Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

ZÜRICH: «Welten bauen» – manchmal besser als die Wirklichkeit

Eisenbahnfans dienen sie als Ersatzbefriedigung, Wissenschaftlern helfen sie beim Denken, und die Zukunft erhält mit ihnen ein Gesicht: Eine Ausstellung denkt über «Modelle» nach.
Der Swiss Vapeur Parc in Le Bouveret, Wallis: Hier werden grosse Eisenbahnträume im kleinen Modell wahr. (Bild: Stefan Jaeggi/Keystone)

Der Swiss Vapeur Parc in Le Bouveret, Wallis: Hier werden grosse Eisenbahnträume im kleinen Modell wahr. (Bild: Stefan Jaeggi/Keystone)

Julia Stephan

In einem Themenpark bei der chinesischen Stadt Shenzhen steht eine Kopie der Luzerner Kapellbrücke. Oder zumindest das, was man sich in China darunter vorstellt. Die «Interlaken Bridge» ist ein Beispiel für die Kitschgefahr, die von Modellen ausgeht, wird mit ihnen zu reinen Unterhaltungszwecken ein Stück Realität nachgebildet.

Um dieses Disneyland-Phänomen geht es in der Ausstellung im Zürcher Museum für Gestaltung nur bedingt. Hier beeindrucken die Modelle, die aus reiner Lust am Kopieren entstanden sind, durch ihre aufwendige Machart. Etwa das deutsche Schlachtschiff «Prinz Eugen», gefertigt vom Schweizer Thomas Grüninger als Kartonmodell im Massstab 1:250.

Der international angesehene Modellbauer gibt sich mit der Detailtreue kommerzieller Bausätze nie zufrieden. Grüninger ergänzt seine Schiffe mit liebevollen Details. Etwa mit Tauen, die sich kaum sichtbar über die Reling spannen. Mit dem Verb «supern» umschreibt man unter Eisenbahnmodellbauern diese Lust, serienmässig gebaute Modelle noch besser zu machen. Die Eisenbahnmodellsammlung des verstorbenen Montreux-Jazz-Festival-Gründers Claude Nobs, ebenfalls in Zürich zu sehen, weiss Bände von dieser Perfektionslust zu erzählen.

Die Welt in der Hosentasche

Die Ausstellung «Welten bauen» untersucht systematisch, welche Aufgaben Modelle in unserer Gesellschaft erfüllen. Verkleinert mögen sie Sehnsüchte nach einer Welt in der Hosentasche einlösen. Als 1:1-Nachbildungen können Modelle aber auch den Weg zu Neuerungen bahnen. Denn Modelle bilden längst nicht nur ab. Ihre abstrakte Oberfläche dient Architekten, Wissenschaftlern und Industriedesignern dazu, Wirklichkeit neu zu erfinden oder umzugestalten.

So lassen sich Prototypen besichtigen, die zur perfekten Form eines Design-Stuhls geführt haben. Ein im Massstab 1:1 nachgebautes Abteil des geplanten Neat-Hochgeschwindigkeitszuges Giruno zeigt, welche Vorteile ein handfestes Modell gegenüber computergenerierten Ansichten immer noch hat.

Auf die Materialwahl hat Kurator Andres Jansen ein besonderes Augenmerk gerichtet. Viele Designer und Architekten greifen immer noch zur Bastelschere, wenn sie Prototypen ihrer Arbeiten erstellen. Bei der verstorbenen britischen Architektin Zaha Hadid (1950–2016) hingegen ist das mit dem 3-D-Drucker erschaffene Architekturmodell mit einer glänzenden Goldpatina überzogen.

Filmreife Modelle

Die Präsentationsvideos von Hadids Bauprojekten wurden mit derselben Software entworfen, wie man sie in der Bilderfabrik Hollywood verwendet. So realistisch in Szene gesetzt, verfolgen diese Architekturmodelle auch einen repräsentativen Zweck. Wer auf einem Pressebild mit ihnen posiert, macht mit ihnen Politik.

Aussen vor gelassen hat die Ausstellung abstrakte Denkmodelle der Geisteswissenschaften. Ebenso fehlt ein Blick auf die Vergangenheit. Dafür wartet die Ausstellung mit einer spannenden Reihe von Objekten auf, die sich subversiv mit Modellen auseinandersetzen.

Durchhängende Brücken

So liess sich der US-Künstler Clement Valla für seine «Postcards from Google Earth» von fehlerhaften Darstellungen der Wirklichkeit auf Googles Landkarte inspirieren. In der Logik des Systems korrekt zusammengebaute Datensätze führen bei Google zu durchhängenden Brücken und sich abenteuerlich in die Luft schraubende Autobahnen. Von der Verwechslung des Modells mit der Wirklichkeit sind wir also noch weit entfernt.

Hinweis

Bis 8. Januar 2017: «Welten bauen – Modelle zum Entwerfen, Sammeln, Nachdenken» im Toni-Areal in Zürich. Info: www.museum-gestaltung.ch

Der Künstler Clement Valla sammelt bei Google Earth verunglückte Modelle der Wirklichkeit, hier im US-Bundesstaat Washington. (Bild: Clement Valla)

Der Künstler Clement Valla sammelt bei Google Earth verunglückte Modelle der Wirklichkeit, hier im US-Bundesstaat Washington. (Bild: Clement Valla)

Naoki Terada gestaltet für seine Architekturmodelle Alltagsszenen aus Papier. (Bild: Teradamokei)

Naoki Terada gestaltet für seine Architekturmodelle Alltagsszenen aus Papier. (Bild: Teradamokei)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.