ZUG: Wer saugt da an der Laterne?

Lustige Wesen bemächtigen sich der Stadt. Keine Laterne bleibt gerade, wenn sich das deutsche Künstlerpaar Venske &Spänle mit weissem Marmor auf die Rössliwiese wagt.

Merken
Drucken
Teilen
Die Skulptur «Myzot Nachtwächter» des Künstlerpaares Venske & Spänle steht nun drei Wochen lang auf der Rössliwiese. (Bild: Stefan Kaiser)

Die Skulptur «Myzot Nachtwächter» des Künstlerpaares Venske & Spänle steht nun drei Wochen lang auf der Rössliwiese. (Bild: Stefan Kaiser)

Susanne Holz

Es hat wohl etwas Überzeugungsarbeit gebraucht, doch schliesslich fasste sich die Stadt ein Herz: Sie gewährte dem Galeristen Silvan Faessler das Recht, die Künstler seiner aktuellen Ausstellung eine ihrer Skulpturen auf der Rössliwiese aufstellen zu lassen. Der Stadt, dem Galeristen und dem Künstlerpaar sei Dank – denn nun bringen drei Wochen lang rund 1200 Kilogramm an schönstem poliertem Laaser Marmor die Passanten aus dem Alltagstrott, lassen sie schmunzeln und sinnieren: Was ist das bloss für ein seltsames Wesen? Es glänzt so schön. Es scheint recht eigensinnig zu sein. Ein bisschen eklig aber auch. Immerhin saugt es vehement an einer Strassenlaterne, und diese ist schon ganz gebogen und kann sich des Marmorwesens nicht erwehren.

Was da derzeit auf der Rössliwiese zu sehen ist, nennt sich «Myzot Nachtwächter». Erschaffen haben diese Marmorskulptur die Künstler Julia Venske und Gregor Spänle. Die beiden, sie aus Berlin und er aus München, sind auch privat ein Paar. Da passt es, dass sie seit Jahrzehnten als Bildhauer so etwas wie eine grosse Familie erschaffen. Eine Familie mal kleinerer und mal grösserer lustiger Wesen. Aus Marmor. Unterteilt in Gattungen. Bedacht mit originellen Namen: Smörfs beispielsweise sind die kleinsten Wesen, sie begleiten die Menschen ständig und unauffällig – und erinnern an die winzigen Tierchen, die der Schwede Sven Nordqvist für seine Pettersson-und-Findus-Bücher erfunden hat.

Mit Humor einen Kontrast schaffen

Myzoten wie der «Nachtwächter» auf der Rössliwiese sind da schon grösser: Sie stehen aufrecht und ertasten den Raum oder Gegenstände mit ihren Saugnäpfen. Oder wie es der Künstler Gregor Spänle mit einem Lächeln formuliert: «Sie greifen sich entweder Objekte, Personen oder Glasscheiben.» Der Name Nachtwächter sei humorvoll zu deuten – wie alle dieser eigenwilligen Wesen, die das deutsche Künstlerpaar kreiert. Gregor Spänle erklärt, dass man mit Humor einen Kontrast schaffen wolle zu den hellen Marmorgestalten – einen Kontrast zu den «Big Guys», den «Macho-Steinskulpturen», zu tonnenschweren und meist maskulin anmutenden Bildhauerarbeiten.

Und der Humor des Künstlerpaars kommt an: Ihre Werke sind von New York bis Sydney, von Hokkaido bis Buenos Aires zu bewundern. Wer in Brooklyn beispielsweise den Gehsteig einer stark befahrenen Strasse entlanggeht, der muss aufpassen, nicht plötzlich über zwei grössere flache Marmorsmörfs zu stolpern. Diese «Doublesmörfs» liegen dort wie zufällig hingegossen, unschuldig und selbstbewusst wie kleine Kinder. «Smörfs sind sympathisch und simpel», sagt Gregor Spänle. «Sie definieren sich zunächst nur über eine Falte.» Schalkhaft fügt der 46-Jährige an: «Diese Wesen entwickeln sich, von Falte zu Falte werden sie barock.»

Raum für Fantasie

Galerist Silvan Faessler zeigt aktuelle Arbeiten des Künstlerpaars Venske&Spänle in seiner Einzelausstellung «Die Anderen». Im Showroom in der Vorstadt 18 ist beispielsweise auch ein aus Cervaiole-Marmor geschaffenes Wesen zu bestaunen, das sich in einem Hirschgeweih verfangen hat. «Ein urdeutsches Thema», finden die Künstler, «Geweih und Wald, der Raum für Fantasie und Interpretation ist hier unbegrenzt.» Nicht weit vom Geweih entfernt quillt es weiss und glänzend aus einer kleinen gelben Schachtel: Hartweizengriess war einst ihr Inhalt. «Zweimal Griessnockerln für die ganze Familie», merkt das Künstlerpaar an. Es habe gut geschmeckt. Nun fühlt sich eben ein zierliches und poliertes Marmorwesen in dieser Packung wohl.

Hinweis

«Die Anderen», Einzelausstellung von Venske &Spänle, im Showroom von Silvan Faessler, Vorstadt 18 in Zug, noch bis 23. Dezember.