Warum Zombie-Filme mehr als nur Kult sind

Vor 50 Jahren sind die Filmzombies ihren Gräbern entstiegen und treiben seither äusserst erfolgreich ihr Unwesen. Auch weil sie stets als Metapher unserer Ängste herhalten müssen, von Klimawandel bis Konsumwut.

Lory Roebuck
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Jim Jarmusch's THE DEAD DON'T DIE, ist eine Hommage an den Erfindern der Zombie-Filme

Jim Jarmusch's THE DEAD DON'T DIE, ist eine Hommage an den Erfindern der Zombie-Filme 

Er knabbert noch ein bisschen an der Kellnerin. Doch eigentlich hat es Iggy Pop, gerade dem Grab entstiegen, auf eine alltäglichere Kost abgesehen: «Coffee», sagt der Rocksänger, der im neuen Kinofilm «The Dead Don’t Die» einen Zombie spielt, mit monotoner Stimme – und nimmt einen Schluck aus dem Krug hinter dem Tresen. «Sie werden von jenen Dingen angezogen, an denen sie schon zu Lebzeiten hingen», analysiert am nächsten Tag der von Adam Driver gespielte Kleinstadtpolizist das Tun der Zombies. Und tatsächlich: Während die Untoten in der Nacht ihr blutiges Unwesen treiben, krächzen sie nach «Chardonnay», «Akku» oder «Wifi».

Zombie-Film mit staubtrockenem Humor

Willkommen in der absurd-komischen Welt von Kultregisseur Jim Jarmusch. Der 66-jährige US-Amerikaner, Regisseur preisgekrönter Autorenfilme wie «Stranger than Paradise» (1984) und «Broken Flowers» (2005), versucht sich zum ersten Mal in seiner bald 40-jährigen Karriere mit einem Zombiefilm. Und trotzdem ist «The Dead Don’t Die» unverkennbar Jarmusch: Da ist der staubtrockene Humor, die beinahe zum Stillstand entschleunigten Szenen und das prominente Schauspielerensemble, angeführt von Jarmuschs Getreuen wie Adam Driver, Bill Murray und Tilda Swinton.

Staraufgebot in Cannes: Wo Regisseur Jim Jarmusch seinen neuen Film "The Dead Don't Die" vorstellte. Bill Murray, Chloe Sevigny,  Jim Jarmusch, Selena Gomez, Tilda Swinton, Sara Driver.

Staraufgebot in Cannes: Wo Regisseur Jim Jarmusch seinen neuen Film "The Dead Don't Die" vorstellte. Bill Murray, Chloe Sevigny,  Jim Jarmusch, Selena Gomez, Tilda Swinton, Sara Driver.

Von Voodoo-Priestern zum Leben erweckt und versklavt

Mit «The Dead Don’t Die» verneigt sich Jarmusch vor dem Erfinder der Zombiefilme: George A. Romero. Ursprünglich waren Zombies Tote, die in karibischen Erzählungen von Voodoo-Priestern zum Leben erweckt und versklavt wurden. Romero holte sie 1968 mit seinem bahnbrechenden Low-Budget-Horrorfilm «Night of the Living Dead» in die Filmwelt. Und stellte für die Untoten ein Regelwerk auf, an dem sich alle Filme dieser Art orientieren: Zombies haben einen unstillbaren Hunger nach Menschenfleisch, sie zombifizieren Menschen mit nur einem Biss, und es gibt nur eine Art, die Zombies aufzuhalten: Man muss sie köpfen.

Regeln, an die sich auch Jarmusch hält. Entscheidender war aber, dass Romero seine untoten Antihelden als Metapher begriff für alles, was er an der modernen Welt auszusetzen hatte. «Im Drehbuch steckt meine grosse Wut darüber, dass die Sechziger nicht funktioniert haben», erzählt Romero in einer Dokumentation über seinen Klassiker. Im schwarzen Filmhelden Ben, der in «Night of the Living Dead» von hirnlosen Wesen gejagt wird, spiegelte Romero die Bürgerrechtsbewegung, in den blutrünstigen Filmszenen die Schrecken des Vietnamkriegs.

Mit seinem 1978 veröffentlichten Sequel ging Romero einen Schritt weiter. In «Dawn of the Dead» verortete er die Zombies in einem grossen Shoppingzentrum. Die Kritik an der Konsumwut der Massen und an der gesellschaftlichen Gleichförmigkeit wurde damals zum Eckpfeiler des Zombiegenres, seither sind die Untoten in Film und Fernsehen allgegenwärtig.

Die letzten Menschen in einer kaputten Welt

Auch die populäre TV-Serie «The Walking Dead» und der Kinokassenschlager «World War Z» greifen Zombie-Dystopien auf. Sie zeigen eine Welt, in der alle gesellschaftlichen Strukturen auseinandergebrochen sind und die Überreste der Menschheit ums Überleben kämpft. «Wir leben in unsicheren Zeiten», erklärte «World War Z»-Autor Max Brooks in einem Interview mit der BBC. «Genau wie in den 70ern suchen wir wieder nach sicheren Zonen, in denen wir unsere Ängste verarbeiten können.» Zombiegeschichten würden sich dazu hervorragend eignen. «Sie zeigen uns, wie das Ende der Welt aussehen könnte – doch weil sie fiktional sind, können wir nachts trotzdem noch schlafen.»

Zombies als Metapher für den Klimawandel

Die Eiszombies in der kürzlich zu Ende gegangenen TV-Serie «Game of Thrones» werden als Metapher für den Klimawandel interpretiert. Die These ist beliebt, geht allerdings nicht von Autor George R. R. Martin aus, sondern wurde von den Fans der TV-Serie in den Stoff hineingelesen.

Jim Jarmusch dagegen inszeniert den Klimawandel und das menschliche Hineinpfuschen in die Natur als Ursache seiner Zombieapokalypse. In «The Dead Don’t Die» bohren gierige Firmen an den Polkappen, was die Erde aus ihrer Rotationsachse wirft. Das Klima kippt, die Sonne scheint auch mal nachts, und die Tierwelt sucht das Weite. Während regierungsnahe Nachrichtensprecher den Zusammenhang leugnen, steigen Untote aus ihren Gräbern.

«Jede Story über Zombies ist eine Metapher, die etwas über uns als Gesellschaft aussagt», so Jim Jarmusch. «Darüber, dass wir langsam zu seelenlosen Wesen werden.»

Die Botschaft scheint Jarmusch wichtig zu sein. Damit sie der Zuschauer kapiert, lässt er Tom Waits Sätze in die Kamera sagen wie: «Eigentlich sind wir alle Zombies, die nur konsumieren wollen.» Unnötig. Trotzdem hat «The Dead Don’t Die» etwas Versöhnliches. Wenn der Weltuntergang schon bevorsteht, so der Film, nehmen wir es doch am besten mit Humor. Oder einem Schluck Kaffee.

«The Dead Don’t Die» ab Donnerstag 13. Juni in den Kinos