ZURICH FILM FESTIVAL: Jake Gyllenhaal sucht die Angst

Alle lieben Jake Gyllenhaal. Seine Rollen sind so divers wie seine Filme. Die sind in der Regel grossartig. Der Hollywoodstar ist ein bescheidener Arbeiter, der auch als Produzent für seine Filme kämpft.

Regina Grüter
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US-Schauspieler Jake Gyllenhaal hat in Zürich einen Golden Eye Award erhalten. (Bild: Ennio Leanza/Keystone)

US-Schauspieler Jake Gyllenhaal hat in Zürich einen Golden Eye Award erhalten. (Bild: Ennio Leanza/Keystone)

Regina Grüter

«Gott, ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, einen Film über sich selbst zu sehen!», sagt Jake Gyllenhaal. Der 37-jährige US-Schauspieler war am Dienstag in Zürich, um einen Golden Eye Award entgegenzunehmen. Besonders am Herzen aber liegt ihm sein neuer Film «Stronger», für den er jeden erdenklichen Aufwand in Kauf zu nehmen scheint. Als Produzent und Darsteller erzählt Gyllenhaal die Geschichte von Jeff Bauman, der beim Bombenattentat auf den Boston-Marathon im April 2013 beide Beine verloren hat. Jeff wollte seine Freundin zurückgewinnen, mit einem Transparent an der Ziellinie wartend.

Baumans Foto, unmittelbar nach dem Anschlag aufgenommen, ging um die Welt. Auch Jake Gyllenhaal hat es gesehn. Heute sind die beiden beste Freunde. Jeff Bauman ist in New York, Jake Gyllenhaal in Zürich, nachdem die beiden überall zusammen für den Film geworben haben. «Wir vermissen den Humor sehr, den Jeff einbringt. Im Vergleich zu ihm bin ich humorlos. Sie würden weitaus mehr lachen, wenn er hier wäre», meint Gyllenhaal charmant.

Echte Schauplätze, ­ echtes Spitalpersonal

«Stronger» ist ein sehr amerikanischer Film über eine verwundete Stadt. Gleichzeitig und viel stärker behandelt er das ausserordentliche Schicksal eines zum Helden stilisierten Einzelnen. Die Familie und die Beziehungen werden kraftvoll ins Zentrum gestellt. Ungeschönt, ehrlich. «Ich fühlte eine riesige Verantwortung gegenüber Jeff, die Story, seinen Kampf zurück ins Leben, richtig zu erzählen. Das hiess auch, nicht vor Dingen zurückzuschrecken, die tatsächlich passierten. Alles, was für mich zählte, war, dass er den Film mag und glaubt, dass er ehrlich ist», so Gyllenhaal. Mittlerweile habe Jeff den Film vier-, fünfmal gesehen und möge ihn tatsächlich. Ein grosses Kompliment für jemanden aus Boston, scherzt Gyllenhaal.

Fast ein Jahr hat der Schauspieler mit Jeff Bauman und seiner Familie verbracht, der Drehbuchautor eineinhalb. Mikroskopische Arbeit sei dem Dreh vorangegangen; viel, viel Zeit, um das Verhalten von Jeff, seiner Freundin Erin und der Familie zu beobachten; da mit ihnen hinzugehen, wo sie hingingen, um die echten Schauplätze kennen zu lernen – Jeffs Arbeitsplatz, ein Supermarkt, die Kneipe, wo er sich die Spiele der Red Sox’ ansieht; Spital und Ärzte. Das Spitalpersonal im Film ist das echte Personal. Mit David Gordon Green («George Washington», «All the Real Girls») hätten sie einen Regisseur gefunden mit einer guten Balance zwischen Tragik und Komik, Sinn für Humor und dem Hunger, an Orte vorzudringen, wo er noch nicht war.

«Ich suche mir Rollen aus, die mir die Möglichkeit geben, mich emotional in Bereiche zu begeben, die mir Angst machen.» Inzwischen hat Gyllenhaal «Wildlife», das Regiedébut von Schauspielkollege Paul Dano, abgedreht. Auch «The Sisters Brothers», ein Western des Franzosen Jacques Audiard («Un prophet», «De rouille et d’os») ist in der Postproduktion. Audiard sei auch einer seiner Lieblingsregisseure, meint Gyllenhaal, und: «In einem seiner Filme mitzuspielen ist eine der besten Erfahrungen meiner Karriere.» Man muss ihn einfach lieben, nicht nur dafür.

Work/Life nicht ganz im Gleichgewicht

Jake Gyllenhaal ist zweifelsohne einer der besten Schauspieler seiner Generation. «Donnie Darko», «Brokeback Mountain», «Zodiac», «Prisoners», «Nightcrawler», «Nocturnal Animals», diese Filme leben mit und durch ihn. Auch wenn er das Attribut «mutig» in erster Linie nur für seine Schauspielkolleginnen Tatiana Maslany als Erin und Miranda Richardson als Jeffs Mutter gelten lässt, auch Jake Gyllenhaal ist unerschrocken in seinem Beruf. Alle drei müssten für ihre Performance in «Stronger» mit einer Oscar-Nomination belohnt werden. Für Gyllenhaal wäre es die zweite.

Als Mensch wirkt Jake Gyllenhaal, der aus einer Filmfamilie stammt, sehr sanftmütig und bescheiden, nett und zuvorkommend. Er bewundere Schauspieler und Künstler, die ihrem Leben genau so viel Zeit widmen würden wie ihrer Arbeit, sagte er vor ein paar Jahren. Ist er dieser Maxime durch «Stronger» nähergekommen? «Alle in meiner Familie haben immer hart gearbeitet. Dieser Arbeitsethik fühle ich mich stark verpflichtet. Meine Arbeit füllt mich zu einem grossen Teil aus. Doch ich bin dran!»

«Stronger»: Samstag, 15.45 Uhr, Corso 1. Tickets: www.zff.com. Kinostart ist noch offen.