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Forum Neue Musik: Zum Saisonfinale gibt es auch Zukunftsfragen

Dem Forum Neue Musik gelingt in der Kunsthalle Luzern ein poetischer Saisonabschluss.
Katharina Thalmann
Das Publikum säumt den englischen Geiger David Sontòn Caflisch wie eine Allee. (Bild: Dominik Wunderli, Kunsthalle Luzern, 30. Juli 2019)

Das Publikum säumt den englischen Geiger David Sontòn Caflisch wie eine Allee. (Bild: Dominik Wunderli, Kunsthalle Luzern, 30. Juli 2019)

Weisses Neonlicht. Kreischende Drähte. Schwächliche Geigenmelodien. Klingt ungemütlich? War es quasi auch. Doch darin lag der Reiz des letzten Konzerts der Jubiläumssaison vom Forum Neue Musik Luzern. Die Kunsthalle Luzern bot am Dienstag die Abschlussbühne zur dreissigsten Konzertsaison. Mit Musik bespielt wurde sie vom Geiger David Sontòn Caflisch. Das Werk «one and only» konzipierte die Komponistin Asia Ahmetjanova eigens für diesen Anlass.

Sie machte die Kunsthalle zur Strassenkurve, das Publikum säumte den musikalischen Highway wie eine Allee. Am Boden lagen Zettel, vergilbt wirkendes Notenpapier, beschrieben mit enger Notation. Caflisch begab sich auf die Spur dieser Fetzen, ausgerüstet mit seiner Geige und einem kleinen Lautsprecher. Aus ihm drangen Geräusche, synthetische Klänge, hohe Töne. Doch das Wichtigste: Um Caflischs Füsse waren Drähte gewickelt. Er zog ein metallenes Dickicht hinter sich her, ein Wirrwarr aus Draht, Silberperlen, weissen Kugeln und bedeutsamen Worten.

Schmerz als Ausdruck von Unfreiheit?

Erwartung, Experte, Ausbildung, Prestige, Vorbild, Autorität, Meinungen. Mit all diesem Ballast schleppte sich der Performer hin und her, bis er alle Musikausschnitte durchgespielt hatte. Das war eine physische Leistung: Die Drähte nahmen ihm seine Bewegungsfreiheit, die Noten auf dem Boden zwangen ihn zu einer unbequem gekrümmten Haltung. Er spielte leise, die Schnipsel schienen aus Violinkonzerten, Etüden, Suiten oder Solostücken zu stammen, hie und da blitzte Bekanntes auf.

Wofür stand diese Figur? Schleppt sich der Musiker von Konzert zu Konzert, immer mit dem Gewicht der Erwartung an sich? Ist ein Künstler der Häftling seines Expertentums, seiner Ausbildung? Sucht er nach Prestige, will er Vorbild sein? Ist er ein in Ketten gelegter Geist, ist Musik eine vergangene Autorität? Vertritt er Meinungen oder hat er eigene? Fragen über Fragen. Die Antwort? Liegt wohl in Augen und Ohren der Betrachter. «one and only» war poetisch durch Reduziertheit und Langsamkeit, schmerzhaft durch Bewegungsrestriktion und Tragik.

Vor allem Stammpublikum mit zwei Ausnahmen

«one and only» war das letzte der elf Konzerte, die in der vergangenen Saison immer am Dreissigsten des Monats stattfanden. Ein Sahnehäubchen hätte das Konzert zum fiktiven 30. Februar werden sollen, das im Prinzip noch immer läuft. Es wurde beschrieben als audio-installative Intervention, als musikalisch-performative Aktion: Es gibt offensichtlich kein präzises Wort dafür. «Wünschelrutengänger auf Klangadersuche» heisst es auf der Homepage. Das klingt nach genrespezifischem Kalauer. Der 30. Februar bleibt ein eher interner Running Gag im Publikumskern des Forums.

Diese treue Gruppe an Zuhörerinnen und Zuhörern war es auch, welche die Konzerte vornehmlich besuchten. Urban Mäder, Präsident des Forums, sagt: «Das Publikum wird mit uns älter.» Ausnahmen seien laut der Geschäftsführerin Catherine Huth die Konzerte auf dem ­Seetalplatz am 30. September und in der Industriestrasse am 30. Juni gewesen. Auf dem Seetalplatz lehnten sich fünf E-Gitarren und zwei E-Bässe gegen den rauschenden Verkehr auf. Und in der Industriestrasse spielten mit Beatie Bossy sechs Lokalmatadors zur Tanznacht auf.

Wie weiter, da keine Marktnische mehr?

Nach dieser dichten Saison begibt sich das Forum im Herbst in eine Retraite. Es gibt laut Huth Zukunftsfragen: «Sind wir Produzenten? Oder Veranstalter?». Es gilt, den richtigen Platz für das Forum zu finden. Denn bei der Gründung vor drei Jahrzehnten füllte es eine Lücke, die Konzerte hatten viel Zulauf. Doch neue Musik ist inzwischen an der Hochschule zu hören, am Lucerne Festival, von zahllosen Ensembles an unterschiedlichsten Spielorten wie Mullbau, Neubad oder Kleintheater.

Die zukünftige Positionierung ist also eine Herausforderung. Und vielleicht traut sich das Forum Neue Musik Luzern, was sich David Sontòn Caflisch am Ende von «one and only» getraut hat: Er sammelte die alten Notenfetzen ein, entledigte sich seiner Fesseln – und rannte aus der Kunsthalle in die Zukunft.

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