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Kunstmuseum Luzern: Zwei Blicke auf Masse und Macht

Was kommt nach Turner? Das Kunstmuseum Luzern lässt in der aktuellen Ausstellung "Nella Società, In Gesellschaft" zwei Künstler die Gegenwart reflektieren: einmal ist es die verspielte Sicht von Giulia Piscitelli, einmal die analytische Herangehensweise von Clemens von Wedemeyer.
Susanne Holz
Beten universell. Werk von Giulia Piscitelli, 2019: "Una nuvola come tappeto", Holz, Gebetsteppich. Bild: Jakob Ineichen (Luzern, 31. Oktober 2019)

Beten universell. Werk von Giulia Piscitelli, 2019: "Una nuvola come tappeto", Holz, Gebetsteppich. Bild: Jakob Ineichen (Luzern, 31. Oktober 2019)

William Turners traumwandlerisch vertiefte Darstellungen von Wasser und Fels in den Sälen des Kunstmuseum Luzern sind Vergangenheit. Und nun? Folgt nach dem grossen Briten aus dem 19. Jahrhundert eine Ausstellung mit einer italienischen Künstlerin, Jahrgang 1965, und einem deutschen Künstler, Jahrgang 1974.

«Auf Turner folgt nun bewusst politische Kunst, die sich explizit mit Gesellschaft beschäftigt.»

So sagt diesen Donnerstag, einen Tag vor der Vernissage von «Nella Società, In Gesellschaft», Fanni Fetzer, Kuratorin dieser Ausstellung und Direktorin des Kunstmuseum Luzern.

Wobei Fanni Fetzer mit diesen zwei Künstlern zwei ganz unterschiedliche Sichtweisen auf die Gesellschaft unter einem Dach vereint: der eine Blick ist verspielt, der andere analytisch. Und der verspielte Blick der Neapolitanerin Giulia Piscitelli ist es, der beim Betreten des grossen Saals sofort begeistert und jede mögliche Wehmut nach den Meisterwerken Turners vergessen macht.

So schön sieht der Frieden zwischen Religionen aus

Denn was man sieht, ist völlig überraschend und fast schon zwingend genial: Ohne erkennbare Ordnung stehen eine ganze Reihe identisch gebaute katholische Kniebänke, filigrane Beichtstühle, im Saal. Überzogen sind sie mit den verschiedensten Stoffen muslimischer Gebetsteppiche – bunt gemusterter Samt in den fröhlichsten Farben. So schön also könnte der Frieden zwischen den Religionen oder auch gleich ihre Vereinigung aussehen. Giulia Piscitelli jedenfalls bringt einen auf den ersten Blick ins Träumen. «Gemäss Piscitelli soll Kunst so schön und sinnlich sein, dass jeder einen Zugang zu ihr findet – gleichzeitig brauche es aber noch mehr, nämlich die Gedanken hinter der Kunst», gibt Fanni Fetzer die Philosophie der Neapolitanerin weiter.

«In ihren Werken springen uns Assoziationen an mit der Kraft der dunklen Poesie», schreibt die Kunstwissenschafterin Bice Curiger in ihrem Katalogtext. Was assoziiert man mit dem schwarzen Damenschuh, aus dessen Sohle Stahlnägel ragen? Das Kunstwerk liegt am Boden am Rand des zweiten Saals. Wer hat den Schuh verloren, bei welcher Gelegenheit? Und war es leidvoll?

Piscitelli stammt aus einfachen Verhältnissen – «aber sie wehrt sich gegen die Instrumentalisierung armer Leute», sagt Fanni Fetzer, die ihren Katalogtext mit «Politik des Alltags» betitelt hat. Die ästhetischen Vorlieben Piscitellis sieht Fetzer in positivem Widerspruch zum «harten, gesellschaftlich relevanten Inhalt der Werke»: «Es bleibt immer genügend Schmutz in ihrer Kunst, um weder Überhöhung noch Verkitschung zu betreiben.»

Man möchte hinzufügen: und es bleibt Genialität. Genial die schusssichere Weste, gezogen aus dem Müll und umgenäht zum Priestergewand: hier schützt Gott, beziehungsweise der Glaube an ihn. Genial das Video, das einen Mann beim Auseinanderfräsen eines Revolvers zeigt – daneben an der Wand ein Flacon mit der Asche der Waffe darin. «Disarmo», Entwaffnung, so der Titel.

Massen: einfacher zu programmieren als Individuen

Und den analytischen Blick? Den liefert der deutsche Filmemacher und Videokünstler Clemens von Wedemeyer: Er reflektiert hier die Gegenwart, indem er die Lenkung von Massen untersucht. Als Folie dient Wedemeyer Elias Canettis Klassiker «Masse und Macht» von 1960. Wedemeyer hat für diese Ausstellung unter anderem einen Film in den leeren Räumen des Museums gedreht: Mit 100 Statisten – Mitgliedern der Kunstgesellschaft Luzern – wurde die Evakuation einer Menschenmenge simuliert.

Massen seien einfacher zu programmieren als Individuen, erklärt Fanni Fetzer einen Denkansatz Wedemeyers. «Wie vorhersehbar unser Verhalten bei den Dreharbeiten war, fühlt sich unheimlich an», schreibt die Kuratorin im Katalog. Zeit, der Masse auf den Grund zu gehen.

Hinweis

Giulia Piscitelli, Clemens von Wedemeyer: «Nella Società, In Gesellschaft». Kunstmuseum Luzern, bis 9.2.2020. Heute, Samstag, 13 Uhr: Die Künstler im Gespräch mit Fanni Fetzer, Kuratorin der Ausstellung und Direktorin Kunstmuseum Luzern. www.kunstmuseumluzern.ch

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