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ZURICH FILM FESTIVAL: «Borg/McEnroe»: Rivalen sind sie nur auf dem Platz

Am Donnerstag beginnt das 13. Zurich Film Festival. Wir stellen den ­ Eröffnungsfilm «Borg/McEnroe» vor und sagen, weshalb es sich lohnt, nach Zürich zu fahren.
Regina Grüter
Gentleman Björn Borg (Sverrir Gudnason, rechts) und Rebell John McEnroe (Shia LaBeouf). (Bild: Ascot)

Gentleman Björn Borg (Sverrir Gudnason, rechts) und Rebell John McEnroe (Shia LaBeouf). (Bild: Ascot)

Regina Grüter

Björn Borg (Sverrir Gudnason) ist ein Rockstar. Jedenfalls wird er gefeiert wie einer. John McEnroe (Shia LaBeouf) ist der junge Rebell im Tenniszirkus. Schwedischer Gentleman und amerikanisches Enfant terrible, im Wimbledon-Final von 1980 sollten die beiden gemeinsam Tennisgeschichte schreiben. Das legendäre Match bildet die Klammer für den Spielfilm «Borg/McEnroe», der am Freitag das 13. Zurich Film Festival eröffnen wird.

Die erste Filmzeit widmet sich ganz Björn Borg. John McEnroe bekommt erst allmählich etwas Kontur. Eine Rückblende zeigt den jungen Björn (Borgs Sohn Leo) in Home-Video-Manier, wie er Bälle gegen das Garagentor schlägt. Dann die von Zwangshandlungen und Aberglaube geprägte Gegenwart. Der Druck, der auf dem fünffachen Wimbledonsieger lastet, ist immens. Und ohne Rituale gewinnen die Angst und die Panik überhand.

Kaltes Hotelzimmer versus heisse Londoner Clubs

Dass der Fokus anfänglich stark auf Borg liegt, ist nötig, denn eigentlich, so die Dramaturgie des Films von Regisseur Janus Metz und Drehbuchautor Ronnie Sandahl, ist die angebliche Gegensätzlichkeit der Spieler reine Illusion. Auch Björn Borgs ungestümes Wesen musste erst noch gezähmt werden. Diese Rolle kommt dem Trainer Lennart Bergelin (Stellan Skarsgård) zu, der seinen Schützling ganz auf die Philosophie «Kopf ausschalten, ein Punkt nach dem anderen» trimmt. Kein Sex vor einem Match, Puls tief halten. Am Vorabend legen sie an die 50 Rackets auf dem Hotelzimmerteppich aus und wählen, indem sie barfuss darüber gehen, die am besten gespannten aus. Borgs Leben scheint absolut fremdbestimmt und bekommt so eine durchaus tragische Komponente. Er wirkt wie ein Schatten seiner selbst, auch dann, wenn er mal ansatzweise wütend ist.

Tennis als Religion? Auch für John McEnroe gilt einzig und allein der Sieg. Und schon seit er ein kleiner Junge war, ist Björn Borg sein Idol. Doch während der damals grösste Tennisspieler seiner Zeit die Nacht allein im kalten, stillen Hotelzimmer verbringt, zieht der neue Star am Tennishimmel mit Kumpels und Groupies durch die Londoner Clubs oder hört die Ramones auf seinem Walkman.

Wimbledon-Final 1980 ­ in 20 Minuten

«Borg/McEnroe» ist lange ein Duell ohne direkten Kontakt. Alles ist auf die Konfrontation auf dem Tennisplatz ausgerichtet, auf ein Ereignis also, dessen Ausgang den meisten bekannt sein dürfte. Die rund zwanzigminütige Sequenz besitzt einigen Unterhaltungswert und baut mit schnellen Schnitten und Handkamera Spannung auf, wo eigentlich keine ist. Interessant ist eben auch, was neben dem Platz geschieht – die Reaktionen auf der Tribüne und die der Kommentatoren (der Schwede zündet sich schon mal eine Zigarre an).

Von den Medien derart gegensätzlich dargestellt, betreibt der Däne Janus Metz («Armadillo») eine Art Geschichtsbereinigung und zeigt, dass die Rivalen mehr gemeinsam haben, als man gemeinhin denkt. Dass McEnroe und Borg später beste Freunde wurden, spricht dafür. Die Ursachen für McEnroes Aggressionen werden in seiner Kindheit gesucht, bei Borg hingegen ist nur wichtig, dass er sie hatte. So erreicht «Borg/McEnroe» bei weitem nicht die Kraft eines «Raging Bull», an dem sich Metz scheinbar orientierte. Und auch nicht die eines «Rush». Dafür bleiben die Figuren insgesamt zu blass, weil zu viel Energie auf einen Scheinkonflikt verwendet wird.

Hinweis

Vorstellung vom Fr, 29. 9., ausverkauft, weitere Vorführungen: Mi, 4. 10., 18.45 Uhr, Fr, 6. 10., 20.45 Uhr; ab 12. 10. im Kino.

13. ZFF, 28. September bis 8. Oktober. Infos/VV: www.zff.com.

Was läuft sonst noch?

Eine Stunde mit Glenn Close

In moderierten Gesprächen im Filmpodium reden Stars über ihre Arbeit und blicken auf ihr Schaffen zurück. Eine Gelegenheit, knapp eine Stunde den Schauspielerinnen Glenn Close (2. 10.) und Alicia Vikander (29. 9.) zu lauschen. Oder zu hören, was «When Harry Met Sally»-Regisseur Rob Reiner (30. 9.) zu sagen hat. Schauspieler Andy Serkis, (7. 10.) wird unter anderem sein Regiedebüt «Breathe» erläutern – am ZFF zu sehen. (as)

Vielversprechende Talente entdecken

In drei Kategorien gibt es einen Wettbewerb: internationales Kino, Filme aus
der Schweiz, Österreich und Deutschland sowie Dokumentarfilme. Diese Programme laden dazu ein, oft noch wenig bekannte Filmschaffende zu entdecken. Zum Beispiel «Gook», das autobiografisch gefärbte Drama des in den USA lebenden Koreaners Justin Chon. Der Schwarz-Weissfilm spielt im Los Angeles von 1992 und dreht sich um eine koreanische Familie, die während der Unruhen zwischen die Fronten von Schwarzen und Weissen gerät. Eine lyrische Coming-of-Age-Geschichte erzählt «Blue My Mind» von Lisa Brühlmann, deren Film aktuell auch am Festival in San Sebastian läuft. Die Zürcherin begann als Schauspielerin und hat hiermit nach mehreren Kurzfilmen ihren ersten Langspielfilm realisiert. (as)

Die Ungarn sind zurück

Die zarte Aussenseiter-Liebesgeschichte «On Body And Soul» von Ildikó Enyedi wurde heuer mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Überhaupt macht das junge ungarische Kino mit inhaltlich und formal aussergewöhnlichen Werken wieder international von sich reden. Das ZFF zeigt 18 Filme, darunter auch die Rassismus-Parabel «White God» oder das oscarprämierte Holocaust-Drama «Son Of Saul». (reg)

Das Fernsehen kommt ins Kino

Unterwegs in den Strassen von Berlins Neukölln mit einem libanesischen Clanchef («4 Blocks») oder im kargen Norden Norwegens einem Mörder auf der Spur («Monster»): Nach Cannes und Venedig bezieht auch Zürich Fernsehproduktionen ins Programm mit ein – in Form von Serien, die aktuell im Gespräch sind. Zwei kommen aus den USA, die Mystery-Kurzfilm-Serie «Pineapple», die an David Lynch erinnern soll, und die Superhelden-Satire «The Tick» (Amazon). In der israelischen Thriller-Serie «Your Honor» schliesslich verstrickt sich ein aufstrebender Richter immer tiefer in kriminelle Machenschaften, um seinen Sohn zu retten. Je nach Länge werden einzelne Episoden oder die Serie in voller Länge gezeigt. Der Eintritt zu allen Vorstellungen in dieser Sektion ist frei. (reg)

Weltpremiere für Rolf Lyssy

Ausser Konkurrenz Eigentlich hätte man die neue Komödie von Rolf Lyssy («Die Schweizermacher») auf der Piazza Grande von Locarno erwartet. Nun hat Zürich die Ehre, am 4. Oktober die Premiere von «Die letzte Pointe» zu feiern. Das passt freilich ideal. Der neue Film des 81-jährigen Zürcher Regisseurs wurde auch in Zürich und Umgebung gedreht. Die charmante Komödie behandelt ein ernstes Thema: Es geht um Sterbehilfe. (as)

Immer ruhig, immer aufgebracht: Gentleman Björn Borg (Sverrir Gudnason, rechts) und Rebell John MacEnroe (Shia LaBeouf). (Bild: Ascot)

Immer ruhig, immer aufgebracht: Gentleman Björn Borg (Sverrir Gudnason, rechts) und Rebell John MacEnroe (Shia LaBeouf). (Bild: Ascot)

Immer ruhig: Gentleman Björn Borg (Sverrir Gudnason). (Bild: Ascot)

Immer ruhig: Gentleman Björn Borg (Sverrir Gudnason). (Bild: Ascot)

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