Lucerne Festival 2022
Dieter Ammanns Klavierkonzert ist eine Wucht und bestätigt seinen legendären Ruf

Dieter Ammanns Klavierkonzert ist ein Elementarereignis. Die Aufführung durch das Helsinki Philharmonic Orchestra und den Pianisten Andreas Haefliger bestätigte die euphorischen Kritiken nach der Uraufführung und klang doch wie das erste Mal.

Urs Mattenberger
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Unter der Leitung von Susanna Mälkki ist Andreas Haefliger Solist in Dieter Ammanns «The Piano Concerto (Gran Toccata)».

Unter der Leitung von Susanna Mälkki ist Andreas Haefliger Solist in Dieter Ammanns «The Piano Concerto (Gran Toccata)».

Peter Fischli/Lucerne Festival

Das ist der Stoff, aus dem Legenden entstehen, die den Ruf einer Musikstadt nähren. In Luzern, die als solche vermarktet werden soll, gehören dazu Toscaninis Gründungskonzert der Musikfestwochen oder Komponisten wie Wagner und Rachmaninow, die hier lebten. Noch besser, wenn zum Angebot einer solchen Musikstadt ein lebender Komponist gehört, dessen Werke internationale Ausstrahlung haben. Wie Dieter Ammanns Klavierkonzert «Gran Toccata», das nach seiner Uraufführung international als «Meisterwerk» oder «bestes Solokonzert seit Jahren» bejubelt wurde.

Am Dienstag konnte man dem Werk – wegen Corona nachverschoben – in Luzern live begegnen. Die Aufführung durch das Helsinki Philharmonic Orchestra unter Susanna Mälkki reihte sich ein in die Feiern zum 60. Geburtstag des in Zofingen wohnhaften Komponisten, der als Kompositionslehrer an der Musikhochschule Luzern eng verbunden ist. Das Festival führt damit die Konzertserie im Mai weiter, mit der die Musikhochschule und das Luzerner Sinfonieorchester Ammann das schönste Geschenk darbrachten, das man einem Komponisten machen kann: Dass seine Werke immer wieder aufgeführt werden.

Das war beim Klavierkonzert auf Anhieb der Fall, auch auf CD liegt es – mit dem Orchester aus Helsinki – bereits vor. Dass man es im Konzertsaal dennoch wie taufrisch neu erlebte, liegt an einer zentralen Qualität von Ammanns Musik und dieses Werks: Die Verbindung von Komplexität mit Grooves, die im Klavierkonzert die Virtuosität des Soloparts improvisatorisch auf die Spitze treibt.

Mitten in der Hektik romantische Magie

Allein wie Andreas Haefliger am Flügel diese Ansprüche bewältigte, war ein Elementarereignis. Gestanzte Einzeltöne, die zu Beginn das Orchester zu rastloser Nervosität aufscheuchten, liess er später romantisch aufblühen zu einer Magie, die sich im Kollektiv ausbreitete. Dazwischen sorgte er mit repetitiven Schleifen für jazzigen Drive und steigerte – ausgeprägt in den Kadenzen – die Kaskaden markant und glitzernd über die Tastatur hinweg zu exzessiver Klangfülle. Es war wohl das, was ein Kritiker bei der Uraufführung als «Tschaikowsky auf Amphetaminen» bezeichnete.

Dem improvisatorischen Gestus des Soloparts entspricht, dass das Werk frei von Klischees Triebkraft und Ruheinseln frei verbindet, bevor das Ende zum Anfang zurückführt. Halt im Sturm bot auch das Orchester, das nicht nur aus aufgesplitterten Texturen klanglichen Zauber destillierte, sondern mit intensiv polierten Flächen, dramatischen Eklats und markanten Bläserlinien für Kontur sorgte.

Dieter Ammann nimmt die Standing Ovations des Publikums entgegen.

Dieter Ammann nimmt die Standing Ovations des Publikums entgegen.

Peter Fischli/Lucerne Festival

Da zeigten sich Qualitäten des Orchesters, die sich im Programm nach allen Seiten entfalteten: hin zu ozeanischen Klangimpressionen in Kaija Saariahos «Vista», zu Per Norgards moderat tänzelnder achter Sinfonie und zur romantischen Grosssinfonik in Sibelius' «Tapiola». Der grösste Applaus aber galt an diesem Abend Ammans Werk: Auch die Standing Ovations hatten das Zeug zur Legenden-Bildung.

Konzerte mit Dieter Ammann

  • Samstag, 3. September, 11.00, Konzertsaal KKL: Lucerne Festival Contemporary Orchestra, Werke von Skrzypczak, Rihm und Ammann.
  • Samstag, 3. September, 14.30, Luzerner Saal KKL: Werkschau des Composer Seminars von Wolfgang Rihm und Dieter Ammann.