ZÜRICH: Coldplay – Grosse Stadionhymnen im Farbenmeer

Im Zürcher Letzigrund hüpfte es bis in die hintersten Ränge. Die britische Band Coldplay um Sänger Chris Martin begeisterte mit Natürlichkeit und positiver Energie.

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Mit Leib und Seele dabei: Coldplay-Sänger Chris Martin im bunten Blätterrausch. (Bild: Dominik Wunderli)

Mit Leib und Seele dabei: Coldplay-Sänger Chris Martin im bunten Blätterrausch. (Bild: Dominik Wunderli)

Regina Grüter

Der erste Song, die erste Hymne: «A Head Full Of Dreams», der Titelsong des aktuellen Coldplay-Albums, passt perfekt in die Atmosphäre des Zürcher Letzigrund-Stadions. Gut 44 000 sind schon da und singen lautstark «Oh oooohh oooh oooh». «A Head Full Of Dreams» gibt auch der Tour den Namen, welche die britische Pop-Rock-Band Coldplay am Samstag und gestern ins Letzigrund geführt hat.

Schweizer Fahne

Leadsänger Chris Martin ist ein Charmeur, der gute Laune versprüht. Erst mal bedankt er sich beim Publikum, dass es all die Strapazen auf sich genommen hat, um hier zu sein. Auf Deutsch und Französisch: «Bonsoir, mes amis!» Von der ersten Sekunde an rennt und hüpft er den langen Bühnenarm unermüdlich rauf und runter. «Now everybody together!», animiert er die Fans zum Mitsingen, hebt eine Schweizer Fahne hoch – die Fussball-EM macht auch vor Stadionrock nicht halt –, zieht sie sich kurz über den Kopf, um sie schliesslich für den Rest des Abends in der Hose eingesteckt über die Bühne wehen zu lassen.

Altes und Junges in neuem Kleid

Was die Show angeht, ist der Rest der Band nur Staffage – die Energie von Chris Martin füllt die ganze Bühne aus. Gitarrist Jonny Buckland und Bassist Guy Berryman scherzen denn auch mal zusammen, und der grossartige Schlagzeuger Will Champion verrichtet gleichmütig seinen Job. Jetzt spielen die vier ein paar Songs auf dem Rondell am Ende des Bühnenarms, wie bei einem der kleinen intimen Clubkonzerte. Die Fans klatschen bis in die hintersten Ränge.

Es ist ein mitreissender Mix aus alten Songs wie «Yellow», «Scientist», «In My Place», «Clocks» oder «Fix You» ab der dritten Platte «X & Y» und neuen Hits, den die Überflieger aus England darbieten. «Paradise» ab dem Album «Mylo Xyloto» in einer Dance-Version macht Spass. Und mit «Viva La Vida» ist die Stimmung nach knapp eineinhalb Stunden auf dem Höhepunkt: Eine Welle erfasst das Publikum bis in die hinterste Ecke des Fussballstadions.

Eine Haupt- und zwei Nebenbühnen

Zwischendurch gerät das Konzert beinah zur Goaparty. Techno-Sound und eine Lasershow beherrschen die Bühne. Endlich, gegen ein Viertel vor zehn, sieht man auch die Armbänder so richtig, die man gegen das Ticket eingetauscht hat. «All hands up!», folgt die Menschenmasse Martins Aufruf, und der Letzi­grund blinkt in den Regenbogenfarben Rot, Grün, Blau, Violett und Gelb.

Das wunderschöne «In My Place» ab dem zweiten, sensationellen Coldplay-Album «A Rush Of Blood To The Head» intoniert die Band schliesslich auf einer dritten Bühne im hinteren Drittel des Stadions. Im Beatles «Abbey-Road-Style» schreiten sie zu einem Blues den langen Weg bis nach hinten. Alle, tatsächlich alle sollen etwas von ihnen zu sehen bekommen. Das ist schon sehr sympathisch. Er habe den neuen Song zu wenig geübt, entschuldigt sich Chris Martin, da er seine Tochter in Amerika besucht habe und am Nachmittag in der Schweiz noch im Spital gewesen sei. Man merkt ihm nichts an. So locker auf der Bühne rumhüpfen wie der Coldplay-Sänger kann sonst niemand. Er konzentriert sich aufs Singen und Rumspringen, sitzt aber auch mal am Piano oder spielt Gitarre.

David Bowie und Muhammad Ali

Der Hit «A Sky Full Of Stars» heizt noch mal so richtig ein. Kaleidoskop-Animationen, «Raketli», farbige Ballone und Blätterregen – die Show ist Flower Power pur. Die Message ist einfach: Love & Peace. Da darf auch eine Videoeinspielung von Muhammad Ali und eine Coverversion von David Bowies «Heroes» nicht fehlen. Sie sind Saubermänner (Drogenkonsum führt zum Bandausschluss) und Gutmenschen – U2 lässt nicht nur von der Gitarrenseite her grüssen. Zu gut?

Nein. Unsere Welt braucht positive Botschaften und soziales Engagement, und es ist nur richtig, wenn eine so wahnsinnig erfolgreiche Band wie Coldplay ihren Einfluss dahingehend geltend macht. Zumal sie das auf eine natürliche und ungeheuer sympathische Art und Weise tun. Coldplay im Letzigrund, das war Stadion-Pop vom Besten. Bunt, schrill und einfach schön.