ZÜRICH: Das ist Kunst, die zum Himmel stinkt

An der Manifesta in Zürich werden Werke gezeigt, die aus der Begegnung von Kunstschaffenden mit Berufsleuten entstanden sind. Dies nicht nur in den Museen, sondern in der ganzen Stadt.

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80 Tonnen Klärschlamm und Fäkalien hat der Künstler Mike Bouchet für seine Skulptur verwendet – es duftet eher speziell. (Bild: Keystone)

80 Tonnen Klärschlamm und Fäkalien hat der Künstler Mike Bouchet für seine Skulptur verwendet – es duftet eher speziell. (Bild: Keystone)

Mehr Bilder zur Manifesta: ww.luzernerzeitung.ch/bilder

Christina Genova

«Bitte schliessen Sie die Tür, es stinkt.» Diese Anweisung bekommen Besucher von der Aufsicht mit auf den Weg, bevor sie in den ersten Stock der Löwenbräukunst gehen. Und tatsächlich, kaum betritt man den Raum, ist der Gestank kaum auszuhalten. Denn was da in kompakten Quadern auf Holzpaletten liegt und fast die ganze Ausstellungshalle füllt, sind rund 80 Tonnen Klärschlamm und Fäkalien. Alle, die am 24. März in der Stadt Zürich eine Toilette benutzten, haben einen Beitrag zur Entstehung der Skulptur von Mike Bouchet geleistet. Seine Arbeit sei eine Zusammenarbeit mit der ganzen Stadtbevölkerung, sagt der Künstler.

Dreissig von tausend Berufen

Bouchet ist einer von 30 Kunstschaffenden, die von Christian Jankowski, dem Kurator der Manifesta 11, nach Zürich eingeladen wurden. Die Kunstbiennale findet alle zwei Jahre in einer anderen europäischen Stadt statt. Jeder der Künstler durfte aus einer Liste von 1000 Berufen, die in Zürich ausgeübt werden, einen aussuchen, und die Manifesta vermittelte einen entsprechenden Gastgeber. Mitgemacht haben unter anderem der Pfarrer des Grossmünsters, eine Bankerin oder ein Thaiboxmeister. Aus der Begegnung mit den Berufsleuten entwickelten die Künstler dann ein neues Werk – sogenannte Joint Ventures.

Für die Zürcher Manifesta hat Jankowski, der erste Kurator der Manifesta, der Künstler ist, den schönen Titel «What people do for money» gewählt. Zu seinem Konzept sagt er: «Es geht um Berufe, Berufungen und das, was Berufe zur Kunst beitragen können.»

Eclairs bei der Zahnärztin

Mike Bouchet begleitete Philipp Sigg vom Klärwerk Werdhölzli. Immer mit dabei waren eine sogenannte Kunst­detektivin und ein angehender Filmemacher. Denn zum Konzept Jankowskis gehörte, dass Zürcher Schülerinnen und Schüler die Entstehung der Kunstwerke als «Art Detectives» begleiteten, indem sie Fragen stellten und kommentierten. Die Begegnungen wurden von Filmstudenten der Zürcher Hochschule der Künste mit der Kamera festgehalten.

Die Filme werden auf dem sogenannten Pavillon of Reflection gezeigt. Die schwimmende Holzkonstruktion ist jetzt schon eines der Wahrzeichen der Manifesta. Sie befindet sich beim Bellevue und dient als Open-Air-Kino, Bar und Badi. Die Filme geben einen spannenden Eindruck davon, was passiert, wenn Künstler auf Menschen treffen, die mit Kunst wenig oder gar nichts zu tun haben. So scheint Kläranlagen-Mitarbeiter Sigg ziemlich überrascht zu sein von Bouchets Begeisterung über die riesige Halle voller Klärschlamm. Als der Künstler ihm erklärt, was er damit vorhat, sagt er ihm klipp und klar: «Damit werden Sie sich keine Freunde machen.»

Nicht alle aus den Joint Ventures entstandenen Werke sind gelungen. Nicht einsichtig wird zum Beispiel, warum wir uns für Objekte interessieren sollten, die Una Szeemanns aufgrund von Hypnosesitzungen bei ihrem Gastgeber, einem Psychotherapeuten, geschaffen hat. Die fertigen künstlerischen Projekte werden an zwei Orten präsentiert: in einer der zwei klassischen Kunstinstitutionen, dem Helmhaus oder dem Löwenbräukunst, und in einem der sogenannten Satelliten. Das sind zumeist die Arbeitsstätten der Gastgeber. So stellt Torbjoern Roedland seine surrealistischen Fotografien, bei denen er Eclairs von Sprüngli mit Zahnimplantaten kombiniert, in der Praxis «seiner» Zahnärztin aus. Und Michel Houllebecq zeigt seine bearbeiteten Ultraschallbilder nicht nur im Helmhaus, sondern auch in der Klinik Hirslanden, wo sein Gastgeber arbeitet. Das ist grossartig, weil so einerseits die Manifesta-Besucher Kunst an Orten sehen können, die sie ohne die Biennale vielleicht nie besucht hätten. Und weil andererseits so Kunst niederschwellig erlebbar wird für Menschen, die vielleicht noch nie im Museum waren.

Selber Kunst machen

Leider vertrauten Jankowski und die ihm zur Seite gestellte Kuratorin Francesca Gavin nicht auf die Tragfähigkeit des überzeugenden Konzeptes der Joint Ventures und vermischten es im Helmhaus und im Löwenbräukunst mit einer Ausstellung in der Ausstellung. Gezeigt werden Werke aus den letzten fünfzig Jahren, die sich in engerem oder weiterem Sinne mit dem Thema Beruf auseinandersetzen. Diese sind zu so unterschiedlichen Themenfeldern wie «Arbeitspause» oder «Berufe in der Kunstwelt» gruppiert. Dabei entsteht nicht wie behauptet ein Dialog mit den Joint Ventures, sondern der Eindruck eines Gemischtwarenladens. Das ist schade, weil darunter zahlreiche spannende Werke sind.

Wer will, kann an der Manifesta auch selbst Kunst produzieren und Mitglied in der im Cabaret Voltaire beheimateten Zunft der Künstler werden. Um aufgenommen zu werden, braucht man weder Geld noch Beziehungen, sondern einzig Kreativität und Mut: Man muss mit einem Künstler in einer gemeinsamen Performance auftreten.

Bis 18. September. Katalog zur Ausstellung bei Lars Müller Publishers. Infos: m11.manifesta.org