ZÖLIBAT: Liebe war stärker als die Kirche

Verena Lang schrieb einen Roman über Frauen, die mit Priestern Liebesbeziehungen haben. Es ist auch ihre eigene Geschichte.

Arno Renggli
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Verena und Josef Lang 1979 an einem Fest. In jenem Jahr heirateten sie.

Verena und Josef Lang 1979 an einem Fest. In jenem Jahr heirateten sie.

<%IMG id="527719" title="Oben: Verena und Josef Lang als Paar heute. Unten: die beiden 1979 an einem Fest. In jenem Jahr heirateten sie."%>

1975 besucht die 25-jährige Berner Theologiestudentin Verena einen Theaterkurs in Thun. Unter den Teilnehmern ist der im Luzerner Seetal aufgewachsene Josef Lang. Die beiden verlieben sich heftig ineinander. «Amor hatte seine Arbeit diesmal gründlich getan», schmunzelt Verena Lang rückblickend. Was sie aber nicht von Anfang an weiss: Josef Lang ist katholischer Priester.

In der Zwickmühle

Als sie es dann wenig später erfährt, ist es ein Schock. «Und ich hatte keine Ahnung, was ich nun tun sollte.» Ähnlich ergeht es dem zehn Jahre älteren Josef Lang: «Es wurde zur Zwickmühle, zumal sich die Verliebtheit rasch in Liebe verwandelte. Ich wollte beides: Priester sein, aber auch diese Beziehung.»

Für Josef Lang, der seine Ausbildung am Progymi Beromünster und am Priesterseminar Luzern absolviert hat, ist das Dilemma nicht ganz neu. «Obwohl ich als Priester und Lehrer viele soziale Kontakte hatte, spürte ich zuweilen die Einsamkeit, das Bedürfnis nach einer Partnerschaft, nach Liebe und Erotik. Und Verena war für mich die Richtige.»

Auf Distanz gegangen

Die beiden leben ihre Beziehung zunächst heimlich. Dass dies damals auch einen gewissen Reiz hatte, bestreitet Verena Lang nicht. «Und vielleicht spielte auch die jugendliche Aufmüpfigkeit mit. Aber relativ rasch merkte ich, dass mich die Situation belastete, dass es mir einfach zu kompliziert wurde.»

Verena geht auf Distanz, es kommt zur Trennung. Natürlich habe sie sich in dieser Zeit auch für andere Männer interessiert. «Aber ich hing trotz Trennung immer noch an Josef und war nicht in der Lage, eine neue feste Beziehung einzugehen.» Und als Josef Lang die Initiative ergreift, ist die Sache klar: Die beiden sind wieder zusammen.

Schuldgefühle habe sie damals schon gehabt, sagt Verena Lang. Sie wusste ja, dass ihr Partner seinen Beruf liebte und dass sie sein Dilemma auslöste. Aber moralische Bedenken hatte sie keine: «Als Reformierte war ich nicht katholisch geprägt. Im Gegenteil fand ich: Was aus Liebe passiert, kann nicht falsch sein.»

Einen ähnlichen Prozess macht Josef Lang durch, der sich sogar therapeutisch helfen lässt: «Im Priesterstudium hatten wir gelernt, dass Gott und die Institution Kirche eine Einheit bilden. Nun begann ich zu differenzieren. Und ein Gott, der im Widerspruch zur Liebe steht, schien mir immer weniger plausibel.»

Zermürbende Stille

Mit dem veränderten Gottesbild findet er auch zu einer klaren privaten Antwort auf sein Dilemma. Dass er damit ein Pionier sein könnte zu Gunsten von anderen Priestern in ähnlichen Situationen, habe für ihn weniger eine Rolle gespielt. «Dafür hätte ich offensiver in der Öffentlichkeit und gegenüber der Kirche auftreten müssen.»

Denn rund drei Jahre lang bleibt die Heimlichkeit der Beziehung, nur wenige Freunde wissen davon. Die Kirche bleibt lange Zeit stumm, auch wenn die Beziehung wohl nicht lange völlig unbemerkt bleibt. 1978 fällen die beiden eine Entscheidung, und Josef Lang reicht ein Gesuch um Dispens vom Priesteramt und somit Rückkehr in den Laienstatus ein. Damit beginnen zermürbende Monate. Denn obwohl der damalige Bischof Anton Hänggi das Gesuch mit positiver Empfehlung nach Rom leitet, kommt von dort einfach keine Antwort. Es ist eine ganz subtile Machtdemonstration des päpstlichen Apparates, sogar der Bischof kann nichts machen. «Wir fühlten uns hilflos, wie Figuren in einem Kafka-Roman», erzählt Verena Lang.

Fallen gelassen

Ende 1979 heiraten die beiden, ohne Erlaubnis. In der Folge bittet der Bischof Josef Lang, seine Stelle als Religionslehrer aufzugeben. «In dieser Situation hat man uns fallen gelassen.» Und seine Frau ergänzt: «Die vordergründig gute Beziehung zur Kirche erwies als Illusion.» Josef Lang unterrichtet noch bis 1980. Zum Glück hat er sich zuvor mit einem Psychologiestudium ein zweites berufliches Standbein geschaffen. Die beiden wecken mediale Aufmerksamkeit, im Dezember 1979 landen sie gar auf einer Titelseite des «Blicks». Die Dispens aus Rom trifft erst 1981 ein, nach der Geburt ihres ersten Sohnes. Einsicht darin erhalten sie nie.

«Heute eher noch schlimmer»

Josef Lang wollte sowohl seinen Beruf als Priester wie auch seine Liebesbeziehung zu Verena. Aber beides ging nicht. Das findet er falsch: «Der Zölibat kann Sinn machen, wenn sich jemand freiwillig dafür entscheidet. Aber wer eine Liebesbeziehung möchte und dies unterdrücken muss, kann nicht als Mensch in seiner Ganzheitlichkeit leben.»

Für Verena Lang ist es stossend, dass in dieser Frage bis heute kaum etwas geht. Sie kennt viele ähnliche Schicksale. «Heute es zum Teil noch schlimmer, weil oft auch ausländische Frauen betroffen sind, die sich noch weniger wehren können.» Ihnen beiden gehe es heute gut, «aber der Zorn über das, was damals war und was heute immer noch passiert, kommt ab und zu hoch».

Buch «Rom & Julia»

Verarbeitet hat sie dies auch in ihrem Roman «Rom & Julia», wo sie von drei Frauen erzählt, die mit Priestern eine Liebesbeziehung eingehen, damit sehr unterschiedlich umgehen und somit auch Unterschiedliches erleben. Er enthält neben psychologisch spannenden Szenen auch authentische Dokumente, Briefe und Tagebuchauszüge. «Es ist nicht nur eine Verarbeitung unserer eigenen Geschichte, sondern basiert auf Schilderungen vieler Betroffener.»

HINWEIS

Verena Lang: Rom & Julia. Gesammeltes Schweigen. ILV Verlag, 155 Seiten. Fr. 25.10.

ZöFra heisst «Verein der vom Zölibat betroffenen Frauen Schweiz». Infos: www.kath.ch/zoefra/

Verena und Josef Lang als Paar heute. (Bild: pd)

Verena und Josef Lang als Paar heute. (Bild: pd)