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ZÜRICH: Ausstellung über die wahre Dimension der Flucht

Die Ausstellung «Flucht» im Landesmuseum führt hinter das Schlagwort Asyl. Und gibt dem Thema die Tiefe zurück, die es im politischen Hickhack manchmal verliert.
Benno Tuchschmid
Mit wuchtigen Bildern beleuchtet die Ausstellung «Flucht» unbekanntere Facetten des Themas. (Bild: Manuel Lopez/Keystone)

Mit wuchtigen Bildern beleuchtet die Ausstellung «Flucht» unbekanntere Facetten des Themas. (Bild: Manuel Lopez/Keystone)

65 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Dahinter verbergen sich 65 Millionen Schicksale. 65 Millionen Tragödien. In der Schweiz schrumpft der globale Migrationsstrom zur regionalen Aufregung. 100 Asylbewerber in Bettwil, 90 in Aarburg, 60 in Seelisberg. Gross sind hier dann nur noch die Wut der betroffenen Bevölkerung und die Schlagzeilen.

Die Ausstellung «Flucht» versucht dem wohl grössten gesellschaftlichen und politischen Thema unserer Tage seine eigentliche Dimension zurückzugeben. «Flucht» ist ein Gemeinschaftsprojekt verschiedener Bundesbehörden (siehe Box rechts), die sich mit dem Thema befassen, und des Flüchtlingshochkommissariats der Vereinten Nationen.

Jeden Tag ein Aylan

Mit der Hilfe von fünf Flüchtlings-Biografien gehen die Ausstellungsmacher der Frage nach: Was bedeutet es, seine Heimat zu verlassen? Zwar sind Bilder von Flüchtlingen medial omnipräsent. Doch es sind vor allem die symbolträchtigen Ikonenbilder, die Aufmerksamkeit erhalten. Der kleine Aylan, tot, am Strand von Bodrum. Omran, staubbedeckt und apathisch in einem Sanitätswagen in Aleppo. Bilder von ungeheurer Wucht, wie Bundesrätin Simonetta Sommaruga in ihrer Eröffnungsrede festhielt. Aber keine einzigartigen Bilder. «Eigentlich passiert das, was die Bilder zeigen, jeden Tag.»

Die Ausstellung vollzieht einen Perspektivenwechsel und zeigt Flüchtlingsschicksale, zu denen die Ikonenbilder fehlen. Das Thema Flucht wird im Landesmuseum aus der Sicht jener gezeigt, die es am meisten betrifft: die Flüchtlinge. Mit ihnen gehen die Besucher auf eine lange, beschwerliche Reise, weg aus Somalia, weg aus Syrien, weg aus Afghanistan. Der Besucher lebt in Flüchtlingslagern, begibt sich in die Gewalt von Schleppern, teilt Träume und Ängste von Flüchtenden und lernt die unzähligen Gefahren kennen, die auf dem Weg in eine vermeintlich bessere Zukunft lauern.

Alles wird noch komplexer

«Uns geht es in der Ausstellung auch darum, zu zeigen, dass jeder Flüchtling seine Würde hat», sagt Susanna Graf, Projektleiterin vom Deza. Das geschieht unter anderem dadurch, dass die Herkunftsländer der Flüchtlinge nicht nur als jene Hölle gezeigt werden, zu der sie wurden, sondern als stolze Länder mit einer reichen, im Westen oft unbekannten Geschichte.

Syrien, Geburtsort der ersten Zivilisation der Menschheitsgeschichte. Afghanistan, Geburtsland des Rüebli. Südsudan, einst das Land mit dem grössten Viehbestand pro Kopf in Afrika. Doch die Ausstellung zeigt auch, was die Flüchtlinge erwartet, wenn sie in der Schweiz ankommen. Die säuberlich strukturierten Abläufe: Registrierung, Abklärung, Anhörung, Entscheidung. Die staatliche Abarbeitung der Flucht. Es ist ein durchaus pädagogischer Ansatz, den die Ausstellungsmacher gewählt haben. Zur Zielgruppe gehören unter anderem auch Schulklassen. Ein Lehrmittel vertieft die Ausstellung.

«Flucht» ist auch nicht frei von Eigeninteressen. Die Botschaften der beteiligten Institutionen sind erkennbar. Doch das nimmt der Ausstellung nicht ihre Wucht. Bundesrätin Simonetta Sommaruga sagte in ihrer Rede, die Ausstellung zeige auf, wie viel auf dem Spiel stehe. «Dieses Bewusstsein macht politische Entscheide nicht leichter. Im Gegenteil.»

Aber die Ausstellung zeigt auch, um wie viel mehr es beim Thema Asyl geht als um die Frage, ob in der Nachbarschaft ein paar Flüchtlinge untergebracht werden.

Benno Tuchschmid
kultur@luzernerzeitung.ch

Die Ausstellung auf Wanderung

Die Ausstellung «Flucht» ist ein aussergewöhnliches Projekt: Als Ausstellungsmacher wirkten vor allem Fachleute des Bundes, die in ihrer täglichen Arbeit mit verschiedenen Aspekten des Themas Migration und Flucht zu tun haben. Mitorganisiert haben das Gemeinschaftsprojekt die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, die eidgenössische Migrationskommission, das Staatssekretariat für Migration und Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen. Die Ausstellung geht im nächsten Jahr auf Wanderung durchs das ganze Land.

(bt.)

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