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Facebook-CEO Sheryl Sandberg: Das Image einer Ikone zerfällt

Keine Wirtschaftsführerin wird so bewundert wie Facebook-Vizechefin Sheryl Sandberg. Neue Enthüllungen zeigen ein anderes Bild der Amerikanerin, das nicht zu ihrem guten Image passen will.
Patrik Müller
Sheryl Sandberg 2016 zu Besuch am WEF in Davos. (Bild: Jean-Christophe Bott/KEY)

Sheryl Sandberg 2016 zu Besuch am WEF in Davos. (Bild: Jean-Christophe Bott/KEY)

Wenn am WEF in Davos, wo Sheryl Sandberg Stammgast ist, ein Podium mit ihrer Teilnahme angekündigt wird, herrscht Ausnahmezustand. Manager und Journalisten stürmen wie Kinder in den Saal, viele wollen ein Selfie mit ihr, und wenn Sandberg das Wort ergreift, hängen sie an ihren Lippen in Erwartung einer fast göttlichen Verheissung. So war es beispielsweise im Januar 2016, als Sandberg mit Kanadas Premier Justin Trudeau über Gleichberechtigung diskutierte.

Ein Jahr später – Donald Trump war als US-Präsident gewählt, aber noch nicht im Amt – schien Sandbergs Welt noch immer in Ordnung. Sie gab im Davoser Kirchner-Museum einen Cocktail-Empfang und sprach über ihre Lieblingsthemen: Darüber, wie Facebook die Welt besser macht, indem es Menschen vernetzt und so «die Zivilgesellschaft stärkt», und darüber, wie das soziale Netzwerk bei bevorstehenden Naturkatastrophen helfen kann, dank einem Alarmierungssystem und künstlicher Intelligenz tausende Menschenleben zu retten.

Die Botschaft: Facebook ist das Gute. Und Sandberg ist das Gesicht des Guten. Dazu eignet sich der nerdige Firmengründer Mark Zuckerberg nicht.

Souverän, emphatisch, makellos

In Zeiten des Bösen, in Zeiten Donald Trumps glänzte Sheryl Sandberg umso mehr. «Es gibt nur eine Person für die US-Präsidentschaft nach Donald Trump, und das ist Sheryl Sandberg», titelte die Zeitung «The Independent».

Mit der allzeit souveränen, empathischen, makellosen Managerin kontrastiert die neuste Enthüllung der «New York Times». Die Zeitung deckte auf, wie aggressiv Facebook reagierte, als klar wurde, dass russische Aktivisten die Plattform genutzt hatten, um die Amerikaner bei der US-Präsidentschaftswahlen vom November 2016 zu beeinflussen, indem sie Wasser auf die Mühlen von Kandidat Trump gossen.

Vom Sicherheitschef blamiert

«Sheryl Sandberg schäumte», lautet der erste Satz der Enthüllungsgeschichte, der mit einer Facebook-Sitzung im September 2017 beginnt. Die 49-Jährige habe den eigenen Sicherheitschef Alex Stamos angeschrien: «Du hast uns unter den Bus geworfen!», weil Stamos schon früh den Hinweisen auf russische Einmischung nachgegangen war. Sandberg ärgerte sich, dass Stamos den Verwaltungsrat darüber informiert hatte. Weil sie selbst und Zuckerberg in den Augen der Verwaltungsräte die Russland-Hinweise nicht ernst genug genommen hatten, mussten sich die beiden nun im Verwaltungsrat «erniedrigende Fragen» anhören. Sandberg fühlte sich blossgestellt.

Die Einmischung russischer Trolls in den letzten Präsidentschafts-Wahlkampf hat Facebook – 2004 von Harvard-Student Zuckerberg gegründet – in die grösste Krise der Firmengeschichte gestürzt. Die US-Politik diskutiert über eine Regulierung des Social-Media-Riesen, Zuckerberg musste vor dem Senat antraben und entschuldigte sich.

Der Zweck heiligt die Mittel

Dass die neusten Enthüllungen jetzt mehr auf Sandberg als auf Mark Zuckerberg zurückfallen, hängt mit der Arbeitsteilung zusammen: Zuckerberg ist der Techniker, der alle Probleme mit Algorithmen lösen will; Sandberg ist die Politikerin, die aus Washington DC stammt und dort als ehemalige Mitarbeiterin von Hillary Clinton fürs Lobbying und die PR-Arbeit zuständig ist.

Die Art und Weise, wie Sandberg versuchte, die Russland-Einmischung zu vertuschen, Facebook-Kritiker zu verunglimpfen und politische Regulierung abzuwenden, passt schlecht zur Weltverbesserer-Firma. Sie erinnern an die Methoden der bösen Konzerne aus der Banken- und Ölindustrie. Sandberg betrieb sogenannte «opposition research», liess also negative Nachrichten über Kritiker verbreiten. Dazu heuerte sie, die Demokratin, unter anderem eine aggressive republikanische PR-Bude an – der Zweck heiligt die Mittel.

Die Kommunikationsstrategen diffamierten beispielsweise Apple-CEO Tim Cook, der es gewagt hatte, Facebook wegen Datenlecks zu kritisieren. Auch der Investor und Milliardär George Soros, ein Lieblingsfeind der Rechten, geriet in Sandbergs Visier, weil er Facebook am WEF als «Gefahr» bezeichnet hatte. Die PR-Spezialisten schreckten laut «New York Times» nicht einmal davor zurück, die Antisemitismus-Keule gegen Kritiker zu schwingen. Dabei lautet die offizielle Mission des Social-Media-Giganten: «Die Welt offener und vernetzter machen.»

Moralische Überlegenheit

Die Fallhöhe eines sich moralisch überlegen gebenden Unternehmens und seines freundlichen Gesichts ist angesichts solcher Enthüllungen beträchtlich. Der Aktienkurs hat seit dem Artikel deutlich nachgegeben.

Was das für Sandbergs Karriere bedeutet, ist noch nicht absehbar. Die Managerin, die 2013 mit ihrem Bestseller «Lean in» zur Ikone einer Generation junger, aufstrebender Frauen wurde, musste zwar schon schwere private Schicksalsschläge verkraften: 2015 starb ihr Ehemann im Alter von nur 47 Jahren. Eine derart schwere geschäftliche Krise musste sie aber noch nie bewältigen; in der Russland-Affäre stand bislang vor allem Zuckerberg am Pranger. Das könnte sich jetzt ändern.

Noch im Juni dieses Jahres erlebte der Schreibende Sheryl Sandberg bei einem Auftritt an der Technik-Hochschule MIT in Boston vor Studenten, die sie wie einen Popstar empfingen. «Es geht immer um Menschen, nicht um Technik», gab sie den jungen Absolventen auf den Weg. Ein Satz, der im Nachhinein ziemlich hohl klingt.

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