Zum 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin: Im Leben gescheitert - als Dichter gefeiert?

Heute wird Friedrich Hölderlin als einer der grössten (der grösste?) deutschen Dichter gefeiert. Zu seinen Lebzeiten wurde er kaum gelesen. Die zweite Hälfte seines Lebens verbrachte er im Tübinger Turm beim Schreinermeister Zimmer. Er galt als geisteskrank. Anerkennung fand er erst später, erfahren hat er sie nicht mehr.

Christoph Bopp
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Heidelberg mit Schloss und Neckar-Brücke: Die Stadt inspirierte Hölderlin zu einem seiner schönsten Gedichte.

Heidelberg mit Schloss und Neckar-Brücke: Die Stadt inspirierte Hölderlin zu einem seiner schönsten Gedichte.

Undatiertes Gemälde von François Antoine Bossuet (1798-1889)

Irgendwann schreibt Hölderlin aus dem Tübinger Turm: «Verehrungswürdige Frau Mutter! Ich bitte Sie, dass Sie es nicht ungütig nehmen, dass ich Ihnen immer mit Briefen beschwerlich falle, die sehr kurz sind.» Ja, warum schreibt er denn? Spätestens der übernächste Satz wird sein: «Ich sehe, ich muss jetzt aufhören.»

Unterschreiben und schliessen wird er dann mit: «... nenne mich Ihren gehorsamsten Sohn Hölderlin.» 1807 hat den für unheilbar geisteskrank Erklärten der Schreinermeister Zimmer aufgenommen. Kost und Logis und wohlmeinende Betreuung und Verständnis («Er hat es niemand nicht sage könne, wo es ihm fehlt. Auch fehlt es ihm eigentlich an nix, an dem Zuviel, das er hatte, ischt er toll worde.») wurden ihm zuteil. Gestorben ist er 1843. Die Mutter hat ihn nie besucht.

Friedrich Hölderlin (1770-1843) als 22-Jähriger.

Friedrich Hölderlin (1770-1843) als 22-Jähriger. 

Pastellbild von Franz Carl Hiemer

Noch am 11. Dezember 1798 hatte er ihr geschrieben: «Darf ich’s Ihnen einmal sagen? Wenn ich oft in meinem Sinn verwildert war und ohne Ruhe mich umhertrieb unter den Menschen, so war’s nur darum, weil ich meinte, dass Sie keine Freude an mir hätten.»

Über die verquere Logik dieses Vorwurfs darf man nicht allzu lange nachdenken. Die Lage allerdings war klar. Die Mutter hatte das Geld, er hatte keins. Die Lage war klar, aber nicht einfach. Denn Hölderlin hatte die Schulen besuchen dürfen, als Stipendiat, unter der klaren Bedingung, dass er Pfarrer werden müsse.

Was Hölderlin werden und sein wollte, war Dichter. Eine solche Existenz war nicht unmöglich in jenen Tagen, aber Hölderlin war weit davon entfernt. Veröffentlicht hatte er nicht viel. Während seine Stiftskollegen Hegel und Schelling, die auch Hauslehrerstellen antreten mussten, dort aber fleissig publiziert hatten und Karriere machten an den Universitäten, hatte er nicht viel zu Stande gebracht.

Und so musste er der Mutter auf der Tasche liegen. Obwohl es eigentlich sein Geld war, das Erbe seines Vaters. Aber die Mutter hatte nach dem Tod des ersten Mannes wieder geheiratet. Und den zweiten Mann auch wieder verloren. Und sie dachte eher nicht daran, den Sohn in eine so unsichere Existenz zu entlassen. Pfarrer sein war doch etwas Rechtes. Fürs Dichten hatte sie null Verständnis.

Leiden und Jammern im privaten Leben und im Gedicht

Hölderlin als 55-Jähriger – da hatte er bereits fast 20 Jahre als Psychiatriepatient im Tübinger Turm verbracht.

Hölderlin als 55-Jähriger – da hatte er bereits fast 20 Jahre als Psychiatriepatient im Tübinger Turm verbracht.

Zeichnung von Johann Georg Schreiner

Unbestritten: Hölderlin hatte viel zu leiden. Und er war nicht der Einzige. Nicht nur Deutschland, ganz Europa hatte in Sachen Alphabetisierung und Bildung Fortschritte gemacht. Es gab eine recht grosse Gruppe junger Intellektueller, aber viel zu wenige Posten für sie. Und deshalb viele traurige Schicksale.

Hölderlin war kein Underperformer, sondern eine grosse dichterische Begabung. Noch in den Gelegenheitsgedichten aus dem Turm herrscht in der Sprache ein architektonischer Formwille, der seinesgleichen sucht. Er ist trotz der oft monotonen Semantik unübersehbar, wie wenn jemand die Kathedrale von Notre-Dame mit Haselnussstecken nachgebaut hätte.

«Sie konnten mich nicht brauchen», schreibt er einem Kollegen vor der Abreise zu einer Hauslehrerstelle in Bordeaux. Wofür und wozu weiss er allerdings selber nicht. «Wozu Dichter in dürftiger Zeit?» Diese Frage konnte ihm damals niemand beantworten.

Die meisten seiner Gedichte sind höchst anspruchsvoll. Sie werden allerdings nicht selten gerade deswegen gelesen. Heute. Zusammen mit dem elegischen Grundton, der ihnen eigen ist, verströmen sie eine merkwürdige Faszination. Da leidet wirklich einer an seiner Zeit. Es war die Zeit der Französischen Revolution und man kann es so sehen, dass sich Hölderlin der Bürgerlichkeit verweigert. Real im Leben und nicht ganz freiwillig, aber auch im Denken und im Habitus. Was seine Gedichte feiern, ist Gemeinschaft. Total.

Das Eine und das Ganze, Versöhnung und Harmonie

Hölderlin als über 70-jähriger Greis.

Hölderlin als über 70-jähriger Greis.

Zeichnung von Louise Keller (1842)

«Viel hat von Morgen an, / Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander, / Erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang.» Hölderlin bringt es in der Hymne «Friedensfeier» auf eine poetische Kurzformel. Das Gespräch entwickelt sich in Rede und Widerrede, der Gesang ist eine formvollendete Komposition, alles spricht aus einem Herzen.

Diesen Anspruch versucht er in seinen Riesengedichten zu verwirklichen: eine Struktur, in der alles zu allem eine Entsprechung hat, wo Laut, Klang, Metrum, Rhythmus und Sinn zur Einheit gebracht werden. Die Germanisten zerbrechen sich über den semantischen Dunkelheiten den Kopf, dabei wäre in der Gestalt des Gedichtes noch so viel zu erforschen.

Man hat heute viele Namen für diese Sehnsucht nach dem All-Einen, nach der Versöhnung. «Nostalgie» ist noch ein harmloser. Hölderlin fantasiert sich diese ursprüngliche Einheit ins klassische Griechenland. Dort herrscht Gemeinschaft und Edelmut und über allem die Schönheit.

Ein Volk in Eintracht, keine moderne Zerrissenheit mit Arbeitsteilung und sozialen Differenzen. «Echte Menschen», Helden, wenn es denn sein muss, Griechen, Ausnahmegestalten, Halbgötter – die Liste zeigt die Problematik deutlich. Solche und andere Sachen werden Hölderlin für die Nazis interessant machen.

Diese Aufgabe, das im Volk zu evozieren, stellt Hölderlin dem Dichter. Oder sich selbst. «Vaterländischer Gesang», auch das eine unheilvolle Formel, wenn auch ganz anders gemeint. Landschaft und Geschichte, da wohnen wir zeitlich und örtlich, sie soll das Gedicht zusammen erklingen lassen. Auf dass ein Gefühl der Gemeinschaft entstehe. Die Landschaft wird in der «Friedensfeier» zum Festsaal.

Oder die berühmte Stelle aus der Ode «Heidelberg»: «Wie von Göttern gesandt, fesselt’ ein Zauber einst / Auf die Brücke mich an ...» Es kommt zu einem Moment der grossen Umarmung: Der Dichter auf der Brücke, ihm «scheint die reizende Ferne» herein und unter ihm zieht der Strom «fort in die Ebne» – der Moment wird wirklich umfassend, nah und fern fallen zusammen und die Zeit steht still und vergeht: «Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu schön, / Liebend unterzugehen, / In die Fluten der Zeit sich wirft.»

Hölderlin – wieder einmal der Dichter in dürftiger Zeit?

«Die Poesie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war – Lehrerin der Menschheit.» Das haben Hölderlin, Hegel und Schelling als junge Stiftler einmal geschrieben. Nach einer «neuen Mythologie» stand ihnen der Sinn. Heute nennt man den Text «Das älteste Systemprogramm des Deutschen Idealismus», was ein bisschen grotesk klingt. Geschrieben hat es Hegel, es ist seine Handschrift, Stellen drin klingen an Gedanken an von Schelling und der Satz von der Poesie stammt unbezweifelbar von Hölderlin.

Die «Poesie als Lehrerin der Menschheit»? Manchmal würde man sich schon wünschen, dass die Menschheit sich einer Lehrerin fügen würde. Wer auch immer sie sei. Spricht sie überhaupt zur Menschheit? Die Kunst auf jeden Fall scheint es nicht (mehr) zu tun. Da macht man, was und wie es einem gefällt. Schon das Medium ist die Botschaft, sagt MacLuhan. Gibt es denn noch eine andere?

Grosse Dichtung hört – im Gegensatz zur Kunst – nie auf, grosse Dichtung zu sein. Homer werden wir – hoffentlich – nicht mehr vergessen. Und seine Nachfolger auch nicht. Die Sprache bringt uns an die Wirklichkeit, mit ihr verständigen wir uns über das Wirkliche – im Gespräch. Und die Dichtung zeigt immer noch eine Dimension mehr auf – der Gesang sagt mehr, als was einfach nur ist. Sondern manchmal das, was sein sollte oder könnte.