Zuschauer tauchen ein ins Echo des Wassers

Die «Freie Szene» bringt auch im Bereich Musiktheater immer wieder hochstehende Projekte hervor. Im Neubadbecken verführt eine Performance-Oper mit Poesie, Meeresrauschen und der Verwirrung der Sinne. Eine Empfehlung.

Roman Kühne
Merken
Drucken
Teilen
Ausgezeichnete Besetzung: Schauspieler Graham F. Valentine, Sängerin Maja Bader (Bild: Ingo Höhn)

Ausgezeichnete Besetzung: Schauspieler Graham F. Valentine, Sängerin Maja Bader (Bild: Ingo Höhn)

Am Anfang ist der Nebel. Fast tastend bewegt sich der Zuschauer, ein Suchender, den Lichtern entlang. Surreal, verführerisch und fremd zugleich. Ein Übergang aus dem hier und jetzt in das immer und ewig. Tief tauchen die Gäste, darunter auch viele junge Zuschauer, hinunter in das grosse Neubadbecken, hinein in die imaginäre Welt aus Wasser, Nixen, Sirenen, Geschichten und Erzählungen.

Aus dem schaukelnden Nebel-Wasser erklingen in der Musiktheater-Produktion «Ê KÔ DÔ – mon âme» die ersten Töne, «My jolly sailor bold». Hoch über den Sitzenden. Ein Song, mit dem schon in Pirates of the Caribbean die Meerjungfrauen die Segler lockten. Glasklar, scheinbar für immer weiterhallend, dringt eine Sopranstimme durch den Dampf. Und im Gegensatz zum Film, wo die rufenden Holden sich in Bestien verwandeln, spürt die Aufführung vom Freitagabend im Luzerner Neubad den geheimnisvollen, schattenhaften Seiten dieser Sagen nach.

Gab es die Meernixen wirklich?

«Mir fiel auf, dass es in fast allen Musikepochen Komponisten gab, die das Thema Meer und Meernixen aufnahmen», sagt die Luzerner Sopranistin und Mit-Initiantin des Projektes, Maja Bader. «Auch gibt es ganz viele Texte, poetische Zeilen oder wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Heinrich von Kleist, Paracelsus oder Ingeborg Bachmann sind nur ein paar der Namen, die über Meereswesen schrieben.» Texte, die der Schauspieler Graham F. Valentine mit der richtigen Balance aus Ernsthaftigkeit und Mystik vorträgt.

Der grosse Schauspieler, der seit 40 Jahren mit Christoph Marthaler zusammenarbeitet, ist ein Glücksfall für diese Produktion. Mit Ernst und Würde trägt er die wissenschaftlichen Befunde und Sezierberichte über die Wasserwesen und Sirenen vor. Gibt den Texten gerade mit seiner Besonnenheit Absurdität und Abgrund. Da ist die Rede von ganzen Schiffsmannschaften, die dem betörenden Gesange lauschten. Von gefangenen Meerjungfrauen, welche im Wasser des Burggrabens verschwinden. Geschichten aus einer anderen Zeit, die lebendig durch das Neubad von Heute wehen.

Aber auch sonst ist die Produktion ausgezeichnet besetzt. Ina Callejas am Akkordeon, Leonhard Dering am Klavier und Joachim Müller-Crépon am Cello zeichnen empfindsam die unwirkliche Tiefenwelt. Immer wieder wechseln die drei Musiker den Platz. Von allen Richtungen mischen sich die Klänge in den Nebel ein. Vertikal und Horizontal vermengen sich. Ein unendliches Fliessen und Tragen, ein musikalischer Boden, der den Schauspieler und die Sängerin einhüllt.

Ein sinnliches Gesamtkunstwerk

Die Sopranistin Maja Bader, die bald ihren Master Abschluss in Luzern macht, liefert die perfekte Stimme für diese unwirkliche Transzendenz. Klar, durchlässig und tragend singt sie Kompositionen von Brahms über Berlioz und Honegger bis hin zu alten englischen Balladen und Ausschnitten aus Opern von Dvořák («Rusalka») und Purcell («King Arthur»). Die Stücke verstärken das Gefühl des Scheins. Nebel, Musik und Theater verquirlen sich zu einem kaum fassbaren Ganzen.

Die Dramaturgie von Laura Ritzenfeld kommt mit wenig aus. Milchige Plastikplachen teilen flexibel den Boden des Schwimmbeckens. Die Lichtregie setzt punktuell und sinnstiftend Akzente. Zwar gibt es Längen, wenn ähnlich klingende Kompositionen den gewollten Effekt des Zeitlosen und Entrückten verstärken. Dafür wird das offene Ohr und Auge in den meditativen neunzig Minuten reich beschenkt. Ein Spiel mit der menschlichen Seele, brüchig und suchend, das viele Sinne fordert: Schon der Titel nimmt dies auf. «Ê KÔ DÔ» ist die phonetische Schreibweise für «eco d’eau», das Echo des Wassers, das wohl noch länger im Innern der Zuschauer hallt. Sehr zu empfehlen.

«Ê KÔ DÔ – mon âme»: Samstag und Mittwoch, 22. und 26. Juni, 21.15 Uhr, Neubad Luzern. www.neubad.com