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Zsuzsanna Gahse gibt in ihren Büchern
der Sprache eine Bühne

In ihrem jüngsten Buch «Schon bald» erzählt die Autorin vom Warten darauf, dass bald etwas geschieht.
Dieter Langhart
Zsuzsanna Gahse in ihrem Atelier Bild: Keystone

Zsuzsanna Gahse in ihrem Atelier Bild: Keystone

«Zwischen Pitt und mir liegen etwa elf Meter.» Die Erzählerin sitzt am Schreibtisch und sieht «über den mittleren Raum hinweg bis zum Schlafzimmer, dort sitzt er am Bettrand und liest die Tageszeitung». Und «weiter hinter ihm steht der leere weisse Bücherschrank als ein helles Skelett». In den sechs ersten Zeilen breitet Zsuzsanna Gahse eine kleine Welt aus. Sie ist ausgemessen («alle drei Räume sind exakt vierhundertfünzig Zentimeter breit»), und sie ist beinah leer: die Bücher sind verschenkt, einige Möbel fehlen.

Das Kapitel heisst «Der Aufbruch», das fünfte Kapitel heisst «Die Bühne», das Buch heisst «Schon bald». Man könnte durchaus ein Buch schreiben über einen Wegzug oder eine Reise oder Weiterreise. Zsuzsanna Gahse schreibt von einem Haus, in dem etwas geschehen oder zumindest stattfinden wird. Schon bald wird das sein. Doch die Erzählerin lässt sich Zeit, und auch die Bewohner spüren keine Eile. «Erst am Nachmittag kraucht die Sonne durch das Laub.» Der Sommer ist heiss. «Wir zu sagen ist energiesparend.» Und wer sind «wir»? «Wir, das sind Pitt und ich oder auch Pitt, Georg und ich, hinzukommen Georges und Grit. […] Der Auszug allerdings betrifft nur Pitt und mich.»

Wörter spielen hier die Hauptrolle

Wer Zsuzsanna Gahses Bücher kennt – über dreissig sind es –, weiss, dass die Sprache, die Wörter die Hauptrolle spielen. Dass sie keine Geschichten im herkömmlichen Sinn erzählt, sondern Stimmungen und Nachdenklichkeiten, Möglichkeiten und Wendungen wie «morsches Schweigen» erschafft. Dafür hat sie heuer den Schweizer Grand Prix Literatur gewonnen. In «Schon bald» geht es um die Vorstellung von Räumen, um ihre Imagination, also ihre Bildwerdung – für die Erzählerin ein Urtraum.

Früh im Buch heisst es: «Wir sind Schauspieler.» Und wir Leser sind die Zuschauer. Wir folgen dem Postauto, das wie ein Leitmotiv vor dem Haus vorbeifährt, wir sind Zeuge der Entblössung der Wohnung, bis fast alles aus den drei Räumen verschenkt ist und es heisst: «Jetzt stehen wir auf einer leeren Bühne.» «Schon bald» wird zur Antithese von Georges Perec’ Erstling «Les choses» 1965: Der Franzose schrieb über das Gefängnis der Wünsche eines Paars, das immer mehr haben wollte, während Zsuzsanna Gahses Paar immer weniger will und seine Wohnung entrümpelt, bis es zu einem kleinen Theater werden kann. Im zweiten Kapitel «Die Dinge» tobt sich die Erzählerin aus und streift von Lorcas Stühlen zu Füllfedern, von Barometern zu Gewinn- und Verlustrechnungen. «Die Wohnung kann ich ausräumen, das ist möglich, die platten Erinnerungen hingegen bleiben kleben.» Dann aber geht es um «Die Stücke». Jetzt nehmen die Schauspieler und die Rollen eine immer klarere Form an.

Schon 2004 hat Zsuzsanna Gahse in «durch und durch» die Erzählerin in ihrem Wohnort Müllheim an der Thur den Plan für ein Freiluftspiel auf dem Dorfplatz schmieden lassen. Jetzt wird es konkreter, aber anders, jetzt beutelt Zsuzsanna Gahse die Sprache. Sieben Spieler proben wie auf einem Basar, «wo die einzelnen Wörter mit ihren Clans und Anhängern frei flanieren konnten, bis wir sie zu sortieren begannen.» Da schlagen die jaulenden, schreienden Wörter um sich, da werden Etymologien angetönt und kostbare Kleinstwörter gepriesen, da «rennt die Sprache über die ersten Alpenketten in Richtung Süden», da wird die Sprache zu Bewusstsein.

In den Proben werden die Zettel mit Wörtern mehrmals umgeordnet, «es ging um einen instabilen Zusammenhang». Ein leiser Anklang an Gahses hintergründige Betrachtungen, Geschichten, Gegengeschichten in «Instabile Texte» 2005. Das letzte und nur zweieinhalb Seiten lange Kapitel beginnt so: «Es ist kurz nach zehn, bald ist es so weit. Heute Abend hebt sich der Vorhang, wie man sagt, allerdings wird er bei uns zur Seite gezogen, weil das die günstigere Lösung ist.» Schon bald geht es Pitt und ihr und den andern gut.

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