Kurt Steinmann übersetzt
Luzerner übersetzt tödliche Medea: Diese Frau foutiert sich in Integration

Auch Frauen können brutal sein, das weiss man nicht erst seit der neueren Kinogeschichte. Der Luzerner Altphilologe Kurt Steinmann hat das klassische griechische Drama «Medea» über eine Frau aus dem Osten neu übersetzt. Seine Aktualität frappiert.

Pirmin Meier
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Medea und ihre Kinder in einer Inszenierung der Oper «Medea» an der New Yorker Metropolitan, welche diesen Herbst läuft.

Medea und ihre Kinder in einer Inszenierung der Oper «Medea» an der New Yorker Metropolitan, welche diesen Herbst läuft.

Bild: PD

Dass der Traditionsname Barbara «Ausländerin» bedeutet, wird im Brauchtum der eingestellten Barbarazweige (4. Dezember) kaum je bedacht. Im Theater, in der Oper und im Film aber machte die Geschichte von Medea, als «Barbarin in Griechenland», immer wieder Furore. Ihr Gestalter Euripides präsentierte das Trauerspiel 431 v. Chr., als Sparta wegen Sanktionen einen Angriffskrieg gegen Athen vom Zaun riss. Das damals fast nur männliche Publikum fühlte sich mit Grund schlecht unterhalten. Starphilosoph und Starkritiker Aristoteles beanstandete, dass da eine Kindermörderin aus der hintersten Ecke des Schwarzen Meeres mit dem Leben davonkam. Statt verdienter Vergeltung durfte sie mit einem Himmelswagen in ein neues Exil fahren: von Korinth nach Athen, wo man Unbotmässige sonst lieber per Scherbengericht verbannte. Auf Flüchtlinge aus Kolchis (heute Georgien) hatte keiner gewartet.

«Du wohnst in Hellas anstatt in einem Lande von Barbaren»

Buh-Rufe vor 2450 Jahren sind verhallt. Euripides, zu Lebzeiten verpönt als Frauen- und Fremden-«Versteher», gilt unterdessen als «Meister der Schönheit und des Grauens». Erinnert sei an Pasolinis Filmfassung von 1969 mit Maria Callas in der Titelrolle. Am Gymnasium las man «Medea» einst griechisch. Im Deutschunterricht beliebt war die Version von Franz Grillparzer, im Französischen die von Anouilh.

Maria Callas als Medea in der Verfilmung von Pier Paolo Pasolini (1969).

Maria Callas als Medea in der Verfilmung von Pier Paolo Pasolini (1969).

Bild: PD

Es ist ein Luzerner, der dieses Werk durch eine neue Übersetzung veredelt. Altphilologe Kurt Steinmann, als Übersetzer antiker Stoffe längst selber ein Star und ausgezeichnet, publiziert bei Topverlagen wie Diogenes, Manesse/Random House oder Reclam. Er versteht es, die in der Ursprache gegebene «filmische» Anschaulichkeit in unsere Sprache hinüberzubringen. So bei Medea, der aus Liebe nach Griechenland versprengten hochpolitischen Landesverräterin. Doch ihr Verführer und Ehemann Jason täuschte sich. Er dachte, die zauberkundige Fremde, von ihm zweimal geschwängert, würde sich in Griechenland, wo man sich überlegen wähnt, integrieren lassen. Jason und der Tyrann Kreon pochen auf bedingungslose Anpassung der fremden Königstochter. Scheidung käme dem Wohlstand der Kinder nur zugute, wird schleimisch argumentiert. Statt «Wir sind hier in der Schweiz!» bekommt die Frau zu hören: «Du wohnst in Hellas hier anstatt in einem Lande von Barbaren (…), begreifst das Recht, das gilt.»

Mord als Weg der Emanzipation?

Der Luzerner Altphilologe Kurt Steinmann ist bekannt als Autor zahlreicher Übersetzungen antiker Autoren.

Der Luzerner Altphilologe Kurt Steinmann ist bekannt als Autor zahlreicher Übersetzungen antiker Autoren.

Bild: Annick Ramp

Demütigungen, getarnt als verbales Wohlwollen, treiben die Fremde zur bekannten Mordorgie: Vergiftung der Rivalin; zuletzt Skandalmord an den gemeinsamen Kindern. In der Übersetzung herausgearbeitet als Protest einer Frau, die Gebären als Missbrauch empfindet. Mord als Weg der Emanzipation zu einer streitbaren kinderlosen Frau wie Athene? Eine grausame Geschichte. Tragik ist hier schlicht das, was nicht aufgeht. Zu spät kam die zornige Zauberin, deren Seele «vom Leiden zerbissen» war, zur Einsicht: Wäre sie doch nur, in jedem Sinne, bei sich selber geblieben! Ihre Schuld ist das Resultat enttäuschter Liebesleidenschaft. Und dafür hat sie das «Goldene Vlies», Nationalsymbol ihrer Heimat, preisgegeben.

Die zweisprachige Manesse-Prachtausgabe, mit expressiven Farbillustrationen von Bianca Regl, bezeugt die hohe Kunst von Übersetzer Steinmann, einer heutigen Leserschaft mit starken Texten starke Frauen nahezubringen: Kirke und Kalypso, Nausikaa und Penelope – quasi «Weiber» der ganzen Bandbreite bei Homer (Übersetzung von «Odyssee» aus dem Jahr 2007). Dramatisch wird’s bei der vielfach aufgeführten «Orestie» mit Gattenmörderin Klytämnestra und Seherin Kassandra; sehr stark und leserfreundlich nunmehr bei «Medea». Ihr Ehestreit liest sich fast wie «Wer hat Angst vor Virginia Woolf?», bei Zwischentönen wie bei Bergman-Filmen.

Gerade ist bei Diogenes auch Kurt Steinmanns Übersetzung von «Philoktet» erschienen. Er interessiert sich also auch für eigenwillige Männer, denn der Bogenschütze Philoktet ist im Drama von Sophokles so etwas wie der Wilhelm Tell Griechenlands. Auch in diesem Werk zeigt sich Kurt Steinmann in seinem Element als Übersetzungskünstler. Seine Gesamtleistung würde es verdienen, irgendwann wie der Stanser Peter von Matt (Stans) mit dem Goethe-Preis gewürdigt zu werden.

Euripides: Medea. Zweisprachige Ausgabe aus dem Griechischen übersetzt von Kurt Steinmann. Manesse-Verlag, 240 Seiten.

Sophokles: Philoktet. Aus dem Altgriechischen übersetzt von Kurt Steinmann. Diogenes, 130 Seiten.