Livestream
Luzerner Sinfonieorchester: Grosse Sinfonik selbst im Bildschirmformat

Im Livestream aus dem Orchesterhaus zeigte das Luzerner Sinfonieorchester die Richtung unter dem designierten Chefdirigenten an. Das Interview mit Michael Sanderling und der 18-jährigen Geigerin Maria Dueñas machten aus der Konzertübertragung ein genuines Onlineformat.

Urs Mattenberger
Merken
Drucken
Teilen
Auch Dirigent Michael Sanderling trägt eine Maske – neben ihm die Geigerin Maria Dueñas im Orchesterhaus des Luzerner Sinfonieorchesters.

Auch Dirigent Michael Sanderling trägt eine Maske – neben ihm die Geigerin Maria Dueñas im Orchesterhaus des Luzerner Sinfonieorchesters.

Bild: PD

Schon vor der Coronakrise wollten Klassikveranstalter ihre Online-Aktivitäten ausbauen. Insofern sind die boomenden Streaming-Angebote nicht nur Ersatz für abgesagte Livekonzerte. Vielmehr experimentieren sie, krisenbedingt beschleunigt, mit erweiterten Formen eines künftigen Klassikbetriebs.

Das machte der Livestream des Luzerner Sinfonieorchesters am Donnerstag selber zum Thema mit einem Interview zwischen dem Intendanten Numa Bischof und dem Dirigenten Michael Sanderling, wie es in Livekonzerten noch immer Seltenheitswert hat. Es wurde zwischen Bruchs Violinkonzert in g-Moll und Schumanns vierter Sinfonie eingebaut, als fände es live im Orchesterhaus beim «Südpol» statt.

Alle Sinne schalten auf live

Und da sagte Sanderling, der designierte Chefdirigent des Orchesters, den bemerkenswerten Satz:

«Wir werden lernen müssen,
Emotionen stark teilen zu können,
auch wenn kein Gegenüber da ist.»

Denn Online-Aktivitäten, bestätigte Bischof, werden wichtiger, auch wenn die Coronakrise überstanden ist. Wie also kann ein Orchester zur Hochform auflaufen, wenn niemand vor Ort ist, «den wir ansprechen können» (Sanderling)?

Auch darauf hatte der Livestream eine Antwort parat: Am besten funktioniert das mit einem Solisten! Als die Geigerin Maria Dueñas den Saal betrat, schalteten alle Sinne auf live. Der Applaus der Orchestermusiker für sie ersetzte ganz natürlich das fehlende Publikum. Und die Kameras wie die Mikrofone präsentierten das Spiel der Solistin in Grossaufnahmen, wie man das live im Saal höchstens in den vorderen Reihen erlebt.

Funken springen auch online rüber

So hörte man bis in feinste Regungen hinein, wie sich die Leichtigkeit und Natürlichkeit, die die 18-jährige Geigerin ausstrahlt, auf ihr Spiel überträgt und ihm eine Freiheit verleiht, als würde sie fliegen. Ebenfalls mit der Online-Übertragung mochte zusammenhängen, dass der Eindruck extravertierter Brillanz überwog gegenüber emotionaler Intensität, die stärker in der Magie einer Live-Akustik zur Geltung kommt.

Schon im ersten Satz betonte die spanische Geigerin mit glasklar geschliffenem Ton stärker die energischen als die romantischen Züge des Werks. Umso eindrücklicher war, wie Duenas das engmaschig erregte Vibrato im Mittelsatz zu ausgesungenen Linien weitete und den Ton zu gleissender Leuchtkraft polierte. Die Funken, die Solistin und Orchester aus dem folklorisch-schmissigen Finale herausschlugen, sprangen ohnehin selbst online unmittelbar über.

Statement für ein «saftiges Repertoire»

Das Luzerner Sinfonieorchester gab seinerseits ein starkes programmatisches Statement ab. Es begleitete nicht nur bei Bruch mit jenem «leidenschaftlichen Klang», auf den das Programm nach der Coronadurststrecke ausgerichtet war. Schon Beethovens «Coriolan»-Ouvertüre verband die Präzision von Nadelstichen mit der Wucht einer Faust und lag auf der Linie von einer historisch informierten Aufführungspraxis hin zu einem «saftigen Repertoire», das Sanderling in Luzern aufbauen will.

Das galt exemplarisch auch für Robert Schumanns vierte Sinfonie. Aus schlanken, von den Holzbläsern und Celli melancholisch verschatteten Geigenlinien entwickelte sich ein Sog, der detailscharfe Flatterdramatik mit sinfonischer Pracht und Kraft verband. Ein Höhepunkt war, wie Sanderling den Übergang ins Finale weiträumig aussteuerte und bis hin zum Geschwindigkeitsrausch steigerte. Danach hörte man das ganze Werk als Ausdruck einer Verunsicherung, die zu dieser als «dramatisch erlebten» Coronazeit (Sanderling) passte.

Dass dieser grosssinfonische Anspruch auch im Bildschirmformat eingelöst werden konnte, lag wohl auch an der vorzüglichen Akustik des Saals im Orchesterhaus. Dieser bewährt sich als Aufnahmestudio ebenso wie der Konzertsaal des KKL, in dem man dem Luzerner Sinfonieorchester schon bald wieder live begegnen könnte – Ende März unter seinem jetzt verhinderten Chefdirigenten James Gaffigan.