Wie ein Befreiungsschlag wirkt vor diesem Hintergrund das Projekt «Das singende Klassenzimmer», das die Luzerner Kantorei zu ihrem Jubiläum veranstaltet. Angerichtet wird da mit der grossen Kelle, und zwar mit einem Konzert im Konzertsaal des KKL, bei dem heute Abend 400 Kinder auf der Bühne singen.

Von diesem Erfolg waren auch die beiden Leiter der Kantorei überrascht, Eberhard Rex, der für die Konzertchöre zuständig ist, und Tabea Schöll, die seit letztem Jahr die Nachwuchschöre betreut. Vor Corona tourte Rex jeweils durch Schulkassen und stellte den Schülern die Kantorei vor. Jetzt kehren Rex und Schöll den Spiess um. In einem Brief an alle Klassenlehrpersonen der Primarschulen der Stadt Luzern luden sie diese mit ihren Schulklassen zu einem gemeinsamen Singprojekt ein und boten Hilfe beim Lernen der Lieder an.

Bei Tabea Schöll, Leiterin der Nachwuchschöre der Kantorei (rechts), lernen die Kinder mit Bewegungen und Comics die Lieder.

Bei Tabea Schöll, Leiterin der Nachwuchschöre der Kantorei (rechts), lernen die Kinder mit Bewegungen und Comics die Lieder.

Nadia Schaerli

Als sich 20 Klassen meldeten, bekam das Herzstück des Projekts eine neue Dimension.

«Die zentrale Idee ist, dass wir Kultur nicht an Kinder vermitteln, sondern dass diese selber aktiv Kultur machen,»

sagt Rex. Und das ist in derart grossem Stil eigentlich nur mit Gesang möglich, weil im Prinzip jeder singen kann. «Das Gemeinschaftserlebnis auf der Bühne ist die beste Werbung für Kultur», ist Rex überzeugt.

Urwaldabenteuer in Liedern und Comics

Auf die Idee brachte Schöll die CD der Kantorei mit Liedern von Peter Schindler, der in Deutschland mit seiner Musik für Jugendliche grossen Erfolg hat. «Weil Schindler mit seiner Musik immer Geschichten erzählt und unterschiedlichste Stile verwendet, schien mir das für ein solches Projekt geeignet», erzählt Schöll, die auch als Kirchenmusikerin mit Chören arbeitet.

Zu den Abenteuergeschichten einer Urwaldband von Tieren gibt Schöll Comics ab, um den Kindern das Erlernen der Texte zu erleichtern: «Es ist unglaublich, wie schnell Kinder mit Bildern und entsprechenden Bewegungen auch lange Liedtexte auswendig lernen können.»

Das musikalische Spektrum reicht – mit Schindlers Band – vom Walzer über Swing und Rock bis zum Tango. Die Konzertchöre der Luzerner Kantorei dagegen widmen sich vor allem klassischen Chorwerken. Passt dazu der niederschwellige Einstieg mit diesem Mitmachkonzert?

«Das Gemeinschaftskonzert ist keine Werbung für die Kantorei, sondern für das gemeinsame Singen», sagt Rex: «Aber auch bei der Kantorei fangen die Kinder in den Nachwuchschören ganz einfach an. Der Wechsel in die Konzertchöre ist ein jahrelanger Prozess.» Und was sie singen, ist nach den Erfahrungen von Rex und Schöll für Kinder gar nicht so wichtig. «Auch zu Bach haben Kinder keine Berührungsängste», lacht er: «Wir haben ein Stück von ihm sogar ins Programm geschmuggelt – die ‹Air›, zu der der Chor ein Schlaflied singt.»

Dem Chorsingen fehlt der Wettbewerb wie im Sport

Trotzdem sei es schwieriger geworden, Knaben für das Singen in einem Knabenchor zu gewinnen. Die vielen Freizeitangebote und der Wunsch von Familien, sich möglichst viel Flexibilität zu bewahren, können einem regelmässigen Chorengagement im Weg stehen.

Leitet seit letztem

Leitet seit letztem

Mädchenchöre sind davon wenig betroffen. Aber auch Schöll beobachtet, dass Singen im Chor nicht dieselbe Selbstverständlichkeit hat wie etwa der Sport:

«Während in einem Sportverein mehrere Trainings pro Woche bei Eltern akzeptiert sind, hören wir bei zusätzlichen Proben für die Chöre rasch die Frage, ob das nötig sei.»

Ein Grund könnte sein, dass im Sport der Wettbewerb im Zentrum steht: «Der Sieg beim Turnier am nächsten Wochenende bietet offenbar mehr Trainingsanreiz als Konzerte, die nur alle paar Wochen stattfinden.»

Auch diesbezüglich setzt das «Singende Klassenzimmer» ein Zeichen. Die 1800 Plätze im Konzertsaal heute Abend waren im Nu vergeben, die meisten davon an andere Schulklassen. Das Konzert wurde auf der Website des KKL deshalb gar nicht erst aufgeschaltet. Vor vollem Haus und vielen Gleichaltrigen aufzutreten, dürfte sich da so cool anfühlen wie ein Sieg im Stadion.

Das Konzert am Dienstag, 17. Mai, im Konzertsaal des KKL ist bis auf den letzten Platz besetzt. Es gibt keinen Kartenverkauf

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