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Ein Regisseur übernimmt einen Hof und macht ihn zum Musterbetrieb

Vom Dokumentarfilmer zum Landwirt: Mit «The Biggest Little Farm» landete John Chester einen Publikumshit.
Interview: André Wesche
Landwirt und Dokumentarfilmer John Chester mit Hund Todd. Bild: Impuls Pictures

Landwirt und Dokumentarfilmer John Chester mit Hund Todd. Bild: Impuls Pictures

Als Regisseur hat John Chester preisgekrönte Dokumentationen über Jockeys und Rockstars gedreht, während seine Frau Molly, eine Food-Bloggerin, ein paar Blumenkübel auf dem Balkon ihrer Grossstadtwohnung bewirtschaftete. Mit diesen Qualifikationen im Hintergrund erwarben die Chesters 81 Hektaren Ackerland und stampften in Kalifornien einen mustergültigen, nachhaltig wirtschaftenden Hof aus dem Boden. Die Doku «The Biggest Little Farm» zeichnet den Weg des Familienbetriebs nach, der über weite Strecken auch ein Leidensweg war – kurzweilig, lehrreich, anrührend und vor allem sehr ehrlich.

Ihr Film ist nicht gerade ein Werbefilm für den Start ins Bauernleben. War es eines Ihrer Ziele, unrealistische Träumer von diesem Abenteuer abzuhalten?

John Chester: Nein. Ich denke, der Film zeichnet ein realistisches, ehrliches und ungeschminktes Porträt der Mühsal, die Landwirtschaft in Co-Existenz mit der Natur mit sich bringen kann. Es zeigt die umfassenden, unendlichen Möglichkeiten, eine Farm in ein biologisch vielfältiges Ökosystem zu integrieren. In den letzten 75 Jahren haben wir die Möglichkeit vergessen oder ignoriert, ohne Chemikalien zu wirtschaften, die Kollateralschäden und Zerstörung anrichten. Ich wollte eine Perspektive aufzeigen, wie man wieder zur Natur zurückzukehren kann.

Wie oft hatten Sie und Ihre Frau in den ersten Jahren tränenreiche Nächte?

Oh Gott, sehr häufig. Besonders im dritten und vierten Jahr, der wohl härtesten Zeit. Wir wussten nicht, dass die Urbarmachung umso länger dauern würde, je erschöpfter das Land und je weniger biologische Vielfältigkeit vorhanden ist. Jeder Boden ist anders, und es dauert, bis man ihn erneuern kann. Es gab viele schwierige Unterhaltungen und Streitereien. Wir waren manchmal so sehr mit dem Streiten beschäftigt, dass ich nicht filmen konnte.

Könnte Ihr Modell der biologischen Landwirtschaft grundsätzlich überall funktionieren?

Ich würde es nicht biologisch nennen, sondern erneuerbar. Unsere spezifischen Methoden stehen nicht im Vordergrund, sie würden aber auch nicht überall funktionieren. Was im Allgemeinen funktioniert, ist das Wiederherstellen der biologischen Vielfalt und der Gesundheit des Bodens als Lebensraum. Das Ziel ist eine grösstmögliche biologische Vielfalt. Im Wesentlichen ist es die Nachahmung eines gesunden, natürlichen Ökosystems. Viele Höfe überall auf der Welt setzen diese Techniken bereits seit Jahrzehnten ein. Man hat nur selten davon gehört, weil diese Bauern keine Geschichtenerzähler oder Filmemacher sind. Es ist nicht mein Ziel, Bauern dafür an den Pranger zu stellen, ob sie es tun oder nicht. Es geht darum, die Öffentlichkeit zu informieren. Wenn die Öffentlichkeit daran glaubt, wird sie diese Art von Betrieben aktiv unterstützen.

In der Schweiz erleben wir einen grossen Trend zu Produkten aus lokalem, biologischem Anbau. Wie würden Sie die Situation in den USA beschreiben?

Die Gemeinschaft, die auf lokale und saisonale Ernährung Wert legt, wächst sehr stark. Es ist unglaublich, dass unsere Nahrungsmittel stets ausverkauft sind. Das ist der grösste Indikator für unseren Erfolg. Wir verkaufen alles, nichts landet im Abfall. Ich denke, dass in den USA, aber auch in vielen anderen Ländern, ein grosses Verständnis für die biologischen und ökologischen Auswirkungen besteht, die Bauernbetriebe auf die Umwelt haben. Ausserdem schmeckt dieses Essen einfach besser.

In Kalifornien können Sie die Auswirkungen des Klimawandels spüren. Fühlen Sie sich manchmal hilflos, weil Sie Ihr kleines Paradies nicht davor schützen können?

Absolut. Nur weil unsere Absichten selbstlos sind, heisst das noch lange nicht, dass wir vor der Vergänglichkeit des Lebens geschützt sind. Unser Hof hat keinen Freibrief, der uns vor der Auslöschung durch die Naturgewalten schützt. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es reine Glückssache, wo ein Feuer anfängt und wo die Winde es hintreiben. Zwei der grössten Feuer, die es in Kalifornien je gegeben hat, sind nur ein paar Kilometer von unserem Hof entfernt ausgebrochen.

Haben Sie sich in den letzten Jahren zu einer spirituellen oder demütigen Person entwickelt?

Ich glaube, mir wurde oft genug in den Hintern getreten. Dadurch habe ich verstanden, dass der einzige Weg, um die Angst, Sorge, Frustration und Beschämung durchzustehen, in einer respektvollen Demut besteht. Ich habe jene Methoden der Landwirtschaft angewandt, die einen erneuerbar und ökologisch denkenden Landwirt zu einem Bauern machen: Beobachtung, Kreativität, Demut. Es ist befreiend zu wissen, dass man nicht alle Antworten hat. Man muss tief in die Natur schauen und die Zeit abwarten, die es braucht, um die Antworten zu finden. Und man muss mit der Peinlichkeit des Versagens klarkommen.

Wenn sie zurückblicken: War es ein Akt des Wahnsinns, sich in dieses Abenteuer zu stürzen? Und würden Sie es wieder tun?

Mit dem Wissen von heute würde ich es wieder tun. Wenn ich damals schon gewusst hätte, was ich alles würde durchstehen müssen, dann wäre es keine einfache Entscheidung gewesen. Ich denke, dass wir einen grossen Teil unseres Lebens damit verbringen, einen Sinn und eine Bestimmung zu suchen. Es gibt diese eine Sache, die wir oft nicht wirklich verfolgen, die für mich aber die Grundlage für Zufriedenheit und Fröhlichkeit ist. Und das ist die Wiederherstellung unserer Verbindung zur Natur und das Verstehen der Abhängigkeiten, in denen wir leben. Das ist der schönste Pfad zu Sinn und Bestimmung und das am wenigsten erwartete Ergebnis unserer Erfahrung.

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