Zielgruppe: schlaue, frivole Frauen

Gabriela Cozzios Debüt «Kein Regen über Barcelona» ist ein unterhaltsamer Jetset-Roman mit einer melodramatischen Auflösung: die St. Gallerin schreibt reichlich frivol und zugespitzt ironisch.

Hansruedi Kugler
Drucken
Teilen
Die St. Galler Autorin Gabriela Cozzio. (Bild: PD)

Die St. Galler Autorin Gabriela Cozzio. (Bild: PD)

Der Begleitbrief zur Büchersendung weckte Neugier: «Ich hoffe, mein Roman gefällt Ihnen, auch wenn Sie nicht unbedingt meiner Zielgruppe entsprechen.» Zielgruppenliteratur? Für Männer nicht geeignet? Absenderin ist die 49-jährige St. Gallerin Gabriela Cozzio, die hauptberuflich in Werbung und Marketing tätig ist. Nach ein paar Seiten denkt man: Das ist ein Roman für freche grosse Mädels um die 40. Die weibliche Hauptfigur ist schlau, schlagfertig, erfolgreich, wohlhabend, führt ein Jetset-Leben zwischen Zug, London, Venedig und Barcelona; sie ist cool, sehr selbstständig, sexy, schnappt sich ab und zu Männer wie Delikatessen und spricht mit einem Hauch blasiertem Snobismus. Ein unterhaltsames, ironisch zugespitztes «Glanz und Gloria». Mit so viel unverblümtem Sarkasmus, dass man annehmen muss, da habe eine Autorin viel Oscar Wilde gelesen. Ihre Zielgruppenbestimmung habe sie unterdessen revidieren müssen, sagt Gabriela Cozzio: Auch Männer hätten sich amüsiert und schätzten die dichten, sarkastischen Sprachbilder.

Wenn der Klappentext von einem Chefredaktor kommt

Romane, die in Selbstkostenverlagen erscheinen, landen in den Kulturredaktionen üblicherweise nach kurzem Blättern im Altpapier. Gabriela Cozzios Romandébut, veröffentlicht im deutschen Bezahlverlag Twentysix, ist aus mehreren Gründen eine Ausnahme. Neben dem St. Galler Heimvorteil (Gabriela Cozzio ist die Cousine des verstorbenen Stadtrats Nino Cozzio) hat für einmal der Klappentext für Aufsehen gesorgt. Dort schreibt der pensionierte Chefredaktor des St. Galler Tagblatts und studierte Romanist Gottlieb F. Höpli: «Eine gut erzählte, anrührende Geschichte um interessante Frauengestalten aus den Gefilden der Schönen und Reichen.» Die Autorin führe ihre Figuren «in höchst anschaulicher und pfiffig-ironischer Sprache und mit ganz unhelvetischer Eleganz durch die Schicksalsschläge der Geschichte». Drama und «Glanz und Gloria» also vereint in einem Roman?

«Sie praktiziert Sex wie ein Herz-Kreislauf-Training»

Die Hauptfigur Marie Freitag ist eine reiche, unabhängige Mitdreissigerin, Marketingexpertin und Single, die Affären nur mit verheirateten Männern hat, weil diese keine weitergehenden Ansprüche hätten. Der Roman besteht über weite Strecken aus pointierten, süffigen Dialogen zwischen Marie und ihrer Freundin Franca sowie deren frühreifer und hyperintelligenter Tochter Virginia. Das tönt dann so: Franca «praktiziert Sex wie ein Herz-Kreislauf-Training im Fitnessstudio», Männer sind «Amuse-Bouche» oder eine «nahrhafte Zwischenmahlzeit», manche hätten «das Einfühlungsvermögen einer Zimmerpflanze», Zweisprachigkeit wirke «wie ein verbales Aphrodisiakum». Cozzio will aber mehr als einen Unterhaltungsroman, der mit unverblümter Frivolität punktet oder als Satire zum Schmunzeln, abliefern. «Ich wollte weder einen Feelgood-Roman noch ein reines Drama schreiben.» Ihr Roman hat von beidem etwas: Deshalb lässt sie Maries riskantes Lebensmodell im Verlauf des Buches zusammenbrechen. Erstens in Gestalt einer eifersüchtigen Rivalin, zweitens durch den reinen Zufall. Und da wird der Roman sogar noch etwas philosophisch. Schliesslich denkt Marie immer wieder über den Zufall nach, sie hat immer ihr Lieblingsbuch «Life of Pi» dabei und verliert sich in Barcelonas Strassen – eine Stadt, die Gabriela Cozzio sehr gut kennt.

Das ist alles recht sprunghaft und ab und zu etwas holprig erzählt, was auch damit zu tun hat, dass Cozzio den Roman komplett in ihrer Freizeit geschrieben hat. Weil Francas Tochter Virginia am Ende zur Hauptfigur aufsteigt, liegt eine Fortsetzung auf der Hand. Sie schreibe auf jeden Fall weiter, sagt Gabriela Cozzio, egal, ob sie dafür einen «richtigen» Verlag findet oder nicht.

Gabriela Cozzio: Kein Regen über Barcelona. Twentysix Verlag. 216 S., Fr. 18.-