Literatur
Neuer Dialekt-Roman des Luzerners Béla Rothenbühler: Zuerst ist er einem ja recht «sümpatisch»...

Béla Rothenbühlers Roman ist auf Luzerner Dialekt. Ein echtes Hindernis. Doch allmählich geht dem Lesenden ein Licht auf.

Arno Renggli
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Autor Béla Rothenbühler (1990 in Reussbühl geboren) erzielt mit dem Dialekt einen überraschenden Effekt.

Autor Béla Rothenbühler (1990 in Reussbühl geboren) erzielt mit dem Dialekt einen überraschenden Effekt.

Bild: Nicole Brugger/PD

Klar streuen wir in SMS, Whats­apps oder E-Mails Dialektwörter ein. Aber einen ganzen Roman auf Luzerner Deutsch lesen, das ist dann doch zunächst recht mühevoll. Und man fragt sich, was das überhaupt soll. Eine gute Story ist eine gute Story, was braucht es da das Handicap des Dialekts, das des Autors Absatzchancen ja auch noch geografisch einschränkt.

Béla Rothenbühler, Autor, Sänger, Songwriter und Mitglied des Theaterkollektiv Fetter Vetter & Oma Hommage, erzählt von einem Thomas Müller, der im Sommer 2018 in der titelgebenden «Provenzhauptschtadt» (Luzern) in den Tag (und in die Nacht) hineinlebt. Dabei helfen ihm seine WG-Kumpels, viel «Lile» (gemeint sind «Lillet»-Aperitifs), Besuche in der ländlichen Schwulen-WG eines befreundeten Hanfproduzenten plus die Fussball-WM, die er via «Pablic Viuing» mitverfolgt. Punkto Frauen verguckt er sich zum dritten Mal in eine Chantal. Gerne denkt er über das Leben von Schwalben nach (wobei es solche auch im Fussball oder im Zwischenmenschlichen gibt), aber auch über sein eigenes. Das ergibt dann ein Mitarbeiterselbstgespräch. Oder über verschiedene Kollegenkreise, die sich besser nicht tangieren sollten. Und darüber, dass man sich Freunde nicht aussuchen kann.

«Aso chönntsch schon, aber denn hättsch nömm so vell.»

Man wird auf eine falsche Fährte gelockt

Rasch wähnt man sich in einer buchförmigen Spoken-Word-Performance, wo einer eine Geschichte zum Besten gibt, episodenartig, mit Witz und sympathischen Figuren. Dazu trägt natürlich der Dialekt bei, in schriftlicher Form erheitern phonetisch eingeluzernerte Fremdwörter wie «Brönnsch», «Midläifkräisis» oder «Oupen Maik». Man lässt sich im Tempo der gesprochenen Rede (schneller kann man das nicht lesen) bestens unterhalten. Und gerät prompt auf die falsche Fährte.

Das beginnt man zu erahnen, als die Sache mit «Schanti 3», in die Thomas wie noch nie verliebt ist, unter skrupellosem Zutun seines besten Kumpels brutal schiefgeht. Und allmählich fragt man sich, ob der Held wirklich so sympathisch ist. Oder nicht eher beschränkt, gar ein wenig sexistisch, urban blasiert, ausländer- und schwulenfeindlich. Was er empört von sich weisen würde. Der «Schanti»-Schock lässt ihn dann gar paranoid werden, indem er systematische Parallelen zwischen seinem Leben und dem des Fussballers Thomas Müller ortet. Und als die Deutschen in der Vorrunde sensationell ausscheiden, gerät ein belgischer Kicker mit praktisch dem gleichen Namen in sein realitätsverzerrtes Visier.

Der Dialekt ermöglicht erst die Doppelbödigkeit

Die eingebildete Verbindung des Luzerner Thomas Müller mit den Fussballern ist einer von vielen tollen Einfällen, welche die Story ausmachen. Die überdimensionierte Spoken-Word-Nummer entpuppt sich als richtiger Roman. Und es wird klar, dass die Mundart nicht nur Vehikel für ein paar Orthografie-Gags ist. Nicht einmal nur der Hauptfigur mehr Authentizität und dem Text einen eigenen sprachlichen Sound verleiht, wie Béla Rothenbühler selber seine Motivation dafür umschreibt.

Nein, erst der Dialekt macht, dass der Text aus der heiteren Harmlosigkeit, die vorgibt, das ziellose Kifferleben des Helden als «Carpe diem»-Modell zu feiern, eine schleichende Wendung nimmt. Und dass hinter dem dialekt-verbrämten sympathischen Jedermann ein egozentrischer Versager zum Vorschein kommt. «Er ist ein Ekel», gibt Béla Rothenbühler auf unsere Anfrage unverblümt zu.

So subtil ist noch selten eine Hauptfigur demontiert worden, wie in diesem in jeder Hinsicht überraschenden Roman. Gerade dank dem Dialekt. Doch trägt dieser auch dazu bei, dass man bis zum Ende mit dem Luzerner Thomas Müller mitfühlt. Und hofft, dass es für ihn doch noch irgendwie gut herauskommt. Er ist halt doch einer von uns.

Béla Rothenbühler: Provenzhauptschtadt. Der gesunde Menschenversand, 177 S., Fr. 26.90.