ZÜRICH: Russische Revolutionäre und die Schweiz im Landesmuseum

Heuer jährt sich die Russische Revolution zum 100. Mal. Das Landesmuseum Zürich blickt in seiner Ausstellung "1917 Revolution. Russland und die Schweiz" aus Schweizer Sicht auf das Ereignis. Der Anspruch ist hoch, der Aufwand gross. Neben 250 Exponaten vorwiegend aus Russland ist auch Lenins Schreibtisch aus Zürich zu sehen.

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Oktober 1917: Während der Russischen Revolution wundet sich Lenin an die Menge auf dem Roten Platz in Moskau. (Bild: Photo by Universal History Archive/Getty Images))

Oktober 1917: Während der Russischen Revolution wundet sich Lenin an die Menge auf dem Roten Platz in Moskau. (Bild: Photo by Universal History Archive/Getty Images))

Daniel Stehula, sda

Vor Kurzem habe ein Mann angerufen, erzählte Ausstellungsmacherin Pascale Meyer am Mittwoch anlässlich des Rundgangs durch die neue Schau. Es handelte sich um den Neffen des Mannes, der 1916 zwei Zimmer in seinem Haus an der Zürcher Spiegelgasse 14 an einen russischen Exilanten namens Wladimir Iljitsch Lenin vermietet hatte.

Der Mann am Telefon hatte Kuratorin Meyer dessen Schreibtisch als Exponat angeboten. Der Vermieter hatte das Möbelstück behalten, als Lenin im Frühjahr 1917 zusammen mit anderen Exilanten in einem Zug nach Russland zurückkehrte, um dort wenige Monate später die Oktoberrevolution anzuzetteln.

Die Zugfahrt hatte Fritz Platten, Nationalrat und Zürcher Grossrat, organisiert. Seine Geschichte wird in der Ausstellung auch beleuchtet.

Käser für den Zaren

Lenins Schreibtisch steht exemplarisch dafür, wie verknüpft die Geschichte der Russischen Revolution mit der Schweiz ist. Die Ausstellung zeigt auf vielfältige Weise, in welchen Bereichen die Schweiz mit Russland und der Russischen Revolution Berührungspunkte hat.

Das zaristische Russland spielte für die Schweiz eine wichtige Rolle als Exportland. Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert wanderten 20'000 Schweizer nach Russland aus, um dort eine Existenz aufzubauen: Ärzte, Uhrmacher, Käser, Zuckerbäcker, Gouvernanten.

Gleichzeitig lebten Tausende Russen in der Schweiz: Russinnen konnten an Schweizer Universitäten studieren, politische Aktivisten waren vor der Verfolgung durch die Sicherheitskräfte des Zaren sicher.

Diese Aspekte werden in einem originellen Raum thematisiert: Fünf Holzhäuser beherbergen je einen Themenkreis. In einem Haus sind etwa Papiere der Konferenz von Zimmerwald zu sehen, in einem anderen die Titelseite einer "Schweizer Illustrierten" von 1916 mit Lenins Portrait. Historische Fotografien werden auf die Aussenwände projiziert.

Eine Perücke für Lenin

Zeittafeln und auffällige Exponate wie Lenins Perücke oder ein Fabergé-Ei mit Schweizer Uhrwerk bilden die Übergänge zwischen den verschiedenen Bereichen. Auf einer zweiten Ebene ziehen sich Bilder, Fotografien und Skulpturen russischer Künstler durch die Ausstellung.

Allein an ihnen lässt sich die Entwicklung der Revolution ablesen. Die Kunst ist roter Faden und Meta-Ebene zugleich.

Kernstück der Ausstellung ist ein Raum mit 26 grauen Schreibtischen und einer drei Meter hohen Lenin-Statue im optischen Fluchtpunkt. Im Raum illustrieren 250 Exponate vorwiegend aus Russland und Deutschland Bürgerkriege, Hungersnöte, Fortschritt und Terror in der Sowjetunion.

Die grauen Schreibtische sind gleichzeitig Vitrinen, an denen man sitzen und den Inhalt genau betrachten kann. Hier findet sich unter anderem eine originale Uniform der Roten Armee aus den ersten Revolutionstagen.

Briefe von Fritz Platten

Im letzten Bereich wartet die Ausstellung nochmals mit besonderen Dokumenten auf: Briefe von Fritz Platten aus dem Besitz eines St. Petersburger Museums. Platten hatte sie als Insasse eines Arbeitslagers verfasst. Bis kurz vor seiner Hinrichtung glaubte der ehemalige Weggefährte Lenins an ein Fehlurteil Stalins.

"Die Vorlaufzeit für die Ausstellung dauerte zwei Jahre", sagte Kuratorin Pascale Meyer gegenüber der Nachrichtenagentur sda. So erhielt das Landesmuseum viele Exponate, obwohl vor allem in Russland dieses Jahr auch zahlreiche Ausstellungen zum Thema stattfinden.

Die Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Museum in Berlin entstanden. Dort ist sie, in etwas anderer Form, im Herbst zu sehen. Zur Ausstellung erscheinen drei Kataloge. Die kostenlosen Audioguides sind in fünf Sprachen erhältlich, und für Schulklassen gibt es Material zum Download.

 www.landesmuseum.ch