Nachruf
Fredy Studer: Sein Wirken und sein Leben aus der Sicht eines guten Freundes

Anfang Woche ist bekannt geworden, dass der grosse Schweizer Drummer Fredy Studer mit 74 Jahren überraschend verstorben ist. Unser Musikjournalist Pirmin Bossart war ihm in Freundschaft verbunden. Und schreibt hier aus ganz persönlicher Sicht.

Pirmin Bossart
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Fredy Studer: Ein Vollblut-Drummer, aber auch einem Spass nie abgeneigt.

Fredy Studer: Ein Vollblut-Drummer, aber auch einem Spass nie abgeneigt.

Bild: Ben Huggler

«Den Tod fürchte ich nicht, aber ich habe Respekt vor dem Sterben», sagte mir Fredy, als wir uns an einem schönen Juniabend unter der Luzerner Egg zu einem Bier trafen. Es wurden dann fünf daraus. Ab und zu nahm Fredy einen Paff von mir. Das war seine Mikro-Einheit, mit der er gelegentlich eine Zigarette (mit)rauchte. Ich war beschwipst, wie schon lange nicht mehr. Neben der Traurigkeit und Hilflosigkeit wuchs ein starkes Gefühl der kosmischen Verbundenheit. Dieser Groove-Gigant und kreative Freigeist, der mit seiner unheilbaren Krankheit einem gegenübersass und in ruhigem Tonfall das Unabänderliche thematisierte: Das war eine starke Lektion, wie man ein Leben meistern und loslassen kann.

Auch die Herrgottskanoniere hatten an diesem Abend ihren Auftritt. Die Tambouren trommelten ihre Patterns, und Fredys Finger trommelten sie präzise mit. Da war er, der ehemalige Tambour-Schüler. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, hatte er sein erstes Schlagzeug aus Büchsen gebastelt. Als Autodidakt schlug er Pflock um Pflock ein, spielte in Beat-Bands, stürzte sich in das von Rebellion geprägte Künstlerleben der 1960er-Jahre, setzte sich mit Rock, Free Jazz und Neuer Musik auseinander, gründete 1972 mit seinen Luzerner Freunden die Band OM und wurde zu einem international geschätzten Schlagzeuger der obersten Energie-Liga.

Als «Arbeiter» Tausende von Stunden im Sedel

Fredy war ein Macher, der jenseits von akademischer Verkopftheit und künstlerischem Dünkel mit weit offenen Ohren und Respekt für ganz verschiedene Traditionen immer wieder die Schlichtheit des Fadengeraden und die Präsenz des Augenblicks suchte. Im Hier und Jetzt reagierte er auf die Impulse seiner Mitmusiker, öffnete neue Fährten und verwandelte sein gelbes Gretsch-Schlagzeug in eine unwiderstehliche Groove-Maschine. An der Bassdrum kickten seine schwarz-weissen Turnschuhe, die er ein Leben lang trug.

Auch wenn er in seinen besten Zeiten wochenlang auf grossen Tourneen in der halben Welt unterwegs war, blieben immer noch Tausende von Stunden, die Fredy im Sedel verbrachte. Dort hatte er während 41 Jahren seinen Proberaum und übte akribisch an seinen Grooves und Klangideen. Diese Hingabe zur Praxis machten ihm zum Arbeiter, nicht zum Blender. Er vergass deswegen nicht, die Genüsse des Lebens auszukosten. So beflissen er sich der Musik widmete, so ausgelassen konnte er feiern und den Rausch des unbändigen Daseins ins Endlose verlängern.

Seine Energie war schier unerschöpflich. Wer je an einer seiner Vinyl-Nights dabei war, die oft zwölf und mehr Stunden dauerten, wird sie nicht vergessen. Stück um Stück aus seiner Plattensammlung legte Fredy auf. The Meters, Captain Beefheart, Miles Davis, Tony Williams Lifetime, John Coltrane, ethnische Musik, Gamelan, Varèse, Stockhausen. Wein und Wodka waren genügend vorhanden, und während die ersten Freunde übermüdet ins Delirium dämmerten, war Fredys Enthusiasmus um 5 Uhr morgens erst richtig am Aufstarten.

Er diskutierte über fast alles – ehrlich und direkt

Mit Fredy diskutierte man gerne über Musik, Philosophie, Literatur, Kunst. Auch das politische und gesellschaftliche Zeitgeschehen verfolgte er genau. «Die Zeit» und «Der Spiegel» gehörten zu seiner wöchentlichen Grundlektüre. Er hatte seine pointierten Meinungen, vertrat sie vehement, eckte auch mal an, stritt und versöhnte sich. Das Schwammige und Abgehobene waren seine Sache nicht.Lieber direkt, dafür ehrlich.

Und all die Nächte «on the road» in den Lokalen Luzerns. Magdi-Bar. Jazzkantine. Oder bei ihm zu Hause am Stubentisch, bei feinstem Essen und Wein. Miles, Jimi Hendrix, Wayne Shorter, Neil Young. Und wenn seine Partnerin Katharina spätnachts für das obligate «Roxanne» nochmals voll die Regler aufdrehte, riss es alle von den Stühlen. Fredy schien unsterblich. Aber er wusste auch als gesundes Energiebündel immer sehr genau, dass dem nicht so war. Das unterschied ihn von den langweiligen Lebensgeniessern.

Vor ein paar Wochen gab mir Fredy drei Büchlein mit Zauberkunststücken. «Fredy Studer 1959» hatte er in jugendlicher Handschrift auf die erste Seite geschrieben. Er wusste, dass ich ein paar Kartentricks übte. «Du kannst die Büchlein haben», sagte er. Ein grosser Zauberer werde ich nicht werden, aber Fredy vermissen, das werde ich sehr.