Klassik
Lucerne Festival setzt im nächsten Sommer auf «Diversity»

Das grösste Klassikfestival der Schweiz bietet im Sommer 2022 unter dem Thema «Diversity» ein Programm ohne Pandemieeinschränkungen. Hinzu kommen ein Frühlingsfestival mit dem Lucerne Festival Orchestra und das Herbstfestival, das nächste Woche beginnt.

Urs Mattenberger
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Stammgast an berühmtesten Opernhäusern: Die afroamerikanische Sängerin Angel Blue kommt als Artiste Etoile ans Sommerfestival.

Stammgast an berühmtesten Opernhäusern: Die afroamerikanische Sängerin Angel Blue kommt als Artiste Etoile ans Sommerfestival.

Bild: Sonya Garza

Mit der Veröffentlichung des Programms für 2022 liegt erstmals ein Jahresprogramm von Lucerne Festival vor, wie es nach der Streichung des Piano- und Osterfestivals angekündigt wurde. Ganz neu ist, dass das Sommerfestival vom 9. August bis 11. September unter dem Motto «Diversity» steht – mit einem Fokus auf Künstlerinnen und Künstler unterschiedlicher Herkunft. Erstmals detailliert bekanntgegeben wurde das Programm des Frühlingsfestivals, das vom Lucerne Festival Orchestra unter seinem Chefdirigenten Riccardo Chailly bestritten wird (8. bis 10. April). Den Auftakt macht bekanntlich das Herbstfestival mit zeitgenössischer Musik, das Ende kommender Woche vom 19. bis 21. November stattfindet.

Mit dem Fokus auf Diversität hat das Sommerfestival einmal mehr ein Thema, das topaktuell ist. Es spiegelt sich im künstlerischen Programm und thematisiert gesellschaftliche Fragen unserer Zeit: Welche Rolle spielen das Geschlecht, die sexuelle Orientierung oder die Herkunft im Musikleben? So rücken beispielsweise People of Color und ethnische Minderheiten, die in der Branche unterrepräsentiert sind, im nächsten Sommer in den Fokus. Das Prinzip der Diversität prägt aber auch das Repertoire der Konzerte: Es erklingen Werke, die in sich divers oder polystilistisch sind und Einflüsse aus der Volksmusik und dem Jazz, aus anderen Epochen oder auch Naturlaute aufgreifen.

Afroamerikanische Künstler, Frauen, Grenzgänger

So wirkt als Artiste Etoile die afroamerikanische Sängerin Angel Blue mit, die vor Jahren zur Miss Hollywood gewählt wurde und heute an grossen Opernhäusern regelmässig zu Gast ist. In Luzern singt sie mit dem Luzerner Sinfonieorchester Richard Strauss’ Vier letzte Lieder, mit dem Philadelphia Orchestra einen neuen Liederzyklus von Valerie Coleman und mit den Bamberger Symphonikern Lieder von Alma Mahler sowie Gustav Mahlers Vierte Sinfonie.

Der afroamerikanische Schlagzeuger und Multiinstrumentalist Tyshawn Sorey.

Der afroamerikanische Schlagzeuger und Multiinstrumentalist Tyshawn Sorey.

Bild: John Rogers

Ebenfalls einen multikulturellen Hintergrund bringt – als zweiter Artiste Etoile – der afroamerikanische Schlagzeuger und Multiinstrumentalist Tyshawn Sorey aus New York mit. Der Grenzgänger zwischen Jazz, zeitgenössischer Komposition und Improvisation steuert unter anderem ein neues Saxofonkonzert bei. Zur Diversität gehören aber wiederum auch Auftritte von Dirigentinnen: Susanna Mälkki leitet die – pandemiebedingt verschobene – Aufführung von Dieter Ammans international gefeiertem Klavierkonzert «Gran Toccata». Elena Schwarz leitet das Lucerne Festival Contemporary Orchestra im multimedialen Klavierkonzert «In Seven Days» von Composer in residence Thomas Adès. Dieser leitet selber die Uraufführung seines Violinkonzerts mit Anne-Sophie Mutter als Solistin.

Allein schon diese Aufzählung macht klar: Zur Diversität gehört auch die starke und prominente Präsenz von zeitgenössischer Musik im Sommer. Dazu gehören im Rahmen der Lucerne Festival Academy und ihres Contemporary-Orchesters auch Jubiläumskonzerte zum 70. Geburtstag von Wolfgang Rihm und zum 60. von Dieter Ammann.

Der Engländer Thomas Adès bringt als Composer in residence ein multimediales Klavierkonzert und ein Violinkonzert für Anne-Sophie Mutter nach Luzern.

Der Engländer Thomas Adès bringt als Composer in residence ein multimediales Klavierkonzert und ein Violinkonzert für Anne-Sophie Mutter nach Luzern.

Bild: Marco Borggreve

Sinfonieorchester selbst aus den USA

Eine lange Tradition hat Diversität am Lucerne Festival als internationalem Orchesterfestival ohnehin bei den Gastspielen der weltweit renommiertesten Orchester. Sie kommen nächstes Jahr selbst wieder aus den USA (aus Cleveland und Philadelphia). Einen diversen Akzent setzt das Concertgebouw-Orchester unter dem Originalklang-Pionier Philippe Herreweghe mit Haydns Schöpfung. In sich divers ist ohnehin das West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim (mit dem chinesischen Pianisten Lang Lang).

Das Lucerne Festival Orchestra unter Riccardo Chailly eröffnet das Festival mit einem Werk von Wolfgang Rihm, führt seinen Rachmaninov-Zyklus weiter und spielt unter dem diesjährigen Einspringer Jakub Hrůša ein Dvořák-Programm. Des Weiteren kommen die Berliner und Wiener Philharmoniker, das Budapest Festival Orchestra, das Mahler Chamber Orchestra (mit Isabelle Faust und Antoine Tamestit), das Mariinsky Orchestra (mit Daniil Trifonov), das Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia (mit Elīna Garanča) sowie Cecilia Bartoli mit Les Musiciens du Prince Monaco. Das London Symphony Orchestra und Sir Simon Rattle widmen sich unter anderem Sibelius und Bruckner.

Beim Londoner Chineke! Orchestra gehört Diversität zum Programm.

Beim Londoner Chineke! Orchestra gehört Diversität zum Programm.

Bild: Zen Grisdale

Für die Diversität von Alt und Jung stehen ganz zu Beginn des Festivals unter dem Motto «Music for Future» die Auftritte von Jugendsinfonieorchestern. Neben dem Londoner Chineke! Orchestra, das sich Diversität zum Programm gemacht hat, treten das National Youth Orchestra of the USA sowie ein Orchester des 2015 in São Paulo begründeten Festivals und Sozialprojekts Ilumina auf.

Frühjahrsfestival: Vorverkauf im November

Das neue, jährliche Frühjahrsfestival wird künftig vom Lucerne Festival Orchestra unter Riccardo Chailly gestaltet. Es steht 2022 und 2023 im Zeichen des Komponisten Felix Mendelssohn, indem es dessen Werke mit Zeitgenossen, Vorbildern und Nachfolgern kombiniert. Intendant Michael Haefliger sagt zum neuen Konzept:

«Mit diesem Konzept entwickeln wir das Profil unseres Orchesters weiter und schaffen in Luzern einen neuen internationalen Treffpunkt der Klassik-Fans.»

Im ersten Sinfoniekonzert erklingen Sinfonien von Mendelssohn (die dritte und fünfte) zusammen mit Wagners Parsifal-Vorspiel und Walkürenritt, die Wagners Bewunderung für den von ihm antisemitisch geschmähten Komponisten zeigen. Das zweite Sinfoniekonzert ist ein italienischer Abend mit Werken von Mendelssohn, Berlioz und Rossini. Im Kammerkonzert bringen Solisten des Orchesters die Freunde Mendelssohn und Schumann zusammen.

Der Vorverkauf für das Frühlingsfestival startet am 23. November, jener für den Sommer am 29. März. Weitere Programmdetails finden Sie hier.